Filmfest

Filmfest: „Im Sommer wohnt er unten“ sahnt ab

Die anwesenden Crew-Mitglieder der Produktion Im Sommer wohnt er unten hatten bei der Verleihung des German Independence Awards im Oldenburgischen Staatstheater doppelten Grund zur Freude.

Die anwesenden Crew-Mitglieder der Produktion „Im Sommer wohnt er unten“ hatten doppelten Grund zur Freude.
Foto: Anja Michaeli

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Oldenburg / am / ce / ck – Gestern wurde im Oldenburgischen Staatstheater mit der Preisverleihung des German Independence Awards, der Verkündigung der Nominierungen für den European Discovery – Prix FIPRESCI und dem Abschlussfilm „Umrika“ das 22. Internationale Filmfest Oldenburg beendet. Mehr als 15.000 Zuschauer waren während der fünf Festivaltage in die Kinos und zu den außergewöhnlichen Vorführorten gekommen.

22. Internationales Filmfest Oldenburg

Zehn Prozent mehr Zuschauer als im vergangenen Jahr konnten die Organisatoren des Festivals verbuchen. Über 500 Gäste und Branchenteilnehmer besuchten die oft ausverkauften Vorstellungen an den Festivaltagen. An der Eröffnung in der kleinen EWE Arena nahmen rund 1000 Besucher teil. Die Liebhaber von Independent-Produktionen tauschten sich auf den Partys, Empfängen und Events über ihre Eindrücke und Erlebnisse aus. Immer wieder beachtenswert sind die Diskussionen im Anschluss an die Screenings, die durch die Anwesenheit der Filmemacher und Schauspieler möglich werden. Geehrt wurden Joanna Cassidy (Tribute und Stern auf dem OLB-Walk of Fame) und Regie-Ikone George Armitage (Retrospektive).

Closing Night – Die Preisverleihung

22. Internationales Filmfest Oldenburg: Closing Night

Es war eine Freude in die strahlenden Gesichter der Crew um Filmemacher Tom Sommerlatte zu schauen. Sie hatte auch beste Gründe für großen Jubel. Neben dem German Independence Audience Award wurde ihre deutsch-französische Komödie „Im Sommer wohnt er unten“ auch für den European Discovery – Prix FIPRESCI nominiert.

Der Seymour Cassel Award – in diesem Jahr erstmalig sowohl für die Beste Schauspielerin als auch für den Besten Schauspieler – wurde an Sarah Silverman („I smile Back“) und Nikola Rakočević („Travelator“) verliehen, die die Jury des Festivals durch ihre außergewöhnlichen darstellerischen Leistungen überzeugten. Die Jury setzt sich aus RP Kahl, Deborah Kara Unger und Buddy Giovinazzo, den Mitgliedern des im letzten Jahr gegründeten „Advisory Board“, zusammen.

Die Kurzfilmjury, bestehend aus den beiden Oldenburgern, Produzent und Verleiher Marcus Machura („Jack“, deutscher Filmpreis in Silber und Abschlussfilm Oldenburg 2014) und Regisseur Andreas Schaap („Must Love Death“, Oldenburg 2012, „Tim Sanders goes to Hollywood“, Oldenburg 2013) sowie dem Schauspieler Marco Hofschneider („Hitlerjunge Salomon“, „Luther“), vergab den German Independence Award für den Besten Kurzfilm an den niederländischen Kurzfilm „Free“ von Martijn De Jong, der sich wie andere Kurzfilmer auch dafür bedankte, dass diesen Filmen in Oldenburg eine Leinwand geboten werde.

Nominierungen für den European Discovery – Prix FIPRESCI, der im Dezember im Rahmen des Europäischen Filmpreises in Berlin verliehen wird: „Ich seh ich seh“ von Veronika Franz und Severin Fiala (Österreich), „Limbo“ von Anna Sofie Hartmann (Deutschland, Dänemark), „Mustang“ von Gamze Ergüven (Frankreich, Deutschland, Türkei), „Slow West“ von John Maclean (Neuseeland, Großbritannien) und der frisch gekürte German Independence Award-Preisträger „Im Sommer wohnt er unten“ von Tom Sommerlatte (Deutschland, Frankreich).

