Kultur

Staatstheater: „Die Laborantin“ als nachdenkliche deutsche Erstaufführung

„Die Laborantin“ der britischen Autorin Ella Road ist jetzt als deutsche Erstaufführung im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters zu sehen.

„Die Laborantin“ der britischen Autorin Ella Road ist jetzt als deutsche Erstaufführung im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters zu sehen.
Foto: Mario Dirks

Oldenburg (vs) Der gläserne Mensch ist keine düstere Zukunftsutopie mehr, sondern bereits Realität, ob wir es wollen oder nicht. Besonders in der aktuellen Zeit sind Datenerfassungen eine Selbstverständlichkeit, wie bereits auch zuvor, wenn man beim Einkauf mit Bonuskarte auf Prämien schielt oder im Internet einkauft. In diesen Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung fehlt nur noch die Suche nach dem perfekten Wesen, um für die Zukunft nur noch gesunde und intelligente Menschen für das Zusammenleben, der Arbeitswelt und der Fortpflanzung zu haben. Oder gibt es die bereits auch schon?

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„Die Laborantin“ der britischen Autorin Ella Roads ist so ein düsterer Blick in die Zukunft, der als eindrucksvolle und zugleich nachdenkliche deutsche Erstaufführung im Kleinen Haus des Oldenburgisches Staatstheaters seine erfolgreiche Premiere feierte. Regisseurin Jana Polasek wagt den Blick in die Glaskugel und zeigt eine Welt in der Menschen nach ihren Blutwerten in einem Punktesystem sortiert werden. Liebe, Karriere und Gesundheit sind vorprogrammiert, wenn man eine „1“ (schlecht) oder eine „10“ („high rate“) bekommt. Mit dem Blick nach China ist so ein Punktesystem bereits beängstigende Realität.

Blutwert entscheidet über die Zukunft

Laborantin Bea (Zainab Alsawah) arbeitet systemtreu in solch einem Labor und hat gute Blutwerte. Ihre systemkritische Freundin Char (Veronique Coubard) hingegen hat nur eine „2,2“ und träumt vergebens von einem gut bezahlten Job. Dann ist da noch Beas neuer, attraktiver Freund Aaron (Fabian Kulp), der aus gutem Hause kommt und eine „8,9“ vorweisen kann, aber ein großes Geheimnis in sich trägt, was Beas Welt und ihre Familienplanung am Ende ins Wanken bringt.
Auch Aaron zweifelt daran, ob man Menschen nach einer Zahl bewerten kann. Char will ihrer Freundin das böse System vor Augen führen und bringt sie dazu, Blutwerte zu fälschen, um ihr ein höheres Rating zu verschaffen. Bea wittert das große Geschäft und will den Menschen zu einem besseren Leben verhelfen. Der vierte Mitspieler in diesem gar nicht so utopischen Stück ist David (Thomas Birklein), der mit einer „high rate“ als Hausmeister in dem Labor arbeitet und stets unvermittelt und leicht skurril auf der Bildfläche erscheint, über das System philosophiert und gute Ratschläge geben will.

Oldenburgisches Staatstheater am Puls der Zeit

Das gefühlvolle Spiel des Ensembles mit ihren konträren Diskussionen und Liebesbeschwörungen in einer kühlen Welt voller Widersprüche wird durch aufgezeichnete und live eingespielte Videosequenzen ergänzt. So werden neue Räume geschaffen und die Gespräche der Liebenden auf Distanz werden wie bei einer Videokonferenz überwunden. Das schlichte Bühnenbild von Marina Stefan überrascht mit kreisförmigen, drehbaren Wänden, die ineinander übergehen und somit immer neue Räume schafft.

Ella Roads bringt mit ihrem Werk keine weitere Abhandlung über neue zukunftsweisende Gesellschaftsformen, regt aber mit ihren Figuren und deren Einstellung zum System beim Publikum zum Nachdenken an. In welcher Gesellschaft wollen wir leben und welche Macht wollen wir der Wissenschaft und Technik geben? Mit diesen Fragen ist das Oldenburgische Staatstheater am Puls der Zeit und das soll Theater sein.

Informationen, Vorstellungstermine und Karten sind an der Theaterkasse, unter Telefon 0441 2225-111 und im Internet unter www.staatstheater.de erhältlich.

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