Leserbrief: Am Bedarf vorbei?

Sozialer Wohnungsbau in Oldenburg.

Sozialer Wohnungsbau in Oldenburg.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Oldenburg Zum Thema „Aktuelle Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt“ hat uns Michael Bättig aus Oldenburg einen Leserbrief geschrieben. Anlass ist das 5. Oldenburger Wohnforum, das unter dem Motto „Mehr Wohnraum für Oldenburg – wie schaffen wir das?“ am Montag, 28. November, 19 Uhr im Theater Wrede, Klävemannstraße, stattfinden wird. Der Leserbrief wird ungekürzt veröffentlicht.

I. Der sachliche Teil – Zahlen

1. Einwohnerprognosen und Wohnungsbedarf

Einwohnerentwicklung in Oldenburg bis 2050.

Tabelle 1: Einwohnerentwicklung in Oldenburg 2000 bis 2050.
Quelle: Wohnkonzept 2025 der Stadt Oldenburg. Endbericht / Kurzfassung, Februar 2013 / Mai 2014, Seite 3

Anzeige

Nach der Prognose der Verwaltung im „Wohnkonzept 2025“ wird sich die Einwohnerzahl der Stadt Oldenburg bis 2025 auf 165.576 Einwohner erhöhen, die in 91.176 Haushalten leben. Hierbei wird die aktuell durchschnittliche Haushaltsgröße in Oldenburg von 1,82 Personen pro Haushalt zugrunde gelegt. Danach wird aufgrund der demographischen Entwicklung die Einwohnerzahl wieder langsam zurückgehen (Tabelle 1).

Wohnungs und Wohnbauflächenbedarf.

Tabelle 2: Fortgeschriebener Wohnungs und Wohnbauflächenbedarf.
Quelle: Wohnkonzept 2025 der Stadt Oldenburg. Endbericht / Kurzfassung, Februar 2013 / Mai 2014, Seite 8

Die vorhergesagten Einwohnerzahlen sind maßgeblich für die benötigten Wohneinheiten (WE). Nach der im Jahr 2012 von der Verwaltung aktualisierten Bedarfsplanung im „Wohnkonzept 2025“ müssten von 2012 bis 2025 5960 WE erstellt werden, um den Bedarf zu decken, durchschnittlich pro Jahr 426 (Tabelle 2).

2. Wohnungsbedarf und Wohnungsfertigstellungen

Baufertigstellungsstatistik. Zugänge von Wohnungen in Wohn- und Nichtwohngebäuden 1985 bis 2014.

Tabelle 3: Baufertigstellungsstatistik: Zugänge von Wohnungen in Wohn- und Nichtwohngebäuden 1985 bis 2014.
Quelle: Stadt Oldenburg, Fachdienst Geoinformation und Statistik

Tatsächlich wurden von diesen fehlenden 5960 WE bis Ende 2015 bereits 4068 fertiggestellt (Tabelle 3 und 4). Demnach fehlen bis 2025 nur noch 1892 WE. Das wären pro Jahr durchschnittlich nur noch 189.

3. Aktuelle Einwohnerentwicklung und Wohnungsbedarf

Nun steigt die Einwohnerzahl aber schneller als im „Wohnkonzept 2025“ angenommen. Die Angaben zur aktuellen Einwohnerzahl weichen allerdings erheblich voneinander ab, weil die Einwohnerdatei der Stadt mit den amtlichen Zahlen des Landes, die durch Volks- zählung und Mikrozensus korrigiert werden, nicht abgeglichen werden darf.1

Während die amtliche Statistik (31. Dezember 2015 163.830 Einwohner zählt, beträgt die Einwohnerzahl laut Meldedatei der Stadt Ende 2015 165.096 Einwohner, laut Oldenburger Onlinezeitung sogar 166.600 im November 2016.2

Gehen wir von den 165.096 Einwohnern der städtischen Meldedatei Ende 2015 und der durchschnittlichen Haushaltsgröße von 1,82 Personen aus, so wurden Ende 2015 also 90.697 Wohnungen benötigt.3 Tatsächlich gab es 89.598.4 Rein rechnerisch fehlten Ende 2015 also 1099 Wohnungen in Oldenburg.

4. Die aktuelle Entwicklung der Bautätigkeit

baufertigstellungen

Tabelle 4.
Quelle: Amt für Umweltschutz und Bauordnung: Leistungsbericht des Fachdienstes Bauordnung und Denkmalschutz für das 1. Halbjahr 2016. Ausschuss für Stadtplanung und Bauen am 15. September 2016

Im Jahr 2015 wurde der Bau von 1372 und im ersten Halbjahr 2016 von weiteren 934 zusätzlichen WE genehmigt, eine Steigerung gegenüber dem ersten Halbjahr 2015 um 135 WE (Tabelle 4).

Haushalte, WE und Baufertigstellungen; Baufertigstellungen an Bedarf angepasst ab 2018.

