Politik

Kommentar: Politik kann auch Spaß machen

Für eine echte Überraschung sorgte jüngst der Vortrag des Bundestagsabgeordneten Dr. Carsten Linnemann (CDU) als Gastredner.

Der Vorsitzende des Kleinen Kreises Martin Steinbrecher (links), Geschäftsführer Jürgen Lehmann (rechts) und Gastredner Dr. Carsten Linnemann bei der Vortragsveranstaltung „Wirtschaft und Politik“.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Für eine echte Überraschung sorgte jüngst die Wirtschaftliche Vereinigung Oldenburg „Der Kleine Kreis“ mit ihrer Vortragsveranstaltung „Wirtschaft und Politik“ mit Dr. Carsten Linnemann, Mitglied der CDU-Bundestagsfraktion und Bundesvorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU, als Gastredner. Bevorzugt laden Veranstalter Redner ein, die das sagen, was alle gern hören. Doch dieses langweilige und wenig geistigen Gewinn bringende Muster wurde mit Carsten Linnemann durchbrochen.

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Der 39-Jährige entpuppte sich nicht nur als inhaltlich fundiert, er war ein exzellenter Vortragender, der weder Zettel noch gähnend langweilige Folien benötigte, um seine Gedankengänge zu vermitteln. Vielmehr war der Mann engagiert, beherzt und vor allem authentisch. Wo gibt es das heute noch? Zumal wenn es sich um einen Politiker handelt. Er nahm kein Blatt vor den Mund, sprach aus, was er denkt, verstand es zu argumentieren und war dabei von erfrischender Art.

Sofort tauchte der Wunsch auf, viele Carsten Linnemanns im Deutschen Bundestag anzutreffen, die noch in der Lage sind, klar und im Sinne derer zu denken, die sie dort hingeschickt haben, nämlich die Wähler. Der gelernte Betriebswirt interessiert sich primär für die Bürger, ihren Alltag, ihre Sorgen, ihre Kritik, ihre Wut und Hilflosigkeit Politikern gegenüber. Selbst wenn ihm regelmäßig der Satz entgegenschleudert „Politiker machen ohnehin was sie wollen“, bleibt er souverän. Verfällt nicht in Rechtfertigungstiraden, sondern fragt, warum ein Mensch das meint, wie er zu diesem Eindruck kommt und ob was dran ist. Wo erleben wir das heute noch?

Carsten Linnemann hatte sogar Verständnis für diesen Satz. Vermutlich weil er noch nicht restlos vom Bürger entfernt und abgehoben ist, weil er noch weiß, was Butter und Brot kosten, wie hart Menschen täglich arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. Vor allem aber hat er sich den klaren Menschenverstand bewahrt. Auch wagt er, Dinge auszusprechen, die wehtun und zwar mit Überzeugung und ohne Furcht. Er vermisst selbst eine echte inhaltliche Debatte mit These und Antithese, in der man sich in der Sache hart begegnet, im Umgang miteinander aber fair und respektvoll ist. Sogar Widerstand vermisst er in unserer Gesellschaft und leidet selbst ganz offensichtlich unter seiner viel zu oft alternativlosen und aussitzenden Kanzlerin, die all das überhaupt nicht beherrscht, geschweige denn praktiziert und die gegenwärtige politische Kultur maßgeblich geprägt hat.

Carsten Linnemann hat vor seinem Einzug in den Bundestag viel gelernt, ist auf sein Bundestagsmandat nicht angewiesen und kann vermutlich auch deshalb seinen Mund aufmachen. Er stimmte gegen die Euro-Rettungsstrategie für Griechenland, setzte sich für eine Alternative zum Rettungsschirm in Form einer Insolvenzordnung für die Eurozone ein und ist Initiator der Flexi-Rente. Wie lange wird der Mann das durchhalten? Endet er irgendwann wie Wolfgang Bosbach? Oder setzt sich der Linnemann-Geist in Deutschland endlich wieder durch?

Man kann das nur hoffen. Denn die gegenwärtige politische Kultur geht zunehmend vielen Bürgern auf die Nerven, schreckt sie ab, sorgt für Politikverdrossenheit. Genau das ist nicht der Sinn einer Demokratie, die von vielen Politikern gern bei jeder sich bietenden Gelegenheit beschworen wird. Die Alternativlosigkeit, die Aussitzerei, die ewigen Verhandlungen, das taktische Stillhalten gegenüber Diktatoren, all das reicht vielen Bürgern, weil sie noch richtig ticken, weil sie ein gesundes Empfinden haben und keinem Kalkül folgen.

Wir brauchen Politiker eines anderen Stils als des jetzigen. Solche, die sich trauen, die sich treu bleiben, nicht korrumpierbar sind, Abstand halten zu Lobbyisten und sich nicht nur daran erinnern, wer sie eigentlich nach Berlin ins Parlament geschickt hat, sondern sich vor Ort zeigen und vor allem klar und berechenbar äußern. Wenn das dann noch so geschieht wie bei Carsten Linnemann, wo eine Stunde wie im Fluge vergeht, dann macht eine politische Auseinandersetzung wieder Spaß.

Ein Kommentar von Katrin Zempel-Bley.

