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Mit dem Käfer um die Ostsee

Selfie von Maik und Nel kurz nach Passieren der Grenze zu Russland / Kaliningrad.

Selfie von Maik und Nel kurz nach Passieren der Grenze zu Russland / Kaliningrad.
Foto: Maik Günther

Oldenburg (pm) Neun Länder, über 100 Orte und unzählige Erlebnisse – gemeinsam machten sich Maik Günther und Tochter Nel in ihrem 57 Jahre alten VW Faltdachkäfer auf den Weg, um einmal die Ostsee zu umrunden. 34 Tage waren sie mit ihrem dunkelblauen Käfer „Midnight“ unterwegs, auf Landstraßen, Schotterpisten und Fähren. In einer Multivisionsshow „Mit dem Käfer um die Ostsee. 6.000 Kilometer ohne Gurt und Servo.“ erzählt Maik Günther am Sonntag, 4. Februar, um 16 Uhr im Kulturzentrum PFL faszinierende Geschichten von der gemeinsamen Vater-Tochter-Käfertour.

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Maik Günther, seit vielen Jahren Reisejournalist und Fotograf, verliebte sich bereits in seiner Kindheit in das Kultauto. Wenn seine Eltern mit ihrem himmelblauen 1300er-Käfer in den 70er Jahren nach einem Sonntagsausflug abends heimkehrten, dann lag er im sogenannten „Hundeabteil“, direkt über dem Heckmotor. Der vertraute Klang des luftgekühlten Boxermotors lies ihn glücklich, tief und fest schlafen. Wahrscheinlich träumte er davon, dass er eines Tages auch einmal mit seiner Familie, in einem solchen Käfer, eine lange Reise machen würde. Im Sommer 2017 war es dann endlich soweit. Und seine Tochter Nel (16), die gerade in Oldenburg das Gymnasium Eversten besucht, war mit dabei.

Ein paar Regeln hatten sie sich für diese Reise selbst aufgestellt. Autobahnen waren tabu. Auf ein Navigationsgerät sollte verzichtet werden. Wie noch bis Anfang der 90er Jahre üblich, wurden beim ADAC die gedruckten Routenkarten bestellt und sicher im Handschuhfach des kleinen Käfers verstaut. Die Tagesrouten betrugen in der Regel nicht mehr als 200 Kilometer. Umwege waren ausdrücklich erwünscht, so dass statt der geplanten 3.500 Kilometer am Ende über 6.000 Kilometer zurückgelegt wurden. Oberstes Ziel der Reise: Entschleunigung und trotzdem ganz viel erleben. Sie besuchten hunderte Orte, trafen unzählige Menschen und kamen mit ihnen ins Gespräch.

Ihren dunkelblauen Käfer setzten sie dabei auch als Botschafter für ein offenes Europa ein. Die geschwungenen Kotflügel und die Türen des Oldtimers hatten sie mit den Werten der Europäischen Union beschriften lassen: Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Vielfalt und Grenzenlosigkeit. Der Käfer wurde während der Reise tausendfach von staunenden Menschen am Wegesrand fotografiert. Kleine Kinder standen mit offenen Mündern da und zeigten mit ihren Fingern auf das vorbeifahrende Kultobjekt. So ein Auto hatten sie wohl zuletzt in einem Disney-Film gesehen?

Der VW Käfer, das Krabbeltier, welcher gemeinsam mit seinem großen Bruder, dem VW Bus, in den 60er und 70er Jahren nicht nur zahlreiche Hippiefestivals in der ganzen Welt ansteuerte, sondern für Millionen Deutsche auch ein zuverlässiges und günstiges Familienauto wurde. Käfer mit den Namen „Herbie“ und „Dudu“ wurden zum Kino-Kassenschlager und auch heute ist dieser sympathische Volkswagen mit seiner unverwechselbaren Silhouette der Karosserie einzigartig und gelegentlich, meist als gut gepflegter Oldtimer, auf den Straßen Europas zu finden. Maik Günther sagt zu seiner Idee, den Wagen als Botschafter Europas einzusetzen: „Der kleine Käfer ist ein Symbol für das, was Deutschland Europa zu verdanken hat. Ohne das gemeinsame Europa hätte Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg keinen so starken wirtschaftlichen Aufschwung erleben können.“

Co-Pilotin Nel vor dem Solidarnosc-Museum in Danzig.