Grafik 1: Haushalte, WE und Baufertigstellungen; Baufertigstellungen an Bedarf angepasst ab 2018.
Quelle: Stadt Oldenburg, eigene Berechnungen

Wenn wir vorsichtig hochgerechnet von insgesamt 1500 genehmigten WE für das ganze Jahr 2016 ausgehen, und wenn wir wiederum vorsichtig davon ausgehen, dass von den 1372 in 2015 und den 1500 in 2016 genehmigten WE nur drei Viertel bis 2017 fertiggestellt werden (also 1029 in 2016 und 1125 in 2017), dann wären rein rechnerisch mit 2154 bis Ende 2017 fertiggestellten WE die laut „Wohnkonzept 2025“ bis 2025 benötigten 91.176 WE bereits Ende 2017 mit 576 WE überschritten.

weiter-so

Grafik 2: Haushalte, WE und Baufertigstellungen; Baufertigstellungen „Weiter so“: durchschnittlich 900 WE pro Jahr ab 2018.
Quelle: Stadt Oldenburg, eigene Berechnungen

Doch selbst wenn wir für 2016 die Einwohnerzahl der städtischen Meldedatei von 166.600 zugrundelegen und sogar noch von einer kontinuierlich Steigerung auf 170.000 Einwohner bis 2020 ausgehen, würden Baufertigstellungen in der Größenordnung von durchschnittlich mehr als 900 WE pro Jahr – wie in den letzten fünf Jahren – bereits ab 2018 zur Übersättigung des Marktes führen. (Grafiken 1 und 2)

II. Der polemische Teil – Oldenburg: Stadt der stinkenden Stiesel?

1. Wen kümmert’s?

Wenn in Oldenburg munter weiter so drauflos gebaut wird wie bisher und die Eigentums- und Mietwohnungen bald nicht mehr wie jetzt zu überhöhten Preisen verkauft oder vermietet werden können, dann trifft das zunächst einmal die Kapitalinvestitionsgesellschaften und privaten Bauträger, die auf Immobilien als Renditeobjekte gesetzt haben; Investitionen im Kapitalismus sind immer ein gewisses Risiko – wer sich verzockt, hat selber Schuld.

Und ehe die neu gebauten Wohnungen billiger verkauft oder vermietet werden, bleiben sie in der Regel erstmal leer stehen – kleine Hoffnung also, dass demnächst nicht noch mehr neureiche Stiesel mit ihren lächerlich überdimensionierten Diesel-SUVs die Stadt vollstinken und mit ihrem luxuriösen Lebensstil unnötig viel Energie verschwenden.5 Also wen kümmert’s?

2. Angebot und Nachfrage

Und aktuell kümmert es natürlich alle, die trotz des Baubooms noch immer keine geeignete und für sie bezahlbare Wohnung finden – denn obwohl rein rechnerisch der Bedarf verglichen mit der Zahl der Haushalte Ende 2015 bei nur 1099 neuen WE liegt, stehen auf der Interessentenliste der GSG seit 2012 Jahr für Jahr zwischen 4500 und mehr als 5000 Menschen. Allein nach dieser Liste (es gibt neben den Menschen auf der GSG-Liste sicher noch weitere Wohnungssuchende in Oldenburg) fehlen knapp 4000 kleine Wohnungen für Ein- bis Zwei-Personenhaushalte mit einer Bruttomiete von maximal 600 Euro im Monat (Tabelle 7).

Interessenten bei der GSG.

Tabelle 7: Interessenten bei der GSG.
Quelle: GSG Oldenburg

Wenn wir dann noch berücksichtigen, dass es sich bei den aktuellen Steigerungen der Einwohnerzahlen zu einem großen Teil um Geflüchtete handelt, die sich kaum eine 60 Quadratmeter große Wohnung im Johanneshof für 240.000 Euro kaufen werden, dann könnte man mal darüber nachdenken, warum überhaupt und für wen eigentlich so viel gebaut wird in Oldenburg.

3. Viele Jahre rot-grüne Mehrheiten in Oldenburg …

Seit 2012 wird am aktuellen Wohnungskonzept der Stadt Oldenburg gearbeitet und davon geredet, genügend Wohnraum auch für einkommensärmere Menschen in Oldenburg zu schaffen. Wohnraumförderungsprogramme, Quotenregelungen, Belegungsbindung, Leerstandskonzepte … Seit 2012 hat sich die Zahl der Menschen mit geringeren Einkommen, die vergeblich eine für sie bezahlbare Wohnung suchen, nicht verringert. Erfolgreiche Konzepte sehen anders aus.

Die Stadt wurde stattdessen von der Wohngeldreform, die Anfang 2016 in Kraft trat, kalt erwischt: Die Mietobergrenzen für Grundsicherungsberechtigte mussten nun endlich auch in Oldenburg an die harte Realität des Wohnungsmarktes angepasst werden. Statt diesen Anstoß von außen nun aber mit effektiven Konzepten zur Schaffung günstigen Wohnraums aufzugreifen, steckt die Stadt lieber Geld in die Erstellung eines sogenannten „Schlüssigen Konzepts“ – in der Hoffnung, so die Mietobergrenzen wieder absenken und Geld auf Kosten der Ärmsten einsparen zu können.

