Oldenburg

Projekt: Fernes Land Osternburg

Das Luftschiff Graf Zeppelin sorgte am 17. September 1929 für Aufregung. Fotografiert wurde vom Dach der Bäckerei Gustav Behrens in der Hermannstraße 54 in Osternburg.

„Graf Zeppelin“ über Oldenburg. Das Luftschiff sorgte am 17. September 1929 für Aufregung. Fotografiert wurde vom Dach der Bäckerei Gustav Behrens in der Hermannstraße 54.
Foto: privat

Oldenburg (am) Der Verein Werkstattfilm sammelt, verwahrt und konserviert seit vielen Jahren Film- und Fotomaterial über die Stadt Oldenburg. Jetzt geht er mit einem Projekt in die Stadtteile. Zum Auftakt wurde der Blick auf Osternburg gerichtet. Werkstattfilm, der Bürger- und Gartenbauverein Osternburg-Dammtor und zahlreiche Bürger haben sechs Monate lang an der visuellen Neuentdeckung der Stadtteilgeschichte gearbeitet. Ab September werden die Ergebnisse unter dem Motto „Fernes Land Osternburg“ präsentiert.

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Sechs Monate lang haben sich die bis zu 80 Projektbeteiligten in der Gaststätte „Zum Goldenen Stern“ getroffen und ihre Materialien und Erinnerungen mitgebracht. Die Osternburgerinnen und Osternburger hätten eine ganz besonders innige Bindung an ihr Quartier, erzählen die Organisatoren der beiden Vereine. „Die Bürger brauchten das Ventil, um ihre Erinnerungen loszuwerden“, ist der Eindruck von Heide Tauchert vom Bürgerverein. Die Beteiligung habe alle Erwartungen übertroffen. „Wir haben zirka 5000 Bilder aus dem Alltag der Osternburger erhalten“, sagt Werkstattfilm-Chef Farschid Ali Zahedi. Bei dem Projekt gehe es um die individuelle Sichtweise auf die Geschichte, deshalb würde es sich naturgemäß um Amateurfotografie handeln. Er habe dabei gelernt, dass der Stadtteil Osternburg seinen eigenen Charme hätte. So sei in Osternburg der Charakter zwischen Landwirtschaft und Industrie bewahrt worden.

Der Fokus des Projekts liegt auf der individuell und subjektiv erlebten Alltagsgeschichte, die im Idealfall mithilfe von Filmen und Fotos festgehalten wurde. In Ausstellungen, 40 Zeitzeugen-Interviews und einem Bildband werden die zusammengetragenen Ergebnisse präsentiert. Vom 15. bis zum 30. September finden eine Veranstaltungswoche, eine Straßengalerie, eine Ausstellung im KinOLaden in der Wallstraße und eine Ausstellung im Kulturzentrum Anna-Schwarz-RomnoKher statt. Parallel zu den Ausstellungen wird ein Bildband erscheinen. Die Interviews im Film werden voraussichtlich im kommenden Jahr veröffentlicht.

Die feierliche Eröffnung der Aktivitäten in Osternburg findet am Samstag, 15. September, 11 bis 16 Uhr in einem Zelt auf dem Gelände der Freizeitstätte Osternburg, Kampstraße 22, statt. Zum Ende der Veranstaltungswoche wird Farschid Ali Zahedi hier am Samstag, 22. September, 18.30 Uhr ein Fazit ziehen.

Bis auf wenige Veranstaltungen sind die Angebote kostenlos. Spenden werden allerdings gerne entgegengenommen, denn das Projekt kostet rund 50.000 Euro. Nach dem Pionierprojekt Osternburg sollen die anderen Stadtteile in den Mittelpunkt gerückt werden. „Es gibt so viele unerzählte Geschichten“, freut sich Zahedi auf die Fortführung. Bis 2025 würde der Verein Werkstattfilm mit dieser Aufarbeitung der visuellen Geschichte beschäftigt sein, ist er sich sicher.

