Staatstheater: „Zwischen Hin und Her“ – zutiefst bewegend

Paulina Hobratschk, Veronique Coubard und Malak Kadour (von links) erzählen in „Zwischen Hin und Her. Meine Flucht aus Syrien“ Malak Kadours Geschichte.
Foto: Stephan Walzl
„Ich habe ein Buch geschrieben. Als ich 14 Jahre alt war. In diesem Buch ging es um das, was ich erlebt habe. Meine Geschichte. Ich habe mir durch das Schreiben meine Erinnerung zurückgeholt. Habe Stück für Stück beleuchtet, was dunkel war.“
Mit diesen Worten beginnt der Theaterabend über die Geschichte von Malak Kadour. „Zwischen Hin und Her. Meine Flucht aus Syrien“ ist kein Theaterstück über eine beliebige Flüchtlingsgeschichte, in der ein Mädchen, das mit seiner Familie aus Syrien flieht, über viele Umwege nach Oldenburg gelangt. Diese Geschichte ist wahr, und das damals achtjährige Mädchen ist jetzt eine junge Frau im Alter von 18 Jahren, die in Oldenburg lebt. In dem Stück erzählt Malak von ihrem Schicksal und dem ihrer Familie auf zutiefst berührende Art im Spielraum des Oldenburgischen Staatstheaters.
Malaks Leben in Syrien
Es ist das Jahr 2015. Malak ist acht Jahre alt, als ihre Eltern gezwungen sind, mit der Familie zu fliehen, denn ihr Vater ist ein Aktivist im Widerstand gegen das Assad-Regime in Syrien. Sie flüchten vor dem Krieg, den Bombenangriffen und den Repressionen, die begannen, als sie vier Jahre alt war. In dem Stück erzählt Malak Kadour von ihrem anfangs fast unbeschwerten Alltag mit ihren Geschwistern, Freunden und Verwandten und ihrer besonders ans Herz gewachsenen Großmutter. Der Ton wird schnell ernster, denn aus friedlichen Protesten wird Krieg. Repressionen drohen, es kommt zu kurzfristigen Aufenthalten des Vaters in einem Versteck, um die Familie zu schützen, und schließlich zur Flucht. Diese führt Malak mit ihren Geschwistern und ihren Eltern über das Mittelmeer, entlang der Balkanroute nach Deutschland und schließlich nach Oldenburg.
Flucht im Schlauchboot
Es ist ein bewegender Rückblick, der sich anfangs für das junge Mädchen wie eine Abenteuerreise anfühlt, auf der es viel zu erleben gibt. Schließlich geht es danach ja wieder nach Hause, glaubt sie. In ihrer Geschichte wird sie von den Schauspielerinnen Veronique Coubard und Paulina Hobratschk begleitet. Die Schauspielerinnen nehmen die Rolle des Mädchens ein. Gemeinsam mit Malak bilden sie ein symbiotisches Trio, das die dramatische Flucht in einem Schlauchboot über das Mittelmeer so authentisch, spannend und emotional erzählt, wie es wohl kein fiktives Theaterstück vermag. „Ich leihe euch beiden mein Ich. Ihr tragt jetzt meine Geschichte, meine Emotionen und meinen Schmerz“, sagt Malak.
Regie von Pia Epping
Die Geschichte, eindrucksvoll von Pia Epping in Szene gesetzt, arbeitet mit Videoausschnitten aus dem Alltagsleben der Familie, die Malaks Vater noch in der Heimat zur Erinnerung aufgenommen hat. Sollte er nicht überleben, würden zumindest seine Bilder bleiben. Dazu erklingen auch Gedichte auf Hocharabisch, die der Vater auf Facebook veröffentlicht hat. Für die Inszenierung eingesprochen wurden diese von Adel Kadour und seiner Frau Saria Alkahled. Momente zum Luftholen werden durch Gesang und Choreografien geschaffen. Arabische Lieder erklingen live, gesungen von Veronique Coubard.
Malak sucht Heimat und Zugehörigkeit
Die Inszenierung ist keine bloße Abhandlung über den Krieg und eine Flucht. Sie will Fluchterfahrungen verständlich machen. Bewundernswert ist es, das Spiel von Malak Kadour zu erleben, die keine ausgebildete Schauspielerin ist. Diese Ausbildung braucht sie auch nicht, denn sie schlüpft in dem Stück in keine Rolle. Das, was das Publikum zu sehen und zu spüren bekommt, ist Malak Kadour selbst. Es ist ihr Leben, und das macht diesen Theaterabend so nahbar und gefühlvoll. Es ist ihre Suche nach Heimat und Zugehörigkeit. Ihre authentische Geschichte und ihre Flucht in der Dunkelheit und Nähe des Spielraums mitzuerleben, geht unter die Haut und lässt Tränen fließen.
Das Buch von Malak Kadour ist im Global Music Player Verlag Oldenburg erschienen. Das Programmheft wird durch ein Begleitheft mit den Gedichten des Vaters Adel Kadour in Hocharabisch und deren deutschen Übersetzungen ergänzt.
Die nächsten Vorstellungen sind am 16., 17., 19. und 22. September. Karten und weitere Informationen gibt es beim Oldenburgischen Staatstheater.
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