Oldenburg

Marktplatz bleibt für Gehbehinderte tabu

Für Rollstuhlfahrer ist das Pflaster des Oldenburger Marktplatzes nicht befahrbar.

Für Rollstuhlfahrer ist dieses Pflaster nicht befahrbar.
Foto: Anja Michaeli

Oldenburg (zb) Der Oldenburger Helmut Fischer hat ein Problem mit der Straßenpflasterung auf dem Oldenburger Marktplatz. Der Rollstuhlfahrer kann dieses Areal wegen der holprigen Pflastersteine nicht allein befahren. Das heißt, als Mensch mit Behinderung ist dieser Teil der Stadt für ihn tabu. Es sei denn, jemand schiebt seinen Rollstuhl.

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Helmut Fischer hat deshalb einen Brief an die Baudezernentin Gabriele Nießen geschrieben und stellt darin folgende Fragen:

„Warum duldet die Stadt Oldenburg seit Jahrzehnten, dass ein zentraler Teil ihrer Innenstadt von alten, gehunsicheren Menschen, von Blinden, Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern, von Rollatorbenutzerinnen und -benutzern, von Frauen und Männern, die einen besetzten Kinderwagen hinter sich herziehen, weil sie ihn nicht schieben können, oder von Frauen mit dünneren bis spitzen Absätzen, dass ein solcher, zentraler Platz von so vielen Menschen nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten begehbar ist?

Warum nimmt die „Übermorgenstadt Oldenburg“ seit Jahren hin, dass auf der einen Seite das Stadtbild durch den Abriss historischer Gebäude unwiederbringlich verändert, der Straßenbelag in der ältesten Fußgängerzone Norddeutschlands alle paar Jahrzehnte zur Freude von Geschäftsleuten und deren Kunden erneuert, auf der anderen Seite aber die Pflasterung des Marktes unverändert unzeitgemäß und nach Standards von vorgestern belassen wird? Wird das „Gesetz zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006 über die Rechte von Menschen mit Behinderungen sowie zu dem Fakultativprotokoll vom 13. Dezember 2006 zum Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ von der Stadt Oldenburg nur nach Belieben oder nur in den Bereichen, in denen es wenig kostet und vollmundig und publikumswirksam zu vermarkten ist, angewendet und umgesetzt?“

Das Antwortschreiben der Dezernentin liegt der Oldenburger Onlinezeitung vor. Am 10. Februar hat die Dezernentin seine Fragen beantwortet – allerdings mit folgendem Hinweis: „Sollten Sie weitere Informationen wünschen, wäre eine direkte Kontaktaufnahme mit dem Amt für Verkehr und Straßenbau möglich. Von der Verteilung dieses Schreibens an die Medien bitte ich abzusehen.“ Warum aus diesen vollkommen berechtigten Fragen ein Geheimnis seitens der Stadt gemacht wird, ist nicht zu verstehen. Zumal Helmut Fischer nicht der erste Oldenburger ist, der dieses Thema anspricht.

In dem Brief wird Helmut Fischer zunächst über die Pflastersteine, ihre Beschaffenheit und Gestaltung aufgeklärt. Dann erfährt er, dass „eine Verbesserung der Begehbarkeit erst nach Abschluss der Kanalbauarbeiten durch den OOWV vorgenommen werden kann. Nach aktueller Rücksprache ist allerdings in den nächsten fünf bis zehn Jahren keine Sanierung des Mischwasserhauptkanalsammlers geplant. Eine frühzeitige Sanierung des Kanals und somit das zeitliche Vorziehen des Projekts würde der OOWV erst einplanen, wenn seitens der Stadt konkrete großflächige Straßenbauarbeiten für diesen Bereich geplant sind. Eine flächige Verbesserung des Bereiches bedeutet einen erheblichen finanziellen Aufwand und ist bedingt durch die Haushaltslage derzeit nicht zu realisieren.“ Im weiteren Verlauf des zweiseitigen Antwortschreibens erfährt Helmut Fischer von weiteren Unwägbarkeiten und ist am Ende genauso weit wie vorher.

Kommentar

Es ist schon ein Armutszeugnis, dass stundenlang über Inklusion geredet, Arbeitsgruppen gegründet und die einfachsten Dinge nicht geregelt werden. Nämlich dass alle Menschen Zugang in ihre Stadt haben. Daran müsste auch das City Management ebenso Interesse haben wie die Oldenburger Tourismus & Marketing GmbH, die doch um jeden Kunden werben. Es wäre prima, wenn nicht so viel geredet sondern mal gehandelt würde. Das gilt übrigens nicht nur für den Marktplatz. Menschen mit Behinderungen werden in der Übermorgenstadt vielerorts mit Hindernissen konfrontiert. Und wenn es das fehlende Geländer am Eingang der Exerzierhalle am Pferdemarkt ist. Manch ein Gehbehinderter kommt in die Halle alleine nicht hinein. Auch darüber muss nicht palavert, da muss ein Handwerker bestellt werden, der den Notstand unverzüglich abstellt. Das Argument der Stadt, es fehle bezüglich des Marktplatzes an Geld, ist beschämend. Zeigt es doch nur, wie die Gesellschaft Menschen mit Behinderungen betrachtet und mit ihnen umgeht. Die Politiker der Stadt sollten in sich gehen und überlegen, wofür sie problemlos große Beträge ausgeben und wofür nicht. Alles ist am Ende eine Frage der Priorität. Die genießen in Oldenburg offenbar nicht die Menschen mit Behinderungen.

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