Staatstheater: Trollfabrik beschert „Das Ende des Westens“

„Das Ende des Westens“ von Lars Werner mit Tamara Theisen, Konstantin Gries, Tobias Schormann, Katharina Shakina ist derzeit als Uraufführung unter der Regie von Łukasz Ławicki in der Exhalle des Oldenburgischen Staatstheaters zu sehen.
Foto: Stephan Walzl
Oldenburg (vs) „Eine Lüge erzählt er ihnen, so groß, dass sie doch irgendwie wahr sein muss“, sagt Lars Werner, Autor seines Stückes „Das Ende des Westens“, das jetzt im Oldenburgischen Staatstheater seine Uraufführung feierte. Für die Exhalle des Staatstheaters inszeniert Regisseur Łukasz Ławicki die Auftragsarbeit von Lars Werner im DigitEx-Format und greift dafür mit seinem Kreativteam tief und äußerst gelungen in die digitale Trickkiste des Theaters.
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Das Publikum spendet für diese beeindruckende Arbeit den verdienten langen Applaus für das gesamte Ensemble. In einer russischen Trollfabrik mit vier Personen beginnt das nahende Ende des Westens. Oder hat es schon begonnen? Und wann? Ist das hier die größte Show der Welt? Fakt oder Lüge? Das Publikum trifft auf Menschen, Geschichten und Schauplätze, die wahr und zugleich erfunden sind.
Trolle sind Angestellte an einem Ort, an dem sie dafür bezahlt werden, alltäglich massenhaft Falschmeldungen und Hasskommentare in den sozialen Medien zu verbreiten. Diese sogenannten „Informationsangriffe“ sollen Stimmung machen und für Unmut in der Bevölkerung gegenüber den westlichen Regierungen und demokratischen Institutionen der Länder sorgen.
Format DigitEx perfekt umgesetzt
Das Publikum erlebt kein klassisches Schauspiel mit einer interaktiven Handlung unter den anwesenden Personen. Die vier Protagonisten sprechen ohne direkte Rollenzuweisung über die fiktive Sascha, die in einer Trollfabrik angestellt ist, und berichten von ihrem Arbeitsalltag mit ihren verschiedenen Identitäten und der Arbeit ihrer Kolleginnen und Kollegen für das System.
Sascha tritt dabei nicht selbst in Erscheinung. Wie Roboter agieren die Schauspielerinnen Katharina Shakina und Tamara Theisen sowie ihre Kollegen Konstantin Gries und Tobias Schormann fast seelenlos in einem in blaues, kaltes Licht gehüllten Raum (Bühne und Kostüm: Nina Aufderheide). Die Spielfläche ist ausgestattet mit endlosen Kabeln, Lichtschläuchen, Monitoren, Mikrofonen und der großen LED-Wand mit digitalen Animationen im Hintergrund.
Ihre Kostüme gleichen Arbeitsanzügen in einer Technikfabrik und sind ausgestattet mit Leuchtelementen, die je nach Stimmung und Situation (oder Aggregatzustand?) unterschiedlich leuchten und blinken. Auf kleinen Podesten stehend, deuten sie unterschiedliche Räumlichkeiten an.
Die Computerstimme aus dem Off lässt sie erschrecken, wenn Arbeitsanweisungen gegeben werden. Überhaupt ist die schauspielerische Leistung auch ohne die erwähnte übliche Interaktion untereinander beeindruckend. Viel Text ohne viel Spiel erfordert auch beim Publikum volle Konzentration sowie das Einlassen auf dieses futuristische, gefühllose Gedankenspiel.
Falschmeldungen sorgen für Stimmungsmache
Konfrontiert wird das Publikum in diesem fiktiven Spiel mit realen Ereignissen der Vergangenheit im Osten wie im Westen, die politisches Handeln erforderten und durch Propaganda gesteuert wurden.
Das Publikum wird erinnert an den Überfall von tschetschenischen Separatisten/innen auf das Dubrowka-Theater in Moskau während einer Musicalaufführung im Jahr 2002, bei dem 850 Menschen in Geiselhaft genommen wurden und nach der Erstürmung durch die russische Armee und dem Einsatz von Giftgas 130 Geiseln diese „Befreiung“ nicht überlebten.
Russlands Präsident Putin feierte diese Aktion dennoch als Erfolg. Die vermeintliche Bettwanzenplage großen Ausmaßes in Hotels kurz vor Olympia 2024 in Paris, ausgelöst durch Geflüchtete, gehört ebenso zur Propagandamaschinerie. Russische Blogger mit gefälschten Websites verbreiteten diese Nachricht auf dem Nachrichtenkanal X, und westliche Medien übernahmen diese Meldung ohne entsprechende Gegenrecherche.
„Informationsangriff“ in sozialen Medien
Wie in diesem Stück anscheinend nur Wladimir Putin mit seiner politischen Macht als Übeltäter dargestellt wird, ist wohl etwas eindimensional, wenn auch erschreckend real. Vielmehr ist es doch das weitverbreitete digitale Netzwerk – von Regierungen im Osten bis nach China und im Westen bis in die USA –, das dafür sorgt, dass Meinungen gegen demokratische Strukturen geschürt werden.
Auch in der Bundesrepublik sind wir vor solchen Versuchen der Stimmungsmache, vornehmlich ausgehend von rechtsextremistischen Parteien, nicht geschützt. „Das Ende des Westens“ ist ein beklemmendes und aktuelles Abbild der Macht und Einflussnahme digitaler Nachrichtenflut, der wir alle mehr oder weniger ausgesetzt sind.
Das Stück zeigt auf hohem technischen Niveau den derzeitigen Stand der Dinge in der Medienwelt mit ihren Gefahren, indem es präsentiert und nicht interpretiert. Regisseur Łukasz Ławicki hat das Format DigitEx für das Oldenburgische Staatstheater erneut sehenswert genutzt und in Szene gesetzt.
Informationen zum Stück, Vorstellungstermine und Karten gibt es online unter staatstheater.de




1 Kommentar
Den Untergang Amerikas präsentierte uns der amerikanische Dichter Allen Ginsberg in einem Gedichtband bereits 1972 (…da war doch was…?). Und wenn man heute zurückblickt, er brauchte nicht einmal besonders hellsichtig zu sein. Bei so manchem ist „der Groschen“ bis heute noch nicht gefallen und das Denken ist, vor allem in „der Politik“, eben mehr Glückssache.
Allen Ginsberg, „Der Untergang Amerikas“, Gedichte, Hanser Verlag, ISBN 3 446 11999 X