Film

Tatort Bremen: „Blut“

Bei der Tatort-Preview in Bremen: Mitwirkende von vor und hinter der Kamera.

Bei der Preview in Bremen: Mitwirkende von vor und hinter der Kamera.
Foto: Achim Neubauer

(Achim Neubauer) Der vorletzte Tatort mit Kommissarin Inga Lürsen und ihrem Kollegen Nils Stedefreund wird am Sonntag, 28. Oktober, in der ARD ausgestrahlt. Drei Tage vor Halloween lassen es die Macher von Radio Bremen wieder einmal so richtig krachen. Im Park wird die Leiche einer jungen Frau gefunden und eine völlig verstörte Tatzeugin flüstert Kommissar Stedefreund zu: „Vampir“ … Auftakt für einen Fall, der für ihn zunehmend zum Horrortrip wird.

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Auf den Spuren von van Helsing, dem Gegenspieler des Grafen Dracula, wandelt Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) im neuen Bremer Tatort. Seit 2001 ermittelt er nun an der Seite von Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel). Er ist bislang derjenige im Team, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, den Überblick behält, wenn seine Kollegin zu emotional wird. Erst in den letzten Fällen des Bremer Duos wird der schlaksige Kommissar stärker in den Fokus gerückt und die Autoren haben seit zwei Jahren ihre helle Freude daran, das Bild des smarten Routiniers zu hinterfragen. Erst war es die Ermittlerin Linda Selb (Louise Wolfram) allein, die ihn in „Der hundertste Affe“, „Echolot“ und „Nachtsicht“ verunsicherte, dann verdrehte ihm „Die Frau in Rot“ völlig den Kopf. Nun wird ihm komplett der Boden unter den Füssen weggezogen und zurück bleibt ein verunsichertes Häufchen Elend. – Die Schlusseinstellung macht dann erst recht neugierig darauf, wie sich im letzten Fall, der gerade gedreht wird, dieses Nervenbündel von den Zuschauern wohl verabschieden wird.

Zur Geschichte

Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Kollege Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) und Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner) am Tatort.

Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Kollege Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) und Rechtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner) am Tatort.
Foto: Christine Schröder / Radio Bremen

Drei Freundinnen machen sich einen netten Abend vor dem Fernseher, sehen gemeinsam einen Horrorfilm – und sind davon gelangweilt: „Wer schaut sich denn sowas an?“ Als sich die jungen Frauen auf den Heimweg machen, wird eine von ihnen überfallen, die andere kann gerade noch entkommen und wird nun von der Polizei gesucht. Als sie völlig verstört und von dem Geschehenen traumatisiert gefunden ist, kann sie kaum einen Hinweis geben, außer diesem einen Wort: „Vampir“. Nun verschwimmen für Stedefreund Fiktion und Realität vollständig. Er kann nicht glauben, was er sieht, hat Tag- und Alpträume. Als sich ein selbsternannter Vampir-Experte und Autor eines einschlägigen Buchs dazu im Präsidium meldet, weisen Inga Lürsen und ihr Kollege den zunächst ab, um wenig später dann doch bei ihm um Hilfe anzufragen. Die intensive Lektüre seiner Gedanken macht dann für Stedefreund alles nur noch schlimmer.

Einen ganz feinen Gruselfilm hat der Münchner Filmemacher Philip Koch geschrieben und inszeniert; gespickt mit Genre- und Filmzitaten. Knarrende Türen gehören dazu und raschelndes Unterholz, ein bedrohlicher Musikscore und subjektive Kamera. Alles genau so, wie es sich für einen anständigen Gruselfilm geziemt. Dabei verbirgt sich der eigentliche Horror in einer menschlichen Tragödie. Eine wunderbar stimmige, wenn auch tragische, Auflösung findet Koch, dass das Mysterium seines Drehbuchs einen relativ einfachen, auf jeden Fall realistischen und verständlichen Grund hat.

Es ist alles nicht so, wie es scheint, und insofern hat die Bremer Tatortredakteurin Annette Strelow Recht, wenn sie darauf hinweist, dass dieser Tatort aus der Freien und Hansestadt eben „kein Experiment“ sei. Der Film lebt von der engen emotionalen Beziehung, die Nora Harding (Lilith Stangenberg) und ihr Vater (Cornelius Obonya) pflegen. Für den todkranken Mann und gerade für die Menschen, denen sie von Herzen zugetan ist, wird die Zuneigung der zarten, schüchternen junge Frau lebensgefährlich; und diese Feststellung führt dann wieder direkt zu Stedefreund, der sich in größerer Gefahr befindet, als er das zu Beginn des Filmes zu träumen gewagt hätte.

Philip Koch (Regie), Judith Schöll (Producerin), Lilith Stangenberg, Winfried Hammelmann, Sabine PosteI und Henning Hartmann (von links) in Bremen.

Philip Koch (Regie), Judith Schöll (Producerin), Lilith Stangenberg, Winfried Hammelmann, Sabine PosteI und Henning Hartmann (von links) in Bremen.
Foto: Achim Neubauer

Bereits vor einem Jahr, unmittelbar nach Abschluss der Dreharbeiten hatte sich Oliver Mommsen begeistert gezeigt von der Arbeit mit Philip Koch, der nach dem hochgelobten Film „Im toten Winkel“ nun einen weiteren Meilenstein für die Bremer Kommissare arrangiert hat. Wieder ist es das „Drama hinter dem Drama“, das ihn interessiert; drastische Bilder in Buch und Inszenierung sind dabei nur Mittel zum Zweck. Eine ganz ähnliche Herangehensweise hatte er auch schon im Münchener Tatort „Hardcore“ gewählt. Die Debatten über diesen Beitrag hatten sich allerdings im Wesentlichen in der Darstellung der Pornoszene erschöpft. Es wäre der Diskussion über „Blut“ angemessen, wenn sie nicht stehen bleiben würde beim Aufhänger „Vampire“, sondern sich auseinandersetzte mit der Frage, wie Angst vor dem Unbekannten, vor einer möglichen Veränderung, Menschen verändern und lähmen kann.

Interessant zu wissen

  • „Blut“ wurde vom 22. September bis zum 21. Oktober 2017 in Bremen und Umgebung gedreht.
  • Innerhalb von zwei Jahren hat Philip Koch vier Tatorte inszeniert, davon zwei auch geschrieben (zweimal für Batic und Leitmayr in München, zweimal für Bremen).
  • Auch diesmal hat Winfried Hammelmann („Bremen Vier“) wieder einen stummen Gastauftritt als Kriminalassistent Karlsen.
  • In dieser Woche fällt die letzte Klappe zum Abschluss-Tatort mit Lürsen und Stedefreund; dafür hat wieder Florian Baxmeyer die Regie übernommen, der seit 2009 schon 13 Bremer Tatorte inszeniert hatte.
  • Voraussichtlich im Frühjahr 2019 wird dieser letzte Film der beiden Kommissare mit dem Arbeitstitel „Wo ist nur mein Schatz geblieben“ (aka Abgrund) ausgestrahlt; evtuell am Ostermontag.

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