Co-Pilotin Nel vor dem Solidarnosc-Museum in Danzig.
Foto: Maik Günther

Die Reise war aber weit mehr als nur eine Tour mit einem Oldtimer. Einmal um die Ostsee, immer entlang der Küste. In Oldenburg, ihrer Heimatstadt im Nordwesten Deutschlands, ging es los. Hinauf an die Nordseeküste. Gemütlich über die Landstraße ging es zunächst Richtung Norden. Mit der Weserfähre fuhren sie nach Bremerhaven, besuchten dort das Klimahaus und weiter ging die Tour entlang der Nordsee. Im Zoo in der Wingst versuchten sie sich als Tierpfleger, fütterten Braunbären und reinigten das Gehege der Polarfüchse. In Travemünde konnten sie bereits am ersten Abend den warmen Sand der Ostseeküste an ihren Füßen spüren. An den folgenden Tagen standen Stopps in Boltenhagen, Warnemünde, Stralsund, auf der Insel Rügen und in Greifswald auf dem Programm. In Polen faszinierten die geschichtsträchtigen Badeorte Kołobrzeg (ehemals Kolberg) sowie Ustka (einst Stolpmünde) mit seinen zahlreichen denkmalgeschützten Villen an der Strandpromenade, seiner begehbaren Hafenmole inklusive Leuchtturm. Im noblen Badeort Sopot durfte sich das Vater-Tochter-Gespann im 1924 erbauten Grand Hotel gemütlich machen. Käfer „Midnight“ fühlte sich zwischen den Edelkarossen von Tesla, Mercedes und BMW sichtlich wohl. Für eine Fotosession ging es sogar in den exklusiven Garten des 5-Sterne Hotels.

Je weiter die Tour gen Osten führte, um so spannender wurde die Reise. Stundenlanges Warten an der polnisch-russischen Grenze. Wie reagieren die russischen Grenzbeamten, wenn Vater und Tochter mit einem alten, deutschen Volkswagen, beschriftet mit den Worten „Freiheit“, „Demokratie“ und „Menschenrechte“, in ihr Land einreisen wollen? Werden gar politische Aktionen der Oldtimer-Reisenden befürchtet? Kaliningrad, die russische Exklave im Baltikum, wird aufgrund der komplizierten VISA-Bestimmungen von Touristen häufig gemieden. Die Einreise gelingt und der Besuch der vormals deutschen Stadt Königsberg wird zum großen Erlebnis. Über die landschaftlich wirklich spektakuläre und einzigartige kurische Nehrung geht es weiter nach Litauen. Nida und Klaipeda (einst Memel) mit einem Besuch des Ännchen von Tharau stehen auf dem Programm. Tochter Nel erklärt dort, dass das von Außen sehr unschöne, von Innen aber sehr liebenswerte Hostel (Übernachtung für 8 Euro) mit seinem überaus sympathischen Besitzer-Ehepaar doch viel schöner als irgendein 5-Sterne Hotel sei.

In Lettland ging es meist über huckelige Schotterpisten. Autobahnen sollten ja vermieden werden. Kein gutes Gefühl, wenn man aufgrund der schlechten Federung maximal 30 Kilometer pro Stunde fahren kann, die Gänge ständig vom Geruckel rausspringen, mit Tempo 100 riesige Lkws an einem vorbeirauschen und dabei eine dichte Staubwolke hinterlassen. Der Käfer hat keine Gurte und der Handgriff, vorn am Armaturenbrett, half nur wenig beim Mutmachen.

