Von Vollbrand bis Schildkröte: Die Ausbildung bei der Feuerwehr

Erik Hiersig will Berufsfeuerwehrmann werden.
Foto: Finn Gohra
Eine kaputte Tür, dahinter ein Zimmer in Vollbrand. Erik Hiersig steht vor einer Situation, die er bisher nur aus Übungen kennt. Gemeinsam mit einem erfahrenen Kollegen rückt der 28-Jährige als erster Trupp in den Brandraum eines ehemaligen Hotels vor. Es ist einer seiner ersten Brandeinsätze während der Ausbildung bei der Berufsfeuerwehr Oldenburg. Doch so aufregend der Moment auch ist: Feuerlöschen macht nur einen kleinen Teil seines künftigen Jobs aus.
Wer sich unter dem Beruf des Feuerwehrmanns vorstellt, tagtäglich brennende Häuser zu löschen, liegt falsch. „Wir machen eigentlich alles. In jeder Situation, in der Menschen sich nicht selbst zu helfen wissen, wird die Feuerwehr angerufen“, sagt der 28-Jährige. Weiter erzählt er: „Es kann auch sein, dass auf der Ammerländer Heerstraße eine freilaufende Schildkröte gefunden wird und die anrufende Person nicht weiß, was sie tun soll.“ Der Großteil der Feuerwehreinsätze entfällt jedoch nicht auf Schildkrötenrettungen, sondern auf den Rettungsdienst.
Von Baukunde bis Reanimation
Etwa neun Monate der zweijährigen Brandmeisterausbildung müssen Anwärter wie Hiersig Erfahrungen im Rettungswesen sammeln. Das umfasst medizinische Grundlagen, Einsätze an Rettungswachen und in Einrichtungen der Patientenversorgung. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Grundausbildung, in der es unter anderem um Brandbekämpfung, technische Hilfeleistung und Einsatztaktik geht. Was den Auszubildenden der Feuerwehr Oldenburg an den Inhalten überrascht hat? Vor allem die Baukunde werde ausführlicher behandelt, als er erwartet hatte. Der angehende Brandmeister lernt, wie Gebäude und Dächer konstruiert sind und wo mögliche Schwachstellen liegen. Dieses Wissen brauchen sie beispielsweise bei einem Dachstuhlbrand, um beurteilen zu können, wie stabil die Konstruktion noch ist.
Weg zur Feuerwehr
Erik Hiersig kennt die Feuerwehr nicht erst seit der Ausbildung. Schon sein Großvater und sein Onkel waren in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv. Mit zehn Jahren trat er selbst der Jugendfeuerwehr in seinem Heimatort Weyhe bei, mit 17 wechselte er dort in die aktive Einsatzabteilung. Dass er seine Leidenschaft einmal zum Beruf machen würde, stand trotzdem nicht immer fest. Zwischenzeitlich dachte er über ein Biologiestudium nach. „Aber ich fand die Feuerwehr dann immer ein bisschen praktischer, spannender und aufregender“, sagt er. Nach dem Abitur absolvierte Hiersig eine Ausbildung zum Mechatroniker, arbeitete als Servicetechniker und später in Oldenburg in der Instandhaltung bei einem Automobilzulieferer. Seit Oktober 2025 ist er bei der Feuerwehr Oldenburg aktiv.
Viele Einstellungskriterien
Erst mit einer geeigneten, abgeschlossenen Berufsausbildung im medizinischen oder technischen Bereich können sich Interessierte in Niedersachsen für die reguläre Brandmeisterausbildung bewerben. Auch ein bestandener Sporttest ist Pflicht. In Oldenburg werden unter anderem Kraft, Ausdauer und Koordination getestet. Der Test ist ein Stück weit mit dem der Polizei vergleichbar, geht in seinem Umfang aber darüber hinaus. Zudem muss die gesundheitliche Eignung für den Atemschutzeinsatz nachgewiesen werden. Sie wird auch nach der Ausbildung regelmäßig überprüft.
Jeder Tag ist anders
Sind all die Hürden genommen, folgt laut Hiersig eine abwechslungsreiche Ausbildung. „Man wird immer wieder in ungewöhnliche, spannende Situationen geworfen“, sagt der 28-Jährige. Zudem schätzt er die Kollegialität und das Gefühl, mit seiner Arbeit einen Mehrwert zu schaffen. Nicht nur für ein Unternehmen oder sich selbst, sondern für die Gesellschaft. So erlebe er, dass sich Patienten nach einer Versorgung im Rettungswagen oder Betroffene nach einem Brandeinsatz dankbar zeigen.
Belastungen sind nicht nur körperlich
Doch der Beruf bringt auch hohe Belastungen mit sich. Unfälle, Tote und Verletzte oder Menschen, die ihr Zuhause verloren haben: Mit solchen Situationen werden Feuerwehrleute regelmäßig konfrontiert. Um mit diesen Erfahrungen umzugehen, werden ihnen bereits während der Ausbildung entsprechende Strategien vermittelt.
Nach belastenden Einsätzen können Feuerwehrleute eine psychosoziale Notfallversorgung in Anspruch nehmen. Hiersig setzt auch auf eine gewisse emotionale Distanz. „Manche Einsätze müssen einem, glaube ich, auf eine gesunde Weise egal sein“, erklärt er. Als Abstumpfung möchte er das aber ausdrücklich nicht verstanden wissen. Vielmehr gehe es darum, eine gewisse Professionalität und Widerstandsfähigkeit gegenüber belastenden Erlebnissen zu entwickeln. Dabei dürfe die Menschlichkeit nicht verloren gehen: „Es ist wichtig, sich sein Mitgefühl gegenüber Opfern eines Brandes oder Opfern eines Unfalls zu bewahren“, meint der Auszubildende.
Feuerwehr ist Teamwork
Mit dem Bild des Feuerwehrmanns aus US-Fernsehserien hat Hiersigs Alltag wenig zu tun. „Ich glaube, so wie Feuerwehr in den Medien und Popkultur oft dargestellt wird, ist das Ganze ein bisschen zu heroisiert“, sagt der 28-Jährige. In solchen Serien würden sich Einsatzkräfte häufig unnötigen Gefahren aussetzen.
Bei der Feuerwehr in Oldenburg gehe es dagegen nicht um einzelne Helden, die auf eigene Faust in brennende Gebäude laufen. „Feuerwehr ist immer Teamwork und man arbeitet keinen Einsatz allein ab“, betont er. Jeder müsse seine Aufgaben kennen und sich auf die Kollegen verlassen können. Dafür seien eine umfangreiche Ausbildung und das Vertrauen innerhalb der Mannschaft entscheidend.
Wie wichtig dieses Zusammenspiel ist, hat Hiersig bei jenem Einsatz im ehemaligen Hotel selbst erlebt. Gemeinsam mit seinem Kollegen gelang es ihm, den Brand zu löschen. Besonders freute ihn dabei, dass er die erlernten Abläufe auch unter realen Bedingungen sicher anwenden konnte. „Das war schon ein tolles Gefühl“, erinnert er sich. Für Erik Hiersig zeigt die Erfahrung, worauf es bei der Feuerwehr ankommt: eine gute Ausbildung und ein Team, auf das man sich verlassen kann.
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