Oldenburg

Wenn eine historische Hymne lebt

Die Gesangseinlage der Oldenburg Hymne von Annie Heger beim Oldenburger Grünkohlessen in Berlin sorgte für Disharmonie.

Die Gesangseinlage der Hymne beim Oldenburger Grünkohlessen in Berlin sorgte für Disharmonie.
Foto: Stadt Oldenburg

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Von Michael Exner

Oldenburg / Berlin – Ein Kurz-Auftritt beim 59. Oldenburger Grünkohlessen hat für eine historisch-kulturpolitische Debatte in der Stadt gesorgt. Im Kern geht es um die Deutungshoheit über den korrekten Text der Oldenburg Hymne. Das Lied ist als eine Art Landeshymne fest im Selbstverständnis des ehemaligen Großherzogtums verankert und folglich eine ernste Angelegenheit.

Als die 300 Gäste der gleichermaßen promille- wie kalorienreichen Traditionsveranstaltung in dieser Woche in der Niedersachsenvertretung in Berlin den offiziellen Teil weitgehend unbeschadet überstanden hatten, war Hauptgesprächsstoff nur kurz die allgemeine Einschätzung, dass die neue Kohlkönigin Bundesbildungsministerin Johanna Wanka die schwächste Thronrede seit Rudolf Scharping 1995 gehalten hatte. Schwerwiegender war der Auftritt von Entertainerin Annie Heger. Die wegen der stimmlich begrenzt leistungsfähigen Gemeinschaft vom Vorjahr extra als Vorsängerin engagierte Künstlerin hatte einen anderen Text gesungen, als die Gäste auf den Tischen in der Vorlage gefunden hatten – was zwangsläufig in gewissen Disharmonien mündete.

Komponiert hatte das Lied die Großherzogin Cäcilie von Oldenburg (1807-1844). Der nach ihrem Tod entstandene Text stammt vom Justiz-Assessor Theodor von Kobbe (1798-1845). Das zeitgemäß vaterländisch grundierte Werk („Heil deinen Farben, Gott schütz dein edles Roß“) ist im Laufe der Jahre mehrfach sprachlich überarbeitet worden. So ersetzte man – nachdem die Deutschen 1918 ihre adligen Herrscher verrentet hatten – in der Zeile „Heil deinem Fürsten Heil“ den Fürst durch „Volke“. Die 1929 vom Ollnborger Kring veröffentlichte Fassung verzichtet auch auf das Volk, enthält aber eine Passage, die Annie Heger wegen der aktuellen Flüchtlingslage nach ihren Worten „unangenehm aufgestoßen“ war: „Schleudert den fremden Kiel der Sturm an deinen Strand, birgt ihn der Lotsen Schar mit treuer Hand“. Genau das fehlt in der 1980 von der Oldenburgischen Landschaft „empfohlenen“ Version. Dafür taucht hier das Volk wieder auf. 2015 wurde der Text durch die Landschaft noch mal gendermäßig geglättet. In der Zeile „Sei freier Männer Kraft“ ersetzen nun Menschen die Männer.

Was den Kohl-Gästen in Berlin im Begleitheft vorlag, war die Kring-Fassung von 1929, was Heger sang, war 2015. Prinzipiell steht die Stadt noch immer auf dem Standpunkt, dass wer die Musik bezahlt, auch bestimmt, was gespielt wird. „Wir hätten es gern gewusst“, sagt ihr Sprecher Reinhard Schenke. Mensch statt Männer gehe in Ordnung, aber die andere Fassung hätte Frau Heger schon vorher ankündigen sollen. Allerdings wolle man ernsthaft darüber nachdenken, ob man künftig den Text der Landschaft übernehme.

Die Künstlerin gibt sich fröhlich-zerknirscht. „Da war ich ungehorsam“, sagt Annie Heger. Das sei keine böse Absicht, sie sei sich aber der Tragweite nicht bewusst gewesen. Sie habe vorher noch etwas dazu sagen wollen, aber es sei im Saal zu laut gewesen. Andererseits aber wisse, wer sie einlade auch, wer dann da singe. Im Übrigen habe sie sich den Text extra bei der Landschaft besorgt.

In diesem Punkt kommt fachlicher Beistand. „Frau Heger hat alles richtig gemacht“, sagt Thomas Kossendey, einst Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär, heute Präsident der Oldenburgischen Landschaft. Sie habe drei Tage vorher die aktuelle Fassung erbeten – „und wir haben ihr den ,richtigen‘ Text gegeben.“ Das Lied sei halt mehrfach überarbeitet worden: „Die Hymne lebt.“

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3 Kommentare

  1. Karl
    26. Februar 2016 um 12.19

    Damit hat sich Frau Heger sicher für höhere Aufgaben empfohlen.

  2. Volker
    26. Februar 2016 um 15.39

    Herrlich ist es, diese Zeilen von Hern Exner zu lesen. Leider kommt viel zu selten was von ihm hier in der OOZ. Eine grandiose Provinzposse. Kommunikation ist Alles. Mich würde mal interessieren, was sich die Stadt diese sinnfreie Veranstaltung kosten lässt. Alle üblichen Verdächtigen amüsieren sich zwei Tage in Berlin auf Kosten der Stadt. Prost Mahlzeit.

  3. Karl
    27. Februar 2016 um 8.30

    Klappern gehört zum Handwerk oder ´Wer nicht wirbt, der stirbt´ wußte schon Henry Ford. Das gilt m. E. nicht nur für den Einzelhandel. Auch dürfte ein Fußballclub in der 2. Liga sicher mehr Aufmerksamkeit erregen als Baskets, Handballerinnen und Kohlessen zusammen, aber man kann schließlich nicht alles haben.
    Weiterhin gehe ich davon aus, daß Essen und Getränke gesponsort wurden. Die Kosten des Spektakels dürften sich also in Grenzen halten. Sollte das Interesse daran allerdings so brennend sein, wäre sicher eine Anfrage im Rahmen der Bürgerfragestunde eine mögliche Lösung.
    Ausserdem hat mir ein österreichischer Arbeitskollege einmal gesagt, bei ihm zuhaus würde der Grünkohl an Schweine verfüttert.
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