Wenn die Nichtwähler die Mehrheit stellen

Mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten blieb der OB-Stichwahl fern.
Foto: Christian Kruse
Der Zahlenspiegel ist nicht unbekannt, hat fast schon Tradition. Bei der Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt zwischen Sieger Jascha Rohr (Grün/Schwarz) und Verlierer Ulf Prange (Rot) hat die Wahlbeteiligung eine zumindest mitentscheidende, wenn nicht ausschlaggebende Rolle gespielt. Sie ist gegenüber der ersten Runde vor zwei Wochen um 19 Prozentpunkte gesunken (von 63,45 auf 44,42 Prozent). Im Vergleich zur Stichwahl vor fünf Jahren (bei der die Beteiligung höher lag als in der ersten Runde) sank sie um rund 15,9 Punkte.
Das Spiel mit Punkten und Prozenten verwirrt gelegentlich. Die harte Währung sind die echten Zahlen – und die vermitteln erst die eigentliche Problematik (ganz unabhängig von Siegern und Besiegten). Rohr hat in der Stichwahl 30.792 Stimmen (51,55 Prozent) geholt und damit um 4940 Stimmen (21 Punkte) zugelegt. Der im ersten Wahlgang in Führung liegende Prange brachte es auf 28.942 Stimmen (48,45 Prozent) und damit auf ein Plus von gerade mal 866 Stimmen. Zum Vergleich: Vor fünf Jahren hatte Vorgänger Jürgen Krogmann in der Entscheidung 43.493 Stimmen, sein Kontrahent Daniel Fuhrhop 36.949. Die aktuellen Kontrahenten hätten damit gegen beide das Nachsehen gehabt.
Im Vergleich zur ersten Runde sind 25.887 Menschen weniger zur Wahl gegangen. Denen war offenbar egal, wer die nächsten acht Jahre im Rathaus das Sagen hat. Misst man das an der Zahl der Wahlberechtigten (135.299), wird’s noch eindrucksvoller: 75.203 Bürgerinnen und Bürger haben sich weder für Rohrs Umarmung noch für Pranges Bart interessiert. Wem das nicht reicht: Der neue Oberbürgermeister hat den Stimmzettel-Zuspruch von 22,76 Prozent der Wahlberechtigten, sein Gegner von 21,39. Mehr als die Hälfte wollte offenbar keinen von beiden. Politikverdrossenheit drückt sich auch in solchen Zahlen aus.
Hoffnung auf kurzfristige Verbesserung ist eher was für Dauer-Optimisten. Oldenburg hat sich in drei Urnengängen binnen zwei Wochen eine explosive Mischung zusammengewählt. Ein Oberbürgermeister, der zwar sympathisch rüberkommt, aber das Gewerbe, mit dem er sich in den nächsten acht Jahren befassen darf (oder muss), nur von außen kennt; ein erst in elf und nach dem Baak-Exodus bei der CDU in zwölf Gruppierungen und Einzelkämpfer zersplitterter Rat, in dem keine Zweier-Kombination für ein solides Bündnis reicht (wobei das Wort solide mit Blick in die Vergangenheit schon hoch gegriffen ist) – und das vor einer Zukunft mit dem so gut wie sicheren Einbruch bei der Gewerbesteuer. Da werden sich manche bald zurücksehnen in eine Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat – wenn es die in der Politik jemals gegeben haben sollte.
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