Kultur

TATORT Bundespolizei: „Schattenleben“

Franziska Weisz und Wotan Wilke Möhring in „Schattenleben“. Am 12. Juni sendet „Das Erste“ den neuen Fall des NDR.

Franziska Weisz und Wotan Wilke Möhring in „Schattenleben“. Am 12. Juni sendet „Das Erste“ den neuen Fall des NDR.
Foto: NDR / O-Young Kwon

(Achim Neubauer) Schon zum elften Mal ermittelt das Team der Hamburger Bundespolizisten gemeinsam. Stand beim Tatort „Tyrannenmord“ Kommissar Thorsten Falke im Zentrum der Handlung, so ist der neue Fall auf seine Kollegin Julia Grosz fokussiert. Am 12. Juni sendet „Das Erste“ den neuen Fall des NDR.

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Nach einem Brandanschlag, bei dem die Frau von Polizist Bastian Huber stirbt, übernehmen Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring) und seine Kollegin Grosz (Franziska Weisz) die Ermittlungen. Während der Staatsschützer Keiler (Christian Kerepeszki) die linksautonome Szene für den Anschlag verantwortlich macht, wollen die Bundespolizisten den Vorfall differenzierter betrachten. Ganz schnell entwickeln sich ihre Ermittlungspläne ganz anders als gedacht. Bei Grosz meldet sich ihre ehemalige Freundin und Polizeischulkameradin Ela (Elisabeth Hofmann). Sie war undercover in die Szene eingeschleust worden, steckt nun aber offensichtlich in ernsten Schwierigkeiten. Noch bevor Ela die Kommissarin genauer informieren kann, trennen sich die Wege. Als die Bundespolizistin dann einen weiteren Hilferuf von Ela bekommt, macht sich Julia Grosz auf die Suche. Sie knüpft Kontakt in das linksautonome Wohnprojekt „Attacke“, wird dort aufgenommen und lernt Maike (Jana Julia Roth) kennen und Nana (Gina Haller) die Freundin von Ela.

Franziska Weisz und Elisabeth Hofmann in „Schattenleben“.

Franziska Weisz und Elisabeth Hofmann in „Schattenleben“.
Foto: NDR / O-Young Kwon

Gleichzeitig bearbeitet Thorsten Falke mit dem Kollegen Thomas Okonjo (Jonathan Kwesi Aikins) die Ermittlungen im Fall der Brandstiftung mit Todesfolge. Sie finden Hinweise auf Polizeigewalt; recherchieren, dass es interne Ermittlungen gegen Huber gab. Diese Verfahren wurden jedoch allesamt eingestellt.

Wotan Wilke Möhring und Jonathan Kwesi Aikins in „Schattenleben“.

Wotan Wilke Möhring und Jonathan Kwesi Aikins in „Schattenleben“.
Foto: NDR / O-Young Kwon

Das Thema „Polizeigewalt“ hatte bereits der Falke-Tatort „Verbrannt“ von einem konkreten Fall inspiriert (Tod von Oury Jalloh im Polizeigewahrsam in Dessau) sehr engagiert reflektiert. Das Drehbuch der Tatort-Debütantin Lena Fakler nimmt nun – zusätzlich zur behaupteten Gewalt durch Ordnungshüter – Motive eines Polizeieinsatzes auf, der im Jahr 2016 für Schlagzeilen sorgte. Gleich zwei Polizistinnen (Iris P. und Maria B.) hatten in der Szene der „Roten Flora“ nicht nur anlasslos ermittelt, sondern auch ihre Liebschaften gelebt.

Beide Themen gemeinsam in einem Film darzustellen, überhebt sich „Schattenleben“. Zu plakativ werden die Guten und die Bösen gezeichnet; Spannung will kaum aufkommen. Sehr schnell ist zu erahnen, auf wessen Konto der auslösende Brandanschlag geht. Damit einher geht eine dramaturgische Entscheidung, die dem Film nicht gut tut: Im Film „Tyrannenmord“ stellte das Drehbuch Wotan Wilke Möhrig einen starken Partner an die Seite gestellt, den Dorfpolizisten Felix Wacker nämlich. Dagegen trägt Franziska Weisz die wesentlichen Szenen des Films allein. Ihre Schauspielpartnerinnen Elisabeth Hofmann und Gina Haller bleiben blass; die eine (Ela), weil sie ganz schnell wieder aus der Handlung verschwindet; die andere, weil sie einfach zu harmlos gezeichnet wird.

Gina Haller in „Schattenleben“.

Gina Haller in „Schattenleben“.
Foto: NDR / O-Young Kwon

Hatte Mia Spengler im Tatort „Die goldene Zeit“ sehr dynamisch erzählt und eine äußerst bewegliche Kameraarbeit inszeniert, so bleibt die Filmsprache von „Schattenleben“ vorhersehbar. Wieder einmal nimmt sich das Hamburger Tatort-Team um Redakteur Donald Kraemer zu viel vor. Statt sich auf ein Thema zu beschränken, die rechtlichen und persönlichen Schwierigkeiten von undercover-Einsätzen zu beleuchten, wird der ganze Film auch noch überlagert von dem Versuch, Rollen (und Stab) möglichst vielfältig zu besetzen. Der sogenannte ‚Inclusion Rider‘ soll sicherstellen, dass Hautfarbe, Geschlecht und sexuelle Ausrichtung im angemessenen Verhältnis berücksichtigt werden. Ein durchaus bedenkenswertes Konzept; in Hamburg allerdings wird die Krimispannung ein Opfer der political correctness. So resümiert Wilke Wotan Möhring im Presseheft: „Mangelnde Chancengerechtigkeit ist im Filmgeschäft durchaus ein Thema. Deshalb freue ich mich, dass wir mit dem NDR und der Wüste Medien GmbH in Sachen Diversität eine Art Vorreiter sind. Auch wenn ich dafür keinen neuen Begriff wie Inclusion Rider bräuchte, der für mich nach einem Fahrzeug für kleine Kinder klingt.“

Gut zu wissen

  • „Schattenleben“ wurde vom 27. April bis 27. Mai 2021 in Hamburg (Hauptmotive finden sich in Wilhelmsburg) und Umgebung gedreht: Das Motiv des Wohnprojekt „Attacke“ findet sich im linken Szenetreff „M1“.
  • Autorin Lena Fakler debütierte 2021 in der NDR-Nachwuchsreihe „Nordlichter“ mit dem Film „Am Ende der Worte“. Dort muss sich eine Nachwuchspolizistin entscheiden zwischen einem Korpsgeist der Polizisten und den eigenen Idealen.
  • Ein weiterer Tatort der Bundespolizisten Falke und Grosz ist bereits abgedreht und wird beim diesjährigen Filmfest in Emden Premiere feiern: Die Fernsehausstrahlung von „Verloren“ (AT: „Bis aufs Blut“ inszeniert von Neelesha Barthel und geschrieben von Julia Drache und Sophia Ayissi Nsegue ist für den Herbst 2022 geplant.

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