Kultur

Von Arbeitