Wildwasser Oldenburg: Mobiler Beratung droht das Aus

Sexualisierte Gewalt kann für Betroffene langfristige psychische Folgen haben. Viele suchen erst Jahre nach den Übergriffen professionelle Hilfe.
Symbolbild: wirestock
Die Fachberatungsstelle Wildwasser Oldenburg stößt bei der Unterstützung von Menschen nach sexualisierter Gewalt an personelle und finanzielle Grenzen. Im vergangenen Jahr mussten Betroffene länger auf Beratungstermine warten. Zeitweise konnte die Einrichtung keine neuen Ratsuchenden in die Onlineberatung aufnehmen. Das geht aus dem Tätigkeitsbericht 2025 hervor. Zugleich droht der mobilen Beratung ab 2027 das Aus.
Im vergangenen Jahr wandten sich 375 unmittelbar von sexualisierter Gewalt betroffene Menschen an die Fachberatungsstelle. Das entspricht im Durchschnitt mindestens einer betroffenen Person pro Tag. Wildwasser berät Menschen nach sexualisierter Gewalt sowie deren Angehörige, Bezugspersonen und Fachkräfte. Die Nachfrage nach Unterstützung bleibt laut Tätigkeitsbericht hoch. Gleichzeitig werden die Beratungsfälle komplexer und erfordern zunehmend längere Begleitung.
„Wir merken, dass die Geschichten der meist jungen Frauen immer schwerer werden und die Menschen öfter und länger zu uns kommen“, sagt Fachberaterin Lisa Veenker. Neben der Unterstützung in akuten Krisen geht es häufig darum, Betroffene über einen längeren Zeitraum psychisch zu stabilisieren.
Personalmangel führt zu Einschränkungen
Der Tätigkeitsbericht zeigt, welche Folgen die hohe Belastung für die Beratungsarbeit hat. Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung und längere krankheitsbedingte Ausfälle führten 2025 zu personellen Engpässen.
Von Jahresbeginn bis März nahm Wildwasser keine neuen Ratsuchenden in die Onlineberatung auf. Die Mitarbeiterinnen konzentrierten sich auf die persönliche Beratung und akute Krisenintervention. Dennoch verlängerten sich die Wartezeiten sowohl auf Ersttermine als auch zwischen weiteren Gesprächen.
Auch die Präventionsarbeit litt unter dem Personalmangel. Die Beratungsstelle konnte weniger Veranstaltungen durchführen als angefragt wurden. Damit fehlten Kapazitäten für Angebote, die Fachkräfte und andere Bezugspersonen im Umgang mit sexualisierter Gewalt schulen sollen.
Digitale sexualisierte Gewalt beschäftigt die Beratung
Als weitere Entwicklung beschreibt der Bericht die zunehmende Bedeutung digitaler sexualisierter Gewalt. Fachberaterinnen werden häufiger mit Fällen konfrontiert, in denen Frauen auf den Smartphones ihrer Ehemänner Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern entdecken. Andere Ratsuchende berichten von Übergriffen in Videochats.
Für die Betroffenen entstehen dadurch zusätzliche Belastungen. Häufig wissen sie nicht, woher die Aufnahmen stammen, wer darauf zu sehen ist und wie sie mit dem gefundenen Material umgehen sollen.
Wie viele Beratungsfälle digitale sexualisierte Gewalt betreffen, lässt sich aus dem Bericht noch nicht ablesen. Die Fachberatungsstelle will diesen Bereich ab 2027 gesondert statistisch erfassen.
Für mobile Beratung fehlt das Geld
Neben den personellen Problemen steht Wildwasser vor einer weiteren Herausforderung. Das von Aktion Mensch geförderte Projekt „Sichere Orte schaffen – mobile Hilfen vor Ort“ endet im März 2027. Für eine Fortsetzung fehlen nach Angaben der Beratungsstelle rund 40.000 Euro jährlich.
Das Projekt ermöglicht es, junge Betroffene direkt in Schulen, Jugendfreizeitstätten und anderen pädagogischen Einrichtungen zu beraten. Dadurch erreicht Wildwasser auch Menschen, die eine Beratungsstelle möglicherweise nicht selbst aufsuchen würden. Zudem erhalten Lehrkräfte und andere Fachkräfte Unterstützung, wenn sie sexualisierte Gewalt vermuten oder Hinweise darauf erkennen.
Der Tätigkeitsbericht zeigt, dass sich das Angebot seit seinem Beginn im März 2022 ausgeweitet hat. Ende 2025 waren bereits 48 Institutionen eingebunden. Auch die Zahl der mobilen Beratungen innerhalb des Projekts stieg gegenüber dem Vorjahr. Mehr als zwei Drittel dieser Kontakte betrafen junge Menschen unter 27 Jahren.
„Unsere mobile Beratung ist ein wichtiger Baustein, um Beratungshürden abzubauen und Betroffene zu erreichen, die den Weg in zu uns möglicherweise nicht oder erst sehr spät gehen würden“, sagt Veenker. Ohne eine Anschlussfinanzierung kann die Fachberatungsstelle das Angebot nicht in seiner bisherigen Form fortsetzen. Damit könnte eine Hilfe wegfallen, die junge Betroffene unmittelbar in ihrem gewohnten Umfeld erreicht.
Beratung auch ohne Voranmeldung
Wildwasser Oldenburg ist für die Stadt Oldenburg sowie die Landkreise Oldenburg und Ammerland zuständig. Die Fachberatungsstelle befindet sich in der Lindenallee 23. Weitere Informationen und eine vertrauliche Onlineberatung bietet die Internetseite wildwasser-oldenburg.de.
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