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Ausstellung: „Fakten oder Fantasie“

Corinna Roeder, Michael Remmers und Michael Recke zeigen einige besondere Kartenexemplare die in der Ausstellung Fakten oder Fantasie – Karten erzählen Geschichten in der Landesbibliothek Oldenburg zu sehen sind.

Corinna Roeder, Michael Remmers und Michael Recke (von links) zeigen einige besondere Kartenexemplare – unter anderem auch aus Seide – die in der Ausstellung zu sehen sind.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Oldenburg (zb) „Fakten oder Fantasie? Karten erzählen Geschichten“ lautet der Titel einer Ausstellung in der Landesbibliothek Oldenburg am Pferdemarkt, die jetzt eröffnet wurde. Rund 100 Karten aus 500 Jahren – darunter wahre Prachtexemplare – und kartenbezogene Exponate wie Globen vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart gehen der Frage nach, wie objektiv Karten tatsächlich sind?

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Der Schwerpunkt liegt auf historischen Originalkarten insbesondere aus dem Besitz der Landesbibliothek Oldenburg, der Staatsbibliothek zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz und aus Privatbesitz unter anderem der beiden Kuratoren Michael Recke (66) aus Emden und Michael Remmers (58) aus Butjadingen. Michael Recke, Präsident des Freundeskreises für Cartographica, und Michael Remmers, Kartograph und Vorstand der Sektion Weser-Ems der Deutschen Gesellschaft für Kartographie und Geomatik, sind wahre Kenner und Sammler, die den Karten buchstäblich auf den Grund gehen und so manche Karte als Fantasie entlarven.

Auf jeden Fall können sie zu jedem Exemplar eine spannende Geschichte erzählen. „Karten berichten über Geschichte“, sagt Michael Recke. „Und wenn man erst einmal einsteigt, entdeckt und erfährt man immer mehr und plötzlich bekommen Karten eine besondere Bedeutung.“ So berichtet er von Karten aus Russland und der DDR, in denen bewusst die Lage von bestimmten Orten verschoben wurde. „Hätte man sie beispielsweise bombardiert, hätte man andere Ziele getroffen. Es existieren viele Karten, die lügen, Informationen unterdrücken und verfälschen“, stellt Michael Recke fest.

Besonders kurios ist ein erst kürzlich in Polen produzierter Globus mit russischer Beschriftung, auf dem die Krim bereits zu Russland gehört. In der dazugehörigen Verpackung gehört die Krim jedoch noch zur Ukraine. Man darf, das zeigt das aktuelle Beispiel, nicht allen Karten und Globen blind vertrauen, obwohl der Glaube an ihre Exaktheit weit verbreitet ist. „Karten vermitteln eine hohes Maß an Seriosität“, findet auch Corinna Roeder, Direktorin der Landesbibliothek.

Aber die Ausstellung beweist, wie auch hier manipuliert wird. „Unsere Bilder von der Welt, von Nähe und Ferne sind von Karten geprägt. Satellitenbilder sind von unglaublicher Detailgenauigkeit. Google Maps, GPS oder das Navi geben uns das Gefühl, immer zu wissen, wo wir sind“, sagt sie weiter. Doch Vorsicht ist auch hier ebenso geboten wie bei Nachrichten.

Gerne werden Karten zur Illustration von Nachrichten über aktuelle Ereignisse genutzt und vermitteln dem Betrachter Objektivität und Faktenwissen. Doch ist das wirklich immer so? Transportieren sie nicht häufig mehr die Absichten der Kartenmacher als die objektiven Gegebenheiten, fragen die beiden Kuratoren. Genau darum geht es in der Ausstellung.

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Repro: Michael Remmers

Hingegen gibt es Karten aus Seide, beidseitig exakt bedruckt, wasserbeständig und knitterfrei, die keine Geräusche machen und die man als Halstuch tragen kann. So eine entdeckte man 1944 in der Nähe von Hamburg in einem Baum, in dem außerdem Reste eines Fallschirms hingen. „Sie gehörte einem US-Piloten, der abgeschossen wurde und ihm im Falle seines Überlebens zur Findung seines Fluchtweges dienen sollte“, klärt Michael Recke auf. Tatsächlich sind kleinste Ortschaften von Deutschland und Europa genau und unverfälscht zu erkennen. Michael Remmers legt eine sehr kleine, flache, schön hergemachte Schachtel auf den Tisch. An einer Seite ist sie offen. Dort zieht er eine französische Reisekarte von 1818 heraus. Auch sie besteht aus Seide und passt in jede Hosentasche ohne zu knicken und trotzt jedem Regenschauer.

Die Ausstellung ist in sieben thematische Abschnitte unterteilt. „Vom Weltbild zur Karte“ beleuchtet den Wandel des Weltbildes am Beginn der Neuzeit. Der zweite Teil befasst sich mit „Karten zur biblischen Heilsgeschichte“. So wurde um 1700 auch versucht, Orte der Bibel mit wissenschaftlichen Methoden genau zu bestimmen. Eben auch die Lage des Paradieses. Der nächste Abschnitt ist überschrieben mit „Karten idealer Städte“ und spannt den Bogen von der Architekturtheorie der Renaissance zu tatsächlich planmäßig angelegten Städten des 17. bis 19. Jahrhunderts.

Die berühmte Karte von „Utopia“ bildet den Auftakt zum vierten und fünften Teil „Literarische Karten“ und „Fantasiekarten“. Hier begegnet der Betrachter nicht nur Karten von Lilliput und der legendären Schatzinsel, sondern auch satirischen Darstellungen des Schlaraffenlandes oder des „Reiches der Liebe“. Schließlich werden „Spezialkarten“ präsentiert und im letzten Teil dreht sich alles um „Karten erzählen politische Geschichte“. Er handelt von den napoleonischen Kriegen bis in die Gegenwart.

Die Ausstellung ist bis zum 1. Juli montags bis freitags von 10 bis 19 Uhr und samstags von 9 bis 12 Uhr zu sehen. Öffentliche Führungen finden am 9., 18. und 23. Mai sowie am 1., 13., 22. und 27. Juni jeweils um 17 Uhr statt. Gruppenführungen gibt es auf telefonische Anfrage unter 04 41 / 505 01 80. Zur Ausstellung ist außerdem ein Katalog erschienen.

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