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7 Kommentare

  1. Karl
    22. Oktober 2016 um 11.46

    Dieser Kommentar sagt m. E. mehr über den gegenwärtigen Zustand des Parlamentarismus in Deutschland aus als jede Kritik.

  2. Werner Lorenzen-Pranger
    23. Oktober 2016 um 11.42

    „Dr.“ Carsten Linnemann sagt, wenn ich das bisher über ihn hier Gelesene halbwegs richtig deute, das, was konservative Politiker halt so sagen. Wer Fakten will, sollte sich vielleicht mal die Fotos der Dorothea Lange aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ansehen, die das Elend der Wanderarbeiter zeigen, und die dann mit Zuständen von heute auf den Campingplätzen um die Großstädte im Deutschland und den Zeltstädten in den USA vergleichen..
    Dazu könnte man noch ein sehr erhellendes Interview mit Noam Chomsky in der Süddeutschen vom 21. 10. 2016 (also vom letzten Freitag) lesen – und dann entsteht schon mal ein sehr viel realistischeres BIld der Lage. Seit rund hundert Jahren keine Veränderung, schon gar keine Verbesserung, der Lage von Geringverdienern in den „westlichen Ländern“ – oder gar der „freien Welt“?
    Ich frage ich immer mal wieder, auf welchem Jahrmarkt so mancher seinen „Dr.“ wohl geschossen hat – und einem Bosbach ist dieser Mann jedenfalls sehr viel näher als der alltäglichen Realität der „einfachen Leute“.

  3. Barbara Klebinger
    23. Oktober 2016 um 22.09

    … nicht Politikverdrossenheit sindern POLITIKERverdrossenheit !
    Solange mein kleines Gedicht über die Demokratie tatsächlich Geltung behält, wird für Bürger als Wähler nichts änderbar :

    Kaum hat der Wähler sein Kreuz gemacht,
    wird in der Partei darüber gelacht.
    Was der Wähler hat gedacht,
    wird nun bestimmt nicht mehr gemacht.

    Solange Parteien und gewählte Politiker sich die Freiheit nehmen, nach einer Wahl Koalitionen und Fraktionen einzugehen, mißbrauchen diese Politiker das Vertrauen der Wähler !

    • Karl
      24. Oktober 2016 um 12.03

      @Barbara Klebinger,

      >Solange Parteien und gewählte Politiker sich die Freiheit nehmen, …

      Koalitionen sind per se nichts Böses und m. E. der Alleinherrschaft einer Partei vorzuziehen. Etwas anderes ist es allerdings, wenn sich ansonsten spinnefeind gebende Parteien koalieren, nur um einen unliebsamen Konkurrenten von den Trögen fernzuhalten. In den Medien wird so etwas m. W. gern als „Cordon sanitaire“ bezeichnet. Ich fände den Ausdruck „Cordon de merde“ allerdings treffender.

      • Werner Lorenzen-Pranger
        25. Oktober 2016 um 10.33

        Skid Row, die Straße der Verlorenen

        Übrigens: In Deutschland leben eine zunehmende Zahl von Arbeitnehmern, die morgens im weißen Hemd mit Krawatte zur Arbeit gehen, auf Campingplätzen. NIcht im Wohnwagen, im PKW – Studenten zelten zum Teil noch oder kriechen in überfüllten Wohngemeinschaften unter. Seltsam, daß darüber in Deutschen Zeitungen nicht berichtet wird.
        Das alles geschieht, während der „Bürger“ für viele Produkte des alltäglichen Bedarfs zweimal zahlt. Einmal über die Steuern mit denen solche Produkte dann subventioniert werden und dann über den Kaufpreis. Die Gewinne bleiben dann natürlich bei den jeweiligen Herstellerfirmen.
        Nee, da will man natürlich keine politischen Gruppierungen an Schaltstellen haben, die den Beschiß dann womöglich aufdecken und verhindern. Armes, armes VW z.B., dann müßtet ihr euren Schrott ja selber und mit eigenem Geld entwickeln – und die Piëchs (z.B.) dieser Welt würden doch glatt verarmen…

  4. Werner Lorenzen-Pranger
    25. Oktober 2016 um 11.34

    Fortsetzung, ich wurde unterbrochen:
    Natürlich bekommen die Politiker, die so etwas möglich machen, auch ihren Anteil. Sie halten „auf Einladung“ Vorträge – oft für ein Honorar, für das ein Lehrer, der eine echte Leistung erbringt, mindestens einen Monat lang arbeiten muß oder auch (viel) mehr.
    Übrigens versuchen immer mehr Betriebe auch in die Schulden hinein zu regieren in dem sie den Unterricht funktionalisieren lassen. Allgemeinbildung ist ja schon heute an vielen Stellen ein unbekanntes Fremdwort.

  5. Werner Lorenzen-Pranger
    25. Oktober 2016 um 11.42

    Pardon: In die Schulen, nicht in die Schulden hinein regieren!
    Zufall, daß ich gerade höre, daß es Studenten gibt, die zur Tafel gehen müssen!

    Auch in diesem Zusamenhang erstaunlich, daß das Thema Schauspieler-Gagen (Lisa Jopt) bisher der NWZ überlassen bleibt. Ich finde, das wäre hier deutlich besser aufgehoben.