Kultur

„Lebendige Bibliothek“: Gespräche ohne Berührungsängste

Ilyas Yanc erzählte über die Beerdigungsrituale der Yeziden.

Ilyas Yanc erzählte über die Beerdigungsrituale der Yeziden.
Foto: Anja Michaeli

Oldenburg (am) Die „Lebendige Bibliothek“, die am vergangenen Samstag im Foyer der Volkshochschule (VHS) Oldenburg stattfand, war ein voller Erfolg. Eingeladen hatte der Präventionsrat Oldenburg (PRO), die VHS und die Evangelische Akademie. „Bücher“ und „Leser“ lernten sich kennen und redeten miteinander über Themen, die nicht immer „leichte Kost“ waren. Insgesamt wurden zirka 70 Gespräche in freundlicher Atmosphäre geführt.

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Wie in einer echten Bibliothek konnten die Leser zunächst aus einem Katalog auswählen. Wobei ihnen als „Bücher“ zwölf Menschen für 30-minütige Gespräche in der „Ausleihe“ bereitstanden. Die Themen waren Baby Blues, Erfolgreiche Geschäftsfrau, Flüchtling, Homosexuelle Person, Konvertierte Muslima, Kranker Straftäter, Obdachlose Person, Person mit Beeinträchtigung, Person mit Lese- und Schreibschwäche, Sinti und Roma, Ungewöhnliche Bestattungsrituale (Yezidentum) und Veganerin. „Menschen können so ins Gespräch kommen, Nachfragen stellen und haben eine Chance, ein neues Bild für sich zu entwickeln“, erklärt Melanie Blinzler vom PRO. Als Oberthema hatten sich die Kooperationspartner für gesellschaftliche Gruppen entschieden, die häufig mit Vorurteilen und Stereotypen konfrontiert werden.

Die meisten der „Lebendigen Bücher“ wurden über sechs Stunden laufend „ausgeliehen“. Quasi nonstop im Gespräch waren der kranke Straftäter, die konvertierte Muslima, der Obdachlose und der Flüchtling. Vom Schüler bis zum Senior nutzen knapp 40 Interessierte aller Altersklassen die Gelegenheit, in rund 70 Gesprächen ihre Fragen zu stellen. „Wir haben nicht nur die erreicht, die ohnehin offen für diese Themen sind“, ist sich Blinzler sicher. Die Organisatoren seien überrascht über die große Bandbreite an „Lesern“, die sich auf diese in Oldenburg erstmals angebotene Veranstaltung eingelassen haben. Viele Gäste hätten sich gleich mehrere „Bücher ausgeliehen“. Die Gespräche verliefen in freundlicher Atmosphäre. Für eventuelle Probleme hätten die „Bücher“ gelbe oder rote Karten zeigen können. Es war nicht notwendig.

Babyblues

Hinter dem verniedlichenden Begriff „Babyblues“ verbirgt sich ein Tabuthema. In den Gesprächen mit der Psychotherapeutin Gudrun Sahlender-Wulf ging es um Frauen, die ihr Kind nach der Geburt emotional nicht annehmen können. Aus der Diskrepanz zwischen Erwartungshaltung und Gefühlsleere entwickeln sich Trauer und Schuldgefühle – die Grenze zur Depression ist fließend. Die betroffenen Mütter sprechen sich in den seltensten Fällen aus – im Gegensatz zu Gudrun Sahlender-Wulf, die dafür als „Lebendiges Buch“ die Gelegenheit als Betroffene und Fachfrau bot. „40 bis 70 Prozent der Frauen sind nach der Geburts davon betroffen. Sie sind sehr alleine“, so Sahlender-Wulf. Sie selbst sei mit Hilfe ihres Mannes darüber hinweggekommen.

Bestattungsrituale (Yezidentum)

Rund 4000 Yeziden wohnen in Oldenburg. Die Bestattungsrituale zum Anlass nehmend, konnten sich die Gesprächsteilnehmer mit Ilyas Yanc, Flüchtlingsberater bei der Interkulturellen Arbeitsstelle für Forschung, Dokumentation, Bildung und Beratung (IBIS) und Bildungsreferent des Yezidischen Forums, unterhalten. Die „Ausleihen“ seien sehr unterschiedlich verlaufen, so Yanc. Mit einem schulpflichtigen Kind würde er sich anders unterhalten als mit Erwachsenen, jeder Besucher hätte einen anderen Inhalt abgefragt. Eine ältere Dame sei in Tränen ausgebrochen. „Ich habe das Buch zusammen mit den Besuchern geschrieben.“ Er erzählte davon, dass bei den Yeziden der Tod als ein Bestandteil des Lebens angesehen würde. Neben der Waschung von religiösen Würdenträgern, dem Rezitieren der Hymne des Todes und den verschiedenen Trauerzeiten wusste er von vielen erstaunliche Rituale zu berichten. Beispielsweise erhalten die Toten einen Stein als Kopfstein. Wenn er an ihn stößt, weiß er so, dass er der Erde übergeben wurde. Bis zu mehreren tausend Menschen kommen zusammen, wenn ein Yezide stirbt. Die Trauerenden werden nicht alleine gelassen.

Kranker Straftäter

Der „Kranke Straftäter“ (der Name ist der Redaktion bekannt) wurde fast pausenlos „ausgeliehen“. Freimütig sprach er mit allen über seine Geschichte. Einige stellten direkte Fragen, andere ließen sich „vorlesen“. Sechs Jahre lang war er in der forensischen Maßregelvollzug für psychisch kranke Straftäter der Karl-Jaspers-Klinik untergebracht. „Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt. Das kenne ich auch nicht anders. Immer habe ich in Heimen mit vielen Menschen zusammen gewohnt“, so der „Kranke Straftäter“. Zurzeit möchte er seinen Hauptschulabschluss nachmachen. Dafür wohnt er seit zwei Monaten zur Probe in einer betreuten Männerwohngemeinschaft. „Die Therapeuten mussten mich schubsen“, lächelt er, denn eigentlich wäre er lieber in der Einrichtung geblieben. Aber nun genieße er die Freiheiten. Anlass für seine Einweisung war eine räuberische Erpressung unter Drogeneinfluss. Darüber zu sprechen mache ihm keine Probleme: „Ich weiß, woher ich gekommen bin und was ich in den letzten Jahren geschafft habe. Es gibt keinen Grund für mich, das zu verbergen“.

Die Form der „Lebendigen Bücher“ als eine neue Art, Menschen ins Gespräch zu bringen, könnte zu zahlreiche Themen und an vielen Orten stattfinden. Dementsprechend wünschen sich die Veranstalter eine Wiederholung. „Wir sind von der Idee sehr begeistert“, so Blinzler. „Aber wir bräuchten dafür Unterstützung, um Flyer erstellen, das Catering und ein Dankeschön für die teilnehmenden ‚Bücher‘ finanzieren zu können.“

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