Nach der Preisverleihung wurde der Film „Umrika“ von Prashant Nairs gezeigt.

„Umrika“: Zwischen Fernweh und Mutterliebe

Torsten Neumann und Prashant Nairs.

Torsten Neumann und Prashant Nairs.
Foto: Anja Michaeli

Ramakants großer Bruder Udai verlässt in den 80er-Jahren das indische Heimatdorf Jitvadur, um in Amerika sein Glück zu versuchen. Als keine Briefe mehr von ihm kommen, beginnt Ramakant seine Suche nach ihm – und damit gleichzeitig auch nach seinem eigenen Way of Life. „Umrika“ gibt nicht nur tiefe Einblicke in die Kultur und Landschaft eines für uns immer noch sehr unbekannten Landes, sondern liefert durch viele kleine Zeitungsschnipsel aus amerikanischen Magazinen, die in dem Film eine große Rolle spielen, eine wunderbare Zusammenfassung der meisten gängigen amerikanischen Klischees. Aber „Umrika“ ist auch eine Familiengeschichte um aufopfernde Eltern und zwei Brüder, die ihren Weg gehen. (ce)

Vor der Closing Night sah die OOZ-Redaktion weitere Filme.

„God of Happiness“: Gutlauniger Kulturenmix

Der georgische Auswanderer Georgi und der Afrikaner Ngudu leben in einer etwas anderen Männer-WG zusammen. Georgi verdient seinen Lebensunterhalt durch kleine Statistenrollen und seinen Vermittleranteil an Ngudus Gigolo-Dasein. Die Wohnung der Beiden ist voll von Götterfiguren, an denen Ngudu, der sich selbst gern als Geist aus der Flasche vorstellt, sehr hängt. Gelegentlich muss eine der Figuren (zuletzt der „God of Happiness“) verkauft werden, um die Haushaltskasse aufzufüllen. Als ein Besuch der Tochter von Georgi ansteht, die er zehn Jahre nicht gesehen hat, wird ihr ein anderes Leben vorgespielt, in dem ihr Vater erfolgreich ist, in einer großen Villa wohnt und eine tolle Ehefrau hat. Die Geschichte fliegt aber bald auf. Mit „God of Happiness“ ist Dito Tsintsadze eine wunderbare Komödie mit Tiefgang gelungen. Der Storymix aus Männerfreundschaft, Familienzusammenführung und kulturellen Differenzen geht auf und ans Herz. Die Darsteller sind dabei großartig ausgewählt und machen Lust auf mehr. Ein Film mit Fortsetzungspotenzial. (ce)

„Polder – Tokio Heidi“: Düstere Zukunftsvision

Kurz vor der Veröffentlichung eines Computerspiels stirbt dessen Entwickler. Seiner Frau hinterlässt er ein Rätsel, dessen Lösung die Verbreitung des Spiels verhindern soll. Denn das „Rote Buch“ ist nicht einfach nur ein Spiel, es würde die Gesellschaft für immer verändern. Die deutsch-schweizerische Co-Produktion der Regisseure Julian M. Grünthal und Samuel Schwarz zeigt eine düstere Zukunftsversion einer Welt, in der Realität und Spiel so miteinander verwoben sind, dass man die Orientierung verliert. Bilder von Menschen, die nur noch als Avatar zu existieren scheinen gepaart mit zum Großteil schwarz-weißen surrealen Szenen drücken ordentlich aufs Gemüt und machen diesen Science-Fiction-Streifen schwer verdaulich. (ce)

„Gottlos – Warum Menschen töten“: Mord in Serie

Das Team um Thomas Stiller bei der Vorstellung von Gottlos – Warum Menschen töten.

