Film

Tatort Bundespolizei: „Dunkle Zeit“

Franziska Weisz und Wotan Wilke Möhring in Tatort Dunkle Zeit.

Franziska Weisz und Wotan Wilke Möhring in „Dunkle Zeit“.
Foto: Christine Schröder / NDR

(Achim Neubauer) Am 17. Dezember 2017 sendet „Das Erste“ um 20.15 Uhr einen neuen Fall mit Tatort-Kommissar Thorsten Falke und seiner Partnerin Julia Grosz. Als ein Repräsentant der Partei „Die Neuen Patrioten“ bei einer Autobomben-Explosion stirbt, werden die beiden Bundespolizisten zum Personenschutz abkommandiert.

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Das ist die Höchststrafe für Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), der als Arbeiterkind in Hamburg-Billstedt aufgewachsen ist: Ein Einsatz der seiner persönlichen politischen Überzeugung direkt entgegensteht. Aber Dienst ist Dienst – und so leidet der Kommissar sichtbar an der Aufgabe, die ihm seine Vorgesetzte auflastet. Einem Anschlag fällt Richard Schramm, der Gründer der Partei „Die Neuen Patrioten“, zum Opfer. Seine Ehefrau Nina (Anja Kling), die wortmächtige Vorsitzende der DNP legt sich mit dem Kommissar an und Falkes Kollegin Grosz (Franziska Weisz) hat alle Hände voll zu tun, den heißblütigen Partner zu zähmen. Die Beamten müssen Nina Schramm schützen, das „Gesicht“ der Partei, die ein sehr ambivalentes Verhältnis zu den Staatsbeamten pflegt. Zum einen wird den Beamten der Bundespolizei vorgeworfen, sie hätten die Gefährdungslage unterschätzt, den Bomben-Anschlag verhindern können. Zum anderen sprechen die Parteimitglieder von ihrem Verständnis für die stetige Überlastung der Polizisten und die Schwierigkeiten ihres Dienstes.

Kein klassischer „whodunit“, sondern ein Film, in dem der Zuschauer von Anfang an weiß, dass es sich um keinen politisch motivierten Anschlag handelt, sondern eine schnöde Beziehungstat sich hinter der Explosion verstecken will.

Schon immer war es der Anspruch der Reihe „Tatort“, gesellschaftliche und soziale Realitäten in Deutschland abzubilden. Seit den Anfangszeiten in den 1970er Jahren immer verbunden mit einer heftigen Reaktion der porträtierten Gruppen. In den letzten Jahren ist es vor allem der Drehbuchautor und Regisseur Niki Stein, der seinen Finger treffsicher mitten in die Wunden der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen hineinlegt. 2015 war es „Der Inder“, sein kluger Kommentar zu den Verwerfungen um „Stuttgart 21“; ein Jahr später eine Warnung vor den Gefahren der Künstlichen Intelligenz („HAL“). Nun seine Analyse zur politischen Situation in Deutschland.

Geschickt vermeidet sein Film eine Festlegung auf die gewohnten Muster von „gut und böse“. Anja Kling (Steins Wunschbesetzung für die Rolle der Nina Schramm) spielt eine überaus eloquente, nicht unsympathische, rechtspopulistische Politikerin. Geschickt pendelt sie zwischen aggressivem Auftreten und ihrer Selbstinszenierung als Opfer hin und her. Schmerzhaft und schwer zu ertragen für den redseligen Kommissar Falke, dass sie das letzte Wort behält. In der Schlussszene ist sie es, die die Erinnerungen des Billstädter Arbeiterkindes entmystifiziert, ja als Traum aus längst vergangener Zeit darstellen will.

Als Falke nämlich vom – durchaus nicht einfachen – Zusammenleben in seiner Jugendzeit erzählt, davon, dass er als „Kartoffel“ von den Türken auf die Nase bekommen habe, und Ali, der Vorsitzende des Billsteder Boxclubs sei bis heute sein Freund („Das ist mein Deutschland, Frau Schramm!“). Da kontert die: „Wo sie aufgewachsen sind, haben wir bei der letzten Bürgerschaftswahl 13 Prozent geholt!“

Niki Stein vermeidet es mit seinem – inzwischen 14. Buch für die Reihe „Tatort“ – simple Lösungen zu plakatieren. Er zeichnet das treffende Bild einer Gesellschaft, die sich bemüht, mit den Andersdenkenden ins Gespräch zu kommen, sich dabei aber auf eine Gesprächsebene begibt, die nicht die eigene ist; sich stets in die Defensive drängen lässt.

„13 Prozent“, das ist die klare Ansage der „Neuen Patrioten“. Falke findet eben nicht die naheliegende Antwort: „87 Prozent und damit die große Mehrheit haben diese Gesellschaftssicht nicht gewählt!“

Dass das Drehbuch nicht vereinfacht, sondern genau beobachtet, macht den Film zu einem Lehrstück, einem Beitrag der Tatort-Reihe, der wehtut, allen politischen Richtungen.

Interessant zu wissen

  • Thomas Kausch und Ellen Frauenknecht von „NDR aktuell“ haben Gastauftritte als Journalisten, ebenso wie Niki Stein, der – ebenfalls als Reporter – bei einer Pressekonferenz auftaucht.
  • „Dunkle Zeit“ wurde vom 16. Mai bis 15. Juni in Hamburg, Lübeck, Neumünster, Buchholz, Winsen, Stelle gedreht.
  • Wegen der Vorbereitungen zum „G20“-Gipfel in Hamburg mussten die Szenen mit gewalttätigen Demonstranten in Neumünster entstehen.
  • Drehort in der City-Nord in Hamburg war – wie im ersten Till Schweiger Tatort „Willkommen in Hamburg“, das Gebäude der ERGO-Versicherung.
  • Insgesamt 14 mal führte Niki Stein (eigentlich Nikolaus Stein von Kamienski) Regie bei Tatorten, seit 1998 verfilmte er nur noch seine eigenen Tatort-Drehbücher. Allein fünf Filme schrieb und inszenierte er für das Frankfurter Paar Dellwo und Sänger (Jörg Schüttauf und Andreas Sawatzki).

Der nächste Falke Tatort „Alles, was Sie sagen“ wurde im Spätherbst 2017 gedreht und soll (voraussichtlich) am 22. April 2018 gesendet werden.

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