Im Pape Nationalpark stand ein Besuch eines Reservats zweier Herden von Wildpferden an. Die lettische Stadt Liepaja und die Erkundung des Stadtteils Karosta gehörte zu den Hightlights der Reise. Einst waren dort über 30.000 russische Soldaten stationiert. Heute spürt man hier die Modernisierung und den Aufbruch des Baltikums ganz besonders intensiv.

Das kleinste der drei baltischen Länder, Estland, stand im Fokus dieser Tour. Bei einer längeren Rundreise wurde die heimliche „Bildungshauptstadt“ des Landes, die bei Studenten sehr beliebte Stadt Tartu, das Seebad Pärnu am Rigaischen Meerbusen, die östlichste Stadt Estlands, Narva, eine geteilte Zwillingsstadt an der estnisch-russischen Grenze und natürlich auch die Hauptstadt Tallinn angesteuert. Eindrucksvoll war der Besuch im Lahemaa Nationalpark, wo noch heute über 300 Braunbären in freier Natur leben und zahlreiche Guts- und Herrenhäuser von der reichen, deutsch-baltischen Geschichte zeugen.

Käfer Midnight vor dem Rettungshäuschen in Binz auf Rügen.

Käfer Midnight vor dem Rettungshäuschen in Binz auf Rügen.
Foto: Maik Günther

Per Fähre ging die Reise weiter nach Finnland. In Helsinki wird in einem ehemaligen Gefängnis übernachtet, im kleinen Mathildedal, wo einst die Metallindustrie ein wichtiger Erwerbszweig war und noch heute ein Eisenhüttenareal von dieser Geschichte zeugt, bestaunten die Reisenden eine Alpakafarm. Im Teljo Nationalpark versperrte frühmorgens eine neugierige Elchkuh die Landstraße. So ein dunkelblauer, recht lauter Krabbelkäfer schaut hier wohl recht selten vorbei.

Der Käfer knatterte durch Stockholm, machte Stopp in Nörrköping und Härradshammer. Im dort beheimateten Zarah Leander Museum stand ein Treffen mit der 80-jährigen Brigitte Pettersson an. Als junges Mädchen folgte sie ihrem Idol, der unvergesslichen Zarah Leander nach Schweden. Bei offenem Faltdach erzählte Brigitte von ihren Erlebnissen mit ihrer Freundin Zarah. Ab und an kam ihr sogar die ein oder andere Liedstrophe über die Lippen … „Er heißt Waldemar“ oder „Davon geht die Welt nicht unter“, hörte man Brigitte im dunkelblauen VW Käfer singen. Als sei die Zeit ganz einfach stillgestanden.

Im Tierpark Kolmården, Schwedens größter Zoo und Freizeitpark, wurde unweit des Löwengeheges genächtigt und eine der höchsten Holzachterbahnen der Welt ausprobiert. Faltdachkäfer Midnight fühlte sich in der Landschaft Schwedens, mit seinen vielen Bergen, Flüssen und Seen ganz besonders wohl. Traumhaft war auch die Fahrt über die dänische Insel Seeland sowie ein Besuch von Aarhus, der europäischen Kulturhauptstadt 2017. Die große Rundreise führte die letzten Kilometer über Flensburg, Hamburg, durch die Obstplantagen im Alten Land, entlang der Elbe und an der Nordseeküste gemütlich zurück nach Oldenburg.

Maik Günther erzählt faszinierende Geschichten von der gemeinsamen Vater-Tochter-Käfertour rund um die Ostsee. Mal lustig mit vielen Anekdoten, mal spannend und tiefgründig. Landschaften, Begegnungen mit Menschen dokumentiert er ebenso wie das gemeinsame Erleben einer intensiven Reise von Vater mit seiner Tochter im Teenageralter. Gespräche über fremde Kulturen, ein offenes Europa, aber auch das gemeinsame Auftragen von Gesichtsmasken abends im Hotel oder das lebensfrohe Entdecken neuer Orte, sind abwechslungsreiche Kapitel einer abenteuerlichen Roadstory.

Karten für die Veranstaltung gibt es für 12,50 Euro im Vorverkauf oder für 15 Euro an der Abendkasse.

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