Das Team um Thomas Stiller bei der Vorstellung von „Gottlos – Warum Menschen töten“.
Foto: Anja Michaeli

Wie verläuft der klassische Krimi? Es gibt einen Mord und Ermittler, die den Mord aufklären und am Ende einen Täter präsentieren. Hier ist es anders: Der Mord steht am Ende. Auf dem Weg dorthin erhält man Einblicke in die Psyche von Menschen, denen man zu Beginn der jeweiligen Geschichten einen Mord vielleicht nicht zugetraut hätte. Bei „Gottlos – Warum Menschen töten“ handelt es sich um eine Serie, die Thomas Stiller im Auftrag von RTL II schrieb und drehte. Im Rahmen des Filmfestes liefen die ersten drei Folgen – „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“, „Auslöschung“ und „Der Polizist“ – als Weltpremiere. Als Grundlage dienten wahre Fälle, um die Stiller mit künstlerischer Freiheit Geschichten stricken durfte. So schön dieses Zugeständnis auch sein mag, die Filmemacher hatten mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen: Folgen, die 45 Minuten lang sind, haben eben keine Spielfilmlänge und offensichtlich zu wenig, um den Geschichten die nötige Tiefe zu geben. Außerdem muss jede Folge in sieben Tagen abgedreht sein. Ein sportliche Herausforderung, die Schwächen nach sich zieht und einen Hauch von „Aktenzeichen XY“ hinterlässt. Es bleibt ein bitterer Beigeschmack der Oberflächlichkeit, der durch die oft völlig überzeichnete Darstellung der Charaktere zum Teil ins Groteske rutscht und für Lacher während der Vorstellung im EWE Forum Alte Fleiwa sorgte. Dies sei allerdings so gewollt, betonte Regisseur Thomas Stiller im anschließenden Gespräch. Zahlreiche Darsteller der drei Serienfolgen standen ihm bei dem Gespräch mit dem Publikum zur Seite. (ce/am)

„Three Days in Auschwitz“: Mehr als eine Reise in die Vergangenheit

Philippe Mora sprach über seinen Film Three Days in Auschwitz.

Philippe Mora (mitte) sprach über seinen Film „Three Days in Auschwitz“.
Foto: Christian Kruse

Der australische Filmemacher Philippe Mora war im vergangenen Jahr einer der Ehrengäste des 21. Internationalen Filmfest Oldenburg und wurde mit dem German Independence Honorary Award geehrt. Er hat sich mit dem diesjährigen Beitrag einmal mehr mit dem Thema Auschwitz auseinandergesetzt und wandelt auf den Spuren seiner Familiengeschichte. Mora kam 1949 in Paris als Sohn eines deutsch-jüdischen Résistance-Kämpfers und einer französisch-jüdischen Künstlerin zur Welt, acht Familienmitglieder wurden von den Nazis umgebracht. „Three Days in Auschwitz“ ist eine Aneinanderreihung von Fragmenten aus 2010 und 2014, die die Vergangenheit mit der Verarbeitung ebendieser in der Gegenwart verknüpft. Den Blick auf Ascheberge oder in Hütten, in denen Berge von Schuhen oder Koffern ihren Geruch verströmen, erspart Mora den Zuschauern dabei. Gezeigt wird ein steriles Bild einer Gedenkstätte, die ein Massentourismusort geworden ist. Bunt gekleidete Gruppen mit Rucksäcken und Fotoapparaten schieben sich über das Gelände. Die kurze Dokumentation lebt eher von der Redekunst Moras und von seiner Familiengeschichte, in die man vor allem durch seine Mutter eindringliche Einblicke erhält. Bilder wie der hektische Lauf durch das Holocaust-Denkmal in Berlin bleiben scheinbar bedeutungslos am Rande, unterstreichen aber auch das, was Philippe Mora in der Dokumentation selbst betont: Der Film ist wie eine Ansammlung von Notizen darüber, wie man einen Film über Auschwitz drehen könnte. Getragen wird der journalistisch anmutende Film auch durch die Musik Eric Claptons, der gemeinsam mit Philippe Mora „Three Days in Auschwitz“ produzierte. Man darf gespannt sein, wie der Filmemacher weiterhin dieses Thema verarbeiten wird. (ce/am)

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