Aktionswoche in Osternburg (15. bis 23. September)

In der Aktionswoche werden knapp 30 Veranstaltungen stattfinden. Stadtteilrundgänge, Führungen durch die Dreifaltigkeitskirche oder über den jüdischen Friedhof und durch das Aktions- und Kommunikationszentrum Alhambra, Radtouren zu den Tatorten Osternburgs, ein Gespräch mit dem Geschichtsschreiber Matthias Schachtschneider, Vorträge, Filmvorführung und vieles mehr sind geplant. Mittelpunkt der Aktivitäten ist ein Zelt auf dem Gelände der Freizeitstätte Osternburg.

Straßengalerie in Osternburg (ab 15. bis 30. September)

Zwei Wochen lang wird der Stadtteil in eine riesige Freilicht-Ausstellung verwandeln. Fenster und Schaufenster an 37 Orten dienen als Ausstellungsfläche für historische Fotos der Osternburger, die so ihre individuelle Sicht auf die Geschichte zeigen. Mit Hilfe einer kleinen Broschüre und den Erklärungen, die neben den Fotos veröffentlicht werden, können Interessierte ihren eigenen historischen Rundgang ablaufen.

Ausstellungen (ab 15. September / ab 23. September)

Im Kulturzentrum Anna-Schwarz-RomnoKher des Freundeskreises der Sinti und Roma in Oldenburg, Stedinger Straße 45a, wird am Samstag, 15. September, 17 Uhr eine Ausstellung über die Osternburger Industriegeschichte eröffnet. Öffnungszeiten: 16., 18., 20., 23., 25., und 27. September, jeweils 14 bis 18 Uhr.

Nicht in Osternburg ist eine Ausstellung zu sehen, die historische Fotos zeigt. In den Räumen des Vereins Werkstattfilm, Wallstraße 24, werden weitere Fundstücke präsentiert. Die Eröffnung ist am 23. September, 11 Uhr. Anschließend kann die Ausstellung samstags und sonntags, 14 bis 18 Uhr, besucht werden.

Die Geschichte von „Osterenborch“

1404 erstmals urkundlich erwähnt, wurde „Osterenborch“ 1616 zum eigenständigen Kirchspiel, als Graf Anton Günther die Dreifaltigkeitskirche stiftete. Jahrhundertelang blieb Osternburg selbstständige Gemeinde mit allem, was dazu gehörte: einem eigenen Bürgermeister, einem Standesamt (an der Ecke Bremer Straße / Ulmenstraße), einem Bahnhof. Sogar eine eigene Zeitung „Der Osternburger“ erschien ab 1891 für kurze Zeit. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs lebten in der Gemeinde etwa 13.000 Menschen, fast halb so viele, wie damals in der Stadt Oldenburg (rund 30.000). Im 19. Jahrhundert begann sich der ländliche Charakter der Gemeinde zu verändern, als sich hier bedeutende Industriebetriebe ansiedelten: Die Glashütte, die Warpsspinnerei, später die Brand-Werft und die Wagenbauanstalt. So wurde Osternburg zum wichtigsten Industriestandort in einer ansonsten industriearmen Region. 1921 dann wurde Stadtteil eingemeindet und verlor dadurch seine Eigenständigkeit. Heute leben mehr als 11.000 Menschen in Osternburg.

Früher wurden die Osternburger gering geschätzt. Noch vor 30 Jahren wurde vom „dreckigen Arbeiterviertel“ oder der „Roten Zelle Osternburg“ gesprochen. Osternburg bildete mit seiner Geschichte und seiner Wirtschafts- und Sozialstruktur einen Gegenpol zu den bürgerlich geprägten Quartieren in Oldenburg. Ob Glashütte, Victoria-Kampfbahn, Harmonie oder Dragonerkaserne – diese Orte haben eine Gemeinsamkeit: Sie haben ihren unvergänglichen Platz im kollektiven Gedächtnis des Stadtteils, die Erinnerungen an sie sind lebendig und werden nun erzählt und dokumentiert.

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