Wenn die Stadt angesichts dieser Entwicklungen mit Stolz die Festlegung einer Quote von 20 Prozent sozialen Wohnungsbaus auf städtischen Grundstücken verkündet, dann stellt sich schon die Frage, was mit Erfolg gemeint ist?

4. Nachhaltige und sozial gerechte Wohnungspolitik? Wer?

Eine nachhaltige und sozial gerechte Wohnungspolitik würde mit einem Sofortprogramm

  • 1. die Zahl der Baugenehmigungen auf den tatsächlichen Bedarf reduzieren,
  • 2. die Quote für private Bauträger zur Schaffung günstigen Wohnraums auf mindestens 50 Prozent erhöhen,
  • 3. die Subventionen privater Bauträger komplett auslaufen lassen,
  • 4. in gemeinsamer Trägerschaft mit kommunalen Wohnungsbaugesellschaften mindestens 2000 bis 3000 Sozialwohnungen in den nächsten drei Jahren bauen (beim aktuell niedrigen Zinssatz wäre das sogar eine lohnende Zukunftsinvestition in das Vermögen der Stadt),
  • 5. parallel dazu Mehrgenerationen-, nachhaltige und soziale Wohnprojekte (wie zum Beispiel Breslauer Straße und Glashüttensiedlung) fördern,
  • 6. die ökologische Sanierung und Modernisierung im Altbestand der Wohnungsbaugesellschaften unterstützen.

Nachhaltige und sozial gerechte Wohnungspolitik scheint nicht rot-grün zu sein. Über Wohnungsstandards und Lebensqualität im Quartier haben wir dabei noch gar nicht geredet.

Anmerkungen

1 „Die Einwohnerzahl der eigenen Einwohnerdatei wich insbesondere seit der Volkszählung 1987 immer von den amtlichen Zahlen ab. Dies erklärt sich daraus, dass das Einwohnerregister nicht aufgrund der Volkszählungsdaten überarbeitet und korrigiert, sondern stets fortgeschrieben wurde (Verbot des Melderegisterabgleichs). Nach dem Zensus 2011 (registergestützte Volkszählung) werden weiterhin Abweichungen zwischen der amtlichen Einwohnerzahl und der des Melderegisters auftreten, da das Verbot eines Datenabgleichs weiterhin gilt.“ (Fachdienst für Geoinformation und Statistik der Stadt Oldenburg: http://www.oldenburg.de/fileadmin/oldenburg/Benutzer/PDF/40/402/0202-2015-Internet.pdf, 22. November 2016).
2 https://www.oldenburger-onlinezeitung.de/oldenburg/einwohnerzahl-14728.html, 22. November 2016.
3 Inklusive Ersatzbedarf von 0,1 Prozent und Mobilitätsreserve von 1 Prozent wären es 91.695 WE.
4 Bautätigkeit und Wohnungen. Bestand an Wohnungen. Fachserie 5 Reihe 3. Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2016.
5 Vergleiche die hochinteressante aktuelle Untersuchung des Bundesumweltamtes zum Energieverbrauch in privaten Haushalten, die belegt, dass je höher das Einkommen ist, desto mehr Energie verbraucht wird: Texte 39/2016, Umweltforschungsplan des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit: Repräsentative Erhebung von Pro-Kopf-Verbräuchen natürlicher Ressourcen in Deutschland (nach Bevölkerungsgruppen).

Ein Leserbrief von Michael Bättig.

Leserbriefe geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

Mehr aus diesem Ressort
OldenburgKommunalwahl: Briefwahl startetOldenburgSieben neue Fahrgeschäfte auf dem KramermarktOldenburgHeiligengeistpark wegen Bauarbeiten gesperrt
Startseite Kommentieren
Weitere Artikel
NachrichtenProtest gegen AfD-Annäherung – Austritte beim BSW Sachsen-AnhaltNiedersachsenMotorradfahrer am Kesselberg bei Braunlage schwer verletztNachrichtenBulgarien: Drohne in Nähe von wichtiger Gaspipeline explodiertNiedersachsenNeuer Gewaltpräventionserlass in Niedersachsen in KraftSport2. Bundesliga: Braunschweig schießt Magdeburg abNachrichtenUnion kritisiert geplante Steueränderung für Vereine
StellenmarktJobs in OldenburgAktuelle Stellenangebote aus Oldenburg und der Region.LokalesNachrichten aus OldenburgAlle Meldungen aus der Stadt auf einen Blick.Immer informiertWhatsApp-KanalDie wichtigsten Nachrichten direkt aufs Handy.MenschenOldenburger/in des MonatsJeden Monat ein besonderes Gesicht der Stadt.
Im FokusTopthemenKommunalwahl 2026StadionneubauCäcilienbrücke
Social MediaFolge unsFacebookInstagramYouTubeTikTok