Ausstellung

Eine Entdeckung der „Outsider Art“

Georg Müller vom Siel – Ohne Titel.

Georg Müller vom Siel – Ohne Titel.
Foto: Landesmuseum Oldenburg / Sven Adelaide

Oldenburg (zb) Georg Müller vom Siel, geboren in Großensiel, ist als Landschaftsmaler bekannt und anerkannt. Dass es auch ein Spätwerk des Künstlers gibt, wurde lange verschwiegen, weil es sich dabei um einen Tabubruch handelt. Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Oldenburg zeigt die Sonderausstellung „Der andere Müller vom Siel“.

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1970 hat die Witwe eines Arztes, der in der Nervenheilanstalt Wehnen arbeitete, dem Landesmuseum eine Mappe mit 177 Aquarellen und Gouachen des 1865 geborenen Malers Müller vom Siel ausgehändigt. Der litt unter schwersten Wahnvorstellungen und war von 1909 bis zu seinem Tod 1939 Patient in Wehnen. Dort hat er auf Transparentpapier eben diese 177 Arbeiten gefertigt, die eine völlig andere Bildsprache zeigen als die des Landschaftsmalers. Rätselhafte, sexualisierte und provozierende Bildinhalte prägen sein Spätwerk. Schlangen-, Phallus-, Samensymbole, Figuren, geometrische Formen und Texte werden frei miteinander kombiniert.

Tatsächlich sind seine 177 Blätter 1970 in die grafische Sammlung des Landesmuseums gelegt und dann nicht mehr angerührt worden. 1999 hat das Landesmuseum dem Landschaftsmaler eine eigene Ausstellung gewidmet und lediglich eine Handvoll dieser Bilder gezeigt, sich dem Spätwerk aber nicht wirklich zugewandt.

Doch was hat es mit dem Spätwerk auf sich? „Wir wissen es nicht“, bedauert Museumsdirektor Dr. Rainer Stamm. „Wir wissen nur, dass er in Wehnen gemalt hat, wissen aber nicht, ob das alle Arbeiten sind. Außerdem besitzen wir seine Krankenakte, aus der hervorgeht, dass Müller vom Siel schizophren war. Ob noch andere Menschen im Besitz weiterer Bilder sind, ist derzeit nicht bekannt.“

Was es mit seinem Spätwerk auf sich hat, darüber kann nur spekuliert werden. Es wäre eine spannende Aufgabe für einen Psychoanalytiker. „Unzweifelhaft ist die hohe ästhetische Qualität und die eindringlich durchgearbeitete Wunderlichkeit“, sagt Stamm. Die Bilder sind in einer zufällig entstandenen Reihenfolge gehängt, denn sie sind nicht nummeriert. Es ergibt sich auch nicht zwingend eine Reihenfolge. Kurzum der Block kann nicht entschlüsselt werden.

Während in Kunstkreisen zu Müller vom Siels Zeiten von der „Bildnerei der Geisteskranken“ gesprochen wurde, ist inzwischen von der Entdeckung der „Outsider Art“ die Rede. Das Oldenburger Konvolut ist auf jeden Fall eine herausragende Entdeckung, der nun erstmals eine eigene Publikation und Ausstellung gewidmet werden.

Die Bilder beleuchten nicht nur künstlerische Aspekte, sondern vor allem auch gesellschaftspolitische. Denn Müller vom Siel hat in seiner Zeit den Rahmen in jeder Beziehung gesprengt und reihenweise mit Tabus gebrochen. Das machte den Künstler, der anfangs in Abbehausen die Schule besuchte, zu einem Außenseiter, einer Randfigur der Gesellschaft. Kontakte zu Kollegen brachen ab. „Seine künstlerische Produktion wurde als Verfallserscheinung eines ehemaligen Malers gesehen“, erzählt Stamm. Die 177 Blätter zeigen eindrucksvoll den Übergang von dem einem zu dem anderen Müller vom Siel, in dem mitunter noch einmal der Landschaftsmaler aufflackert.

1935 zu seinem 70. Geburtstag wird seinem Frühwerk eine Ausstellung gewidmet. Zeitungsartikel belegen das eindrucksvoll. Während Müller vom Siel in der Nervenheilanstalt verweilt, klingen die Artikel wie Nachrufe auf einen einst anerkannten Landschaftsmaler.

Die Ausstellung ist vom 25. Mai bis 24. August im Prinzenpalais, Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, zu sehen. Weitere Informationen gibt es unter www.landesmuseum-oldenburg.niedersachsen.de.

Georg Müller vom Siel

Wer heute ins Landesmuseum geht, findet zahlreiche Werke von Georg Müller vom Siel in der Galerie der Neuen Meister, wo zahlreiche Landschaftsbilder hängen. Er wurde 1865 in Abbehausen als jüngstes von zwölf Kindern geboren, besuchte die Volksschule in Abbehausen, wechselte zur Oberrealschule nach Oldenburg aufgrund seiner Begabung. Als er sechs Jahre war, starb sein Vater, ein Jahr später seine Mutter. Später lässt er sich zum Maler ausbilden, lässt sich 1896 in der Künstlerkolonie Dötlingen nieder und ist an zahlreichen Ausstellungen beteiligt. Aufgrund von Depressionen, Zwangsvorstellungen und Angstzuständen wird er 1909 nach Wehnen eingewiesen und ein Jahr später entmündigt.

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