Farbenspiele vor der Stichwahl

Ulf Prange (links) und Jascha Rohr gehen am Sonntag in die Stichwahl.
Foto: Anja Michaeli
Was auch immer das Wahlvolk an bunten Mischungen im Rat anrührt, in einem Punkt gibt’s in der Stadt Verlässliches. Die Entscheidung über den Oldenburger Oberbürgermeister fällt immer erst im zweiten Wahlgang, der sogenannten Stichwahl, und immer ist ein SPD-Mann dabei – nur die Gegenfärbung wechselt; erst häufig schwarz, zuletzt grün und nun, am 27. September, grün-schwarz.
Also: Ulf Prange (SPD) gegen Jascha Rohr (parteilos für Grüne / CDU) – oder: fleischgewordene Solidität gegen grün-schwarz-gefiederten Paradiesvogel. Die Konstellation gab’s vor 20 Jahren (in etwas abgeschwächten Konturen) schon mal. Damals siegte der Paradiesvogel, was eine Zeit lang für Turbulenzen in der Stadtpolitik (und Unruhe im Rathaus) sorgte.
Der interessantere (weil ungewöhnliche) der beiden Kontrahenten ist zweifelsfrei Jascha Rohr. Der 51 Jahre alte Unternehmer mit buntem Lebenslauf ist erst von den Grünen und im Nachgang noch von der CDU nominiert worden. Der gebürtige Oldenburger hat erst Musikinstrumentenbau, dann Philosophie und Soziologie studiert und leitet heute als Geschäftsführer ein auf die Organisation von Beteiligungsprozessen spezialisiertes Beratungsunternehme mit Standorten in Oldenburg und Berlin. Sein Vorteil: Er kann mit einem offenherzig-frischen Auftreten Menschen für sich einnehmen, Typ Schwiegersohn mit einer Portion Lausbubencharme, dem es gelungen ist, zumindest einen Teil der anfangs nach dem Überraschungscoup des Vorstandes mit dem Verzicht auf einen eigenen Kandidaten skeptischen CDU-Mitglieder zu gewinnen, sodass es denen jedenfalls nicht mehr unbedingt graut bei der Vorstellung von einem grünen Verwaltungschef. (Auch wenn etliche von ihnen noch insgeheim mit den Zähnen knirschen.) Zudem hat er einen fulminanten Social-Media-Wahlkampf hingelegt, ganz auf die jüngere Wählerschaft abgestimmt. Sein Nachteil: Ihm fehlt jegliche Erfahrung auf den Feldern, über die er sich im Fall seiner Wahl wird bewegen müssen. Parteien, Verwaltung und politische Gremien kennt er nur von außen.
Da hat ihm Platzhirsch Prange einiges voraus. Der 51 Jahre alte Jurist sitzt (mit dreieinhalbjähriger Unterbrechung) seit 2006 im Rat der Stadt und seit 2013 im Landtag, als dreimal in Folge direkt gewählter Abgeordneter für den Stadtsüden. Einer, der sich auskennt in allen Schattierungen lokaler und regionaler Politik. Der Oldenburger hat schon einmal die Nachfolge des amtierenden Oberbürgermeisters Jürgen Krogmann angetreten: als SPD-.Vorsitzender. Das Amt gab er nach seiner Wahl zum Ratsfraktionsvorsitzenden wieder ab. Prange ist der Prototyp des vertrauten, wiedererkennbaren Gesichts; einer, dem man immer einen Gebrauchtwagen abkaufen würde (um diesen Kalauer aus dem US-Wahlkampf von 1960 noch mal auszugraben). Da gibt’s nichts Unwägbares, da weiß das Volk, woran es ist – und was es bekommt.
Allerdings hat der Mann auch ein Problem: Prange muss permanent gegen ein Doppel-Image ankämpfen. Das eine ist falsch, das andere eher zutreffend. Irgendjemand hat für ihn mal das Etikett erfunden: „Krogmann mit Bart“. Das hat sich verfestigt und folglich verbreitet; ist zwar ein flotter Spruch, aber schlichter Unsinn. Beider Charaktere könnten unterschiedlicher kaum sein. Krogmann war immer der Vorweg-Marschierer, der egal ob bei Landtagsmandat, Parteivorsitz oder OB-Kandidatur stets als Erster den Hut in den Ring geworfen hat nach dem Motto „Ich will das, ich kann das, und ich mach das“ (Gerd Schröder lässt grüßen). Prange dagegen hat, nachdem Krogmann (wie schon länger erwartet) erklärt hatte, nach zwölf Jahren im Amt nicht erneut antreten zu wollen, auf Nachfrage gerade mal ein „dass ich mir eine Kandidatur grundsätzlich gut vorstellen kann, ist kein Geheimnis“ zu Protokoll gegeben.
Der scheidende OB war (und ist) einer, bei dem man Führungen nicht extra bestellen musste und dessen Ellenbogen zum Gebrauch bestimmt waren. Das hat die Anzahl seiner Freunde nicht nennenswert gesteigert. Beim Nachfolge-Kandidaten gibt es das Phänomen, dass, wen immer man außerhalb der politischen Blase zu ihm befragt, als erstes eine Bemerkung fällt wie „Prange … ah ja, netter Kerl“. Was da auf den ersten Blick sympathisch rüberkommt, ist auf den zweiten Indiz für ein Defizit: Es fehlen die Ecken und Kanten, die es zur Profilierung braucht. Wenn man genau hinhört, klingt das auch bei einem in Kritik am OB ohne Bart verpackten Lob eines alten SPD-Fuhrmanns durch: „Unser Mann ist teamfähig“, sagt er. „Im Gegensatz zu seinem Vorgänger“. Das ist die direkte Verbindung zum anderen Image: Zögerlichkeit und gedämpfte Konfliktbereitschaft. Ein Bild, das sich auch im, sagen wir mal, gemessenen Wahlkampf widerspiegelt. Das Label passt schon eher, wird auch durch Vergangenes gestützt. Als sich etwa vor fünf Jahren zwei seiner Genossinnen in der Fraktion um das Amt der Bürgermeisterin fetzten, hat er die Sache laufen lassen statt einzugreifen, wie es als Vorsitzender angezeigt gewesen wäre.
Im ersten Wahlgang hatte das vertraute Gesicht die Nase vorn. Indes: 2,62 Prozentpunkte Vorsprung vor dem Paradiesvogel sind nicht die Welt. Wie sich die Wahlbeteiligung entwickelt, wie sich die Stimmen für die anderen sieben aus der ersten Runde verteilen, und wie sich vor allem die Christdemokraten verhalten (in der Wahlkabine schaut niemand über die Schulter), das ist ungewiss und reine Spekulation. Es bleibt spannend.
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