Wirtschaft

Andreas Jänisch über den Überlebenskampf der Reisebüros

Auch Vertreter_innen der Oldenburger Reisebüros demonstrierten in der vergangenen Woche am Wittenbergplatz in Berlin.

Auch Vertreter_innen der Oldenburger Reisebüros demonstrierten in der vergangenen Woche am Wittenbergplatz in Berlin.
Foto: Andreas Jänisch

Oldenburg / Berlin (am) Durch die Corona-Krise ist die finanzielle Lage der Reisebüros dramatisch. Inhaber_innen bangen um ihre Existenz – auch in Oldenburg. Über die aktuelle Situation sprach die OOZ-Redaktion mit Andreas Jänisch von Horizont-Reisen. Er betreibt gemeinsam mit Antke Akkermann seit mehr als 26 Jahren zwei Reisebüros in Oldenburg und findet deutliche Worte im Gespräch. Nach Demonstrationen in Bremen, Oldenburg und Berlin hoffen die beiden auf einen staatlichen Rettungsschirm. Sonst müssen sie schließen.

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OOZ: Herr Jänisch, wie sieht zurzeit Ihre Arbeit in den Reisebüros aus?

Andreas Jänisch: Seit Anfang März sind wir dabei, die Reisen unserer Kundinnen und Kunden zu stornieren. Eine Nachfrage für die kommenden Monate besteht kaum.

Laufen die Abwicklungen reibungslos?

Hier kommt es auf die Reiseveranstalter und Fluggesellschaften drauf an. Einige, wenige Fluggesellschaften erstatten die Flugtickets recht schnell, also innerhalb von zwei Wochen, was auch gesetzlich vorgeschrieben ist. Der Großteil (u.a. auch die deutsche Lufthansa) verhält sich gesetzeswidrig und behalten die geleisteten Zahlungen der Kundinnen und Kunden einfach ein. Automatisierte Erstattungen sind seit Mitte März einfach abgestellt worden. Somit werden unsere Kundinnen und Kunden ungewollt zu Kreditgebern, was aber nicht in ihrem Sinne ist. Bei den Reiseveranstaltern sieht es etwas anders aus. Zwar wurde auch hier teilweise gesetzeswidrig gehandelt und erst einmal auf eine Gutscheinlösung verwiesen, aber einige unserer Kundinnen und Kunden haben die Erstattungen bereits erhalten.
 
Wie dramatisch ist die aktuelle Situation durch die Corona-Krise für Sie und Ihre Mitarbeiter? Was befürchten Sie?

Die Situation wird von Woche zu Woche dramatischer. Unsere Angestellten sind seit Mitte März auf 100 Prozent Kurzarbeit, eine Änderung hierzu ist nicht in Sicht. Den „Lohn“ für unsere Arbeit der letzten sechs bis acht Monate müssen wir zurückzahlen bzw. bekommen diese nicht ausgezahlt, da Provisionen nur ausgezahlt werden, wenn die Reisen stattfinden. Faktisch so, als würde man den Lohn der letzten sechs Monate aufgrund der Corona-Krise wieder zurückfordern. Einige Kolleginnen und Kollegen haben bereits ihre Büros geschlossen, da sie die laufenden Kosten nicht mehr zahlen konnten und zusätzlich Rückzahlungen leisten mussten.
 
Herr Jänisch, bekommen Sie mittlerweile Hilfen?

Wir haben die Soforthilfe des Landes (3000 Euro) bzw. des Bundes (9000 Euro) sofort beantragt. Allerdings wurden die Beträge miteinander verrechnet, sodass es in Niedersachsen, anders als in anderen Bundesländern, letztlich 9000 Euro für betriebliche Verwendung gab. Dies ging allerdings sehr schnell. Auch die Agentur für Arbeit hat auf den Antrag für das KUG unserer Mitarbeiter_innen sehr schnell reagiert. Aber seit Anfang April steht alles still. Im Gegenteil: Die Reiseveranstalter fordern teilweise bereits ausgezahlte Provisionen wieder zurück. Vom Land bzw. von der Bundespolitik gab es bisher keine weiteren Maßnahmen zur Rettung unserer Branche.
 
Was sind Ihre Forderungen?

„Rettet die Reisebüros“, das ist unsere Forderung bei den Demos, die seit dem 29. April jeden Mittwoch bundesweit stattfinden. Unsere Forderungen hierzu sind im „Deutschen-Reise-Rettungs-Fond“ (DRRF) festgehalten. Dabei geht es unter anderem auch darum, dass Provisionen für bereits erledigte Arbeit auch gezahlt werden müssen. Da die Bundesregierung in den letzten Jahren vergessen hat, EU-Vorgaben zur Pauschalreise-Richtlinie umzusetzen (siehe beispielsweise die Thomas Cook-Insolvenz) und auch Provisionen abzusichern, fordern wir einen Ausgleich für unsere Arbeit. Immerhin arbeiten wir alle im Augenblick kostenlos, also „ehrenamtlich“, und versuchen, für unsere Kundinnen und Kunden da zu sein. Dies wird nur von Woche zu Woche schwieriger, solange sich Airlines und einige Reiseveranstalter weigern, entsprechende Erstattungen vorzunehmen. Bedenken Sie, dass die 9000 Euro Soforthilfe nur für betriebliche Mittel eingesetzt werden können. Letztlich sind wir „Verkäufer_innen“ mit einem entsprechenden Gehalt, was viele schon im Niedriglohnsektor ansetzen würden. Und wir verdienen seit Ende Februar keinen einzigen Euro! Auf der anderen Seite erhalten Konzerne wie die TUI oder Lufthansa Milliarden-Unterstützungen, was uns als Reisebüro-Inhaber_innen oder Mitarbeiter_innen fassungslos macht. Als Beispiel: Die TUI erhielt Ende März umgehend einen 1,8 Milliarden-Kredit, für den der Bund birgt. Es sind für die TUI in Deutschland (Stand 30.09.2019) 11.500 Beschäftigte gemeldet (Standort Hannover: 4500 Beschäftigte). Das heißt, die TUI hat pro Arbeitnehmer_in mehr als 150.000 Euro erhalten, schickt ihre Mitarbeiter_innen gleichzeitig in Kurzarbeit und verkündet ein paar Tage später die Streichung von zirka 450 Stellen, allein in Hannover. Auf der anderen Seite gibt es eine Studie eines großen Verbandes aus der hervorgeht, dass 140.000.000,– EUR pro Monat reichen würde, um unsere Branche, also die Reisebüros, zu retten. „Wir“ würden also für zehn Monate weniger kosten …
 
Was erwarten Sie jetzt von den Politikern?

Solange es einigen Politiker_innen aus dem Tourismusausschuss des Bundestages wichtiger ist, den Zug zu bekommen, als sich um mehr als 100.000 Arbeitsplätze in den Reisebüros zu bemühen, sehen viele Kolleginnen und Kollegen von mir und auch ich uns vom Bund und der Regierung im Stich gelassen. Immerhin ist das Wort „Reisebüro“ bereits bei einigen im Kabinett angekommen, allerdings lassen die Lösungsvorschläge weiterhin auf sich warten. Vielleicht gibt es im Laufe dieser Woche noch ein paar Neuigkeiten, die im Rahmen des Konjunktur-Paketes vorgestellt werden.
 
Die Grenzen werden peu á peu geöffnet. Werden Ihre Kunden nun wieder buchen? Was erwarten Sie für die Zukunft?

Andreas Jänisch: bestehen bleiben. Somit fallen für viele Personen die „Urlaubsfreuden“ weg, sei es das „all inclusive-Buffet“ oder der SPA-Bereich. Sei es die Kinderbetreuung inklusive Wasserrutschen oder die abendlichen Beach-Partys. Es gibt selbstverständlich auch Reisende, denen diese Punkte nicht so wichtig sind und die sich auch mit den Abstand- und Hygieneregeln arrangieren, allerdings ist das eher der kleinere Teil. Außerdem ist ja noch immer nicht geklärt, wie es mit dem Nicht-EU-Ausland aussieht. Hierzu nehme ich als Beispiel nur die USA / Kanada, Südost-Asien oder auch Australien / Neuseeland. Auch dies macht einen Teil der Touristik aus, und hier ist wohl bis Ende des Jahres / Mitte nächsten Jahres nicht mit einer Verbesserung zu rechnen.

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