Oldenburg

Grünkohl: „Oldenburger Palme“ aus dem Labor

Christoph Hahn füllt die verschiedenen Grünkohlpulver in kleine Gläser, um später deren Inhaltsstoffe zu analysieren.

Christoph Hahn füllt die verschiedenen Grünkohlpulver in kleine Gläser, um später deren Inhaltsstoffe zu analysieren.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Oldenburg (zb) Rund 50 Kohlsorten hat Christoph Hahn im Botanischen Garten in Oldenburg am Küpkersweg gepflanzt. Allerdings nicht, um sie zu verzehren sondern zu erforschen. Der 26-Jährige ist Biologe, hat seine Bachelor- und Masterarbeit bereits der Grünkohlpflanze gewidmet und will im Rahmen seiner Doktorarbeit maßgeblich zur Züchtung der Sorte „Brassica oleracea cv. Oldenburgia“ oder einfacher ausgedrückt „Oldenburger Palme“ beitragen.

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Mit Grünkohl ist er groß geworden. Dass er aber eines Tages die Pflanze erforschen wird, ahnte er nicht. „Meine wissenschaftliche Begegnung mit Grünkohl war eher zufällig“, erzählt er. Doch dann hat die äußerst gesunde Pflanze ihn derart fasziniert, dass sie zu seinem Forschungsmittelpunkt geworden ist. „Grünkohl beugt Krebs- und Herzerkrankungen und Makuladegeneration (Anmerkung: Erkrankungen der Netzhaut des Auges) vor“, sagt er. „In welcher Konzentration wertvolle Inhaltsstoffe in den Pflanzen enthalten sind, das erforsche ich.“

In diesen Gläsern lösen sich die Inhaltsstoffe aus dem Grünkohlpulver, die Christoph Hahn mit Hilfe eines Massenspektrometers analysiert.

In diesen Gläsern lösen sich die Inhaltsstoffe aus dem Grünkohlpulver, die Christoph Hahn mit Hilfe eines Massenspektrometers analysiert.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Rund 50 Kohlsorten hat Christoph Hahn im Botanischen Garten für seine Grünkohlforschung gepflanzt.

Rund 50 Kohlsorten hat Christoph Hahn im Botanischen Garten für seine Grünkohlforschung gepflanzt.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Palmizzio heißt diese Kohlsorte aus der Toskana, über die sich Schädlinge bevorzugt hermachen.

„Palmizzio“ heißt diese Kohlsorte aus der Toskana, über die sich Schädlinge bevorzugt hermachen.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Fast 50 alte und neue Sorten mit so phantasievollen Namen wie Buss Bunde, Palmizzio, Ditzum oder Redbor hat der Biologe zeitgleich gepflanzt, gehegt und geerntet. Die Blätter wurden getrocknet und maschinell bearbeitet, so dass am Ende feines Pulver in vielen verschiedenen Grüntönen entsteht. Je zwei Gramm füllt er in kleine Gläser ab, gibt acht Milliliter Alkohol hinzu, lässt sie zwischen 24 und 48 Stunden im Eisfach stehen, damit sich die Inhaltsstoffe aus dem Pulver lösen und er sie mit Hilfe eines Massenspektrometers untersuchen kann. „Ich will unter anderem herausfinden, in welcher Sorte die meisten Senfölglykoside enthalten sind. Sie sind es, die auf Krebszellen wirken“, klärt er auf. Grünkohl enthält zudem viel Vitamin C und Lutein, das Makuladegeneration vorbeugt.

Diese umfangreichen Untersuchungen stellen die Grundlage für die neue Züchtung „Oldenburger Palme“ dar. „Wir wollen also eine Kreuzung mit möglichst vielen positiven Eigenschaften“, sagt Christoph Hahn. Doch um das Optimum herauszuholen, muss er seine Kohlpflanzen während eines ganzen Zyklus immer wieder untersuchen. Denn wann die positiven Inhaltsstoffe am intensivsten in der Pflanze auftreten, ist unbekannt. „Es könnte sein, dass das geschieht, wenn sie von Schädlingen befallen werden. Es könnte aber auch in einer bestimmten Wachstumsphase passieren“, macht der Biologe die Komplexität seiner Forschung deutlich, die von Prof. Dr. Dirk Albach, Direktor des Botanischen Gartens Oldenburg und Leiter der Arbeitsgruppe Biodiversität und Evolution der Pflanzen, unterstützt wird.

Und dann ist da noch der Haken mit den Bitterstoffen. Die befinden sich in den Senfölglykosiden, die wiederum so wichtig für unsere Gesundheit sind. Doch wer isst am Ende die „Oldenburger Palme“, wenn sie zwar gesund ist, aber bitter schmeckt? Ein weiterer Aspekt ist ein möglicher Schädlingsbefall, der die Pflanze zerstört. Die neue Züchtung muss zudem robust sein und unser Klima mögen.

Drei Jahre wird der 26-Jährige die Grünkohlpflanzen untersuchen und am Ende wissen, welche Pflanzen für die neue Sorte „Oldenburger Palme“ ideal wären. Danach müsste die Züchtung erfolgen. So können sich die Grünkohlfreunde in fünf bis zehn Jahren auf die neue Sorte freuen. Allerdings entfaltet sie nur ihre vorbeugende Wirkung, wenn der Kohl nicht stundenlang kocht sondern wie jedes anderes Gemüse kurz und schonend zubereitet wird, damit die Inhaltsstoffe nicht verloren gehen.

Interessant dürfe die Erforschung der Grünkohlpflanzen auch für die Pharmaindustrie sein, die ständig auf der Suche nach geeigneten Pflanzen ist, die in der Lage sind, schwere Krankheiten zu bekämpfen. Grünkohl könnte vielleicht bald dazu gehören und somit nicht nur in unseren Töpfen landen. Unterstützt wird die Forschung von Christoph Hahn und Dirk Albach von der Oldenburg Tourismus GmbH (OTM). In der Oldenburger Tourist-Information gibt es den Kohltourhauptstadt-Kochlöffel aus Buchenholz zu kaufen. Der Erlös kommt dem Forschungsprojekt zu gute. Es ist den Grünkohlfans, die sich bereits heute auf „Brassica oleracea cv. Oldenburgia“ freuen, zudem unbenommen, die Forschung durch Spenden zu unterstützen.

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