Oldenburg

Kältebus: Erste Hilfe der anderen Art

Erste Hilfe der besonderen Art leisten die Johanniter in Oldenburg mit ihrem Kältebus für Obdachlose.

Erste Hilfe der besonderen Art leisten die Johanniter in Oldenburg für Obdachlose.
Foto: Lehmann

Oldenburg (zb) Die kalte Jahreszeit macht sich spürbar bemerkbar. In einigen Regionen des Oldenburger Landes gab es bereits erste Nachtfröste. Aber nicht alle Menschen können sich in eine warme Wohnung zurückziehen. Manch einer ist obdachlos, lebt auf der Straße, übernachtet im Freien oder versucht sich nachts an geduldeten Orten warm zu halten. Darauf reagieren die Johanniter in Oldenburg mit ihrem Kältebus. Der steht ab sofort an kalten Tagen am Bahnhofsvorplatz in Oldenburg und versorgt Obdachlose mit Kaffee, Tee und verteilt Decken.

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Die Johanniter in Oldenburg haben es sich zur Aufgabe gemacht, Obdachlosen und hilfsbedürftigen Menschen, insbesondere in der kalten Jahreszeit, zu helfen. „Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Handlungsbedarf bei der Betreuung von obdachlosen Menschen besteht“, erklärt Anja Schlottke, Gruppenführerin der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) der Johanniter in Oldenburg. „Viele wissen nicht, dass sie in Notunterkünften übernachten können oder haben einfach nicht genug persönlichen Besitz und / oder Geld, um sich optimal vor der Kälte zu schützen“, berichtet sie.

Bis zu 140 Menschen suchen den Tagesaufenthalt auf

Das Diakonische Werk betreibt in Oldenburg einen Tagesaufenthalt für Wohnungs- und Obdachlose. Bis zu 140 Menschen suchen ihn täglich auf. Sie alle benötigen bezahlbaren Wohnraum. Doch den gibt es in Oldenburg kaum noch. Die, die am wenigsten haben, deren Chancen werden immer geringer, bezahlbaren Wohnraum zu bekommen. Die Diakonie beklagt diese Situation schon länger, doch bislang hat sich wenig getan.

Kein Geld für ausreichend sozialen Wohnungsbau

Investoren ziehen es vor, teure Wohnungen in Oldenburg zu bauen, um entsprechend gut zu verdienen. Die Stadt selbst hat kein Geld für ausreichend sozialen Wohnungsbau. Und so schlüpfen Wohnungslose bei Verwandten und Freunden unter, während Obdachlose diese Möglichkeit nicht haben. Beim Tagesaufenthalt sind gegenwärtig rund 200 Menschen postalisch gemeldet. Wie viele tatsächlich von Obdachlosigkeit betroffen sind, weiß niemand genau.

Die Nachfrage im Tagesaufenthalt ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich mehr geworden. Grund ist der hohe Druck auf den Wohnungsmarkt. Das hängt auch mit der steigenden Einwohnerzahl zusammen. Während sich Oldenburgs Oberbürgermeister Jürgen Krogmann über die hohe Attraktivität der Huntestadt freut, schlagen andere die Hände über den Kopf zusammen. So haben sich laut Stadtverwaltung in den vergangenen zwölf Monaten rund 1500 Neubürger in Oldenburg angemeldet. Fakt ist laut Verwaltung, dass die Zahl der Einwohner in Oldenburg in der ersten Jahreshälfte 2018 auf 170.000 Menschen steigen soll. Gegenwärtig leben 168.000 Menschen in der Huntestadt.

Das Problem der Obdachlosigkeit wird deutlicher spürbar

Geld für sozialen Wohnungsbau gibt es derzeit zu wenig, heißt es seitens der Diakonie. Weder Bund, Land noch Kommune würden ausreichend Mittel zur Verfügung stellen. Der Winter beziehungsweise die kalten Tage kommen dagegen garantiert. Und sobald die Temperaturen dauerhaft unter fünf Grad plus liegen, wird das Problem der Obdachlosigkeit immer deutlicher sicht- und spürbar.

Kältebus vor dem Oldenburger Hauptbahnhof

Die Johanniter in Oldenburg versuchen deshalb mit ihrem Kältebus, der zunächst jeden Freitag von 18 von 21 Uhr vor dem Oldenburger Hauptbahnhof platziert wird, einen kleinen Lichtblick in das Dasein der Betroffenen zu bringen. Ist das Wetter eiskalt, bauen sich die Johanniter in der Bahnhofshalle auf. Eine Ausweitung auf weitere Tage machen die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer sowohl von der Nachfrage als auch von den Witterungsbedingungen abhängig.

Sie verteilen kostenlos heiße Getränke, Suppen und je nach Verfügbarkeit Decken, Socken und andere wichtige Dinge des täglichen Lebens. „Mit dieser Akuthilfe möchten wir Erste Hilfe der etwas anderen Art leisten“ so Patrick Straßmann, Leiter des Kältebus der Johanniter in Oldenburg. Darüber hinaus sind die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer auch vertrauliche Ansprechpartner für Bedürftige. „Gemeinsam mit anderen sozialen Einrichtungen in Oldenburg können wir auf ein gutes Netzwerk zurückgreifen. Das gibt uns die Möglichkeit, schnell und unbürokratisch Kontakte herzustellen und im besten Fall direkt Lösungen für die Betroffenen zu finden“, sagt Anja Schlottke abschließend.

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9 Kommentare

  1. Markus
    22. November 2017 um 15.05 — Antworten

    Wenn ich das schon wieder höre… „Investoren ziehen es vor, teure Wohnungen in Oldenburg zu bauen,“

    Bei den aktuellen Bauvorschriften u.a. bzgl. Dämmung KANN ein Bauherr gar nicht unterhalb einem bestimmten Quadratmeterpreis bauen. Das ist bundesweit von -zig Architekten, Bausachverständigen und Gutachtern durchgerechnet worden. Der jeweilige Preis ist zwar je nach Region unterschiedlich, aber die Grundtendenz bleibt. Als privater Bauherr Sozialwohnungen zu bauen ist ein Verlustgeschäft – klar, dass das niemand macht.

    Nebenbei: auch teure Wohnungen finden ihren Absatz. Wenn ich mir so ansehe, wie schnell sich die neu gebauten Häuser am Hafen füllen, dann ist der Bedarf da. Und wo kommen diese Bewohner her? Alle von ausserhalb? Nein, die haben andere, vielleicht preiswertere Wohnungen in Oldenburg freigemacht.

    Allerdings: gross, hell, geräumig, mit Garten. zentrumsnah, möglichst Passivhausqualität und das ganze für maximal 300,- warm wird es auch weiterhin nicht geben.

    • W. Lorenzen-Pranger
      23. November 2017 um 6.41 — Antworten

      Ihnen ist schon klar, daß in Deutschland das Bauen so teuer ist wie kaum irgendwo auf der Welt? (Niederlande mal ausgenommen.) Eine Menge völlig idiotischer Vorschriften, erlassen von Politikern ohne jede Ahnung, machens möglich. So wird bei uns immer noch brennbares Dämm-Material (!) verwendet. Aber dafür haben wir dann ja auf ein paar Quadratmeter jede Menge Rauchmelder, die zwar meist nichts taugen aber immer mal wieder grundlos Haustiere verschrecken. Wer da wohl als „Politiker“ wieder einen Verwandten hatte, der all den Müll verkauft…?

    • Manfred Murdfield
      23. November 2017 um 13.18 — Antworten

      Diese kalte Immobilien-Kapitalismus-Diskussion hatten wir doch schon. Nicht alles, was wiederholt wird, wird dadurch verständlicher. Wohnungen werden derzeit nicht aus Mitleid gebaut, sondern weil billiges EZB-Geld und anderer Quellen eine saftige, langfristige Rendite sichern. Vor allem Menschen mit unteren Einkommen müssen aufgrund der „marktliberalen“ Machtsituation immer höhere Anteile des zur Verfügung stehenden Geldes für die Unterkunft ausgeben. Diese unsoziale Entwicklung wird auch vom angeblich SPD-affinen Oldenburg nicht unterbunden. (Aber ob „S“ wie sozial, oder „C“ wie christlich, es sind eben auch nur Worte.) Und: wer nach den geltenden Bauvorschriften im Grundstandard Wohnungen errichtet, kann diese ernsthaft nicht als „Luxus“ bezeichnen, es sei denn aus einem politischem Zynismus heraus. Der s.g. soziale (besser: geförderte) Wohnungsbau scheitert nicht an technischen Vorschriften, sondern daran, dass die zuständigen Länder für die Förderung zu wenig Geld bereithalten, oder weil die Kommunen dies nicht abrufen. Stichwort Sozialstaat. Von einem Unternehmer wird nicht gefordert, das er bezugslose Verluste macht, aber es gab welche, die einen Bezug herstellen konnten z.B. die Herren Fugger oder Krupp, und auch andere.

  2. Manfred Murdfield
    23. November 2017 um 13.48 — Antworten

    Nachtrag: der von „Markus“ beschriebene s.g. Sickereffekt, also es wird ein immer höherer Wohnungsstandard gebaut, und dann „sickern“ die unteren Einkommensgruppen aus dem unteren Standard „nach oben“ durch, ist eine fromme Theorie, an die ich mich noch aus meinem Berliner Stadtplanerstudium der 1970iger Jahre erinnere. Meines Wissens hat dies nie funktioniert, und die Bremer Stadtmusikanten können kaum als Vorbild herhalten. Also der Sickereffekt ist eine Theorie geblieben, weil es mit dem Verhalten der Betroffenen nicht in Übereinstimmung zu bringen ist, und auch nicht nachweisbar ist. Aber vielleicht hat „Markus“ ja Belege.

    • Markus
      23. November 2017 um 22.14 — Antworten

      In der Regel ist es so, dass Leute umziehen, es wird also anderswo eine andere Wohnung frei. Und wenn man aus freien Stück umzieht, dann versucht man doch i.d.R., sich zu verbessern. Jedenfalls ist das in meiner Umgebung so, mich eingeschlossen. Direkt nach der Ausbildung musste ein 1-Zimmer-Wohnklo reichen, später waren es dann 2ZKB und jetzt lebe ich komfortabel in eigenen vier Wänden. In den anderen Wohnungen lebt jetzt irgendwer anderes…

      • W. Lorenzen-Pranger
        24. November 2017 um 11.54 — Antworten

        Nur leider ist es so, daß auch das Ein-Zimmer Wohnklo inzwischen deutlich teurer ist, so daß die Studenbude meiner Kinder unter Umständen so teuer ist wie der Unterhalt eines kompletten Ein-Familienhauses inclusive Reperaturen, Grundsteuer usw. Das war schon mal anders. Ich selbst hatte als Student in Göttingen mal ein Zimmer mit kleiner Küche und kleinem Bad seperaten Bad, ca 60 qm, für 170,- DM. Das ganze mit Öl-Ofen, so daß nur das Öl dazu kam. Heute bekommen sie nirgends mehr ein WG-Zimmer – Gemeinschaftsküche, KEIN seperates Bad -, das den Namen auch verdient für unter 250,- Euro.

  3. Erhard Stammberger
    27. November 2017 um 11.45 — Antworten

    Die Verteuerung des Wohnens liegt ganz wesentlich auch daran, dass die Grundstückspreise steigen. Und Grund und Boden kann unstrittig nicht vermehrt werden. In Oldenburg ist das ganz extrem, da der Preisaufschlag für Flächen für Geschosswohnungsbau erheblich höher ist als anderswo. Mir hat ein Bauträger vor nicht allzu langer Zeit berichtet, dass er in ener einfachen Wohnlage, wo für Einfamilienhäuser ein Bodenrichtwert von etwas über 200 € galt, für ein Grundstück zur dreigeschossigen Bebauung 600 € / m² bezahlen musste. Kein Wunder, dass immer mehr ältere Einfamilienhäuser abgerissen und durch Wohnanlagen ersetzt werden, wenn es der Bebauungsplan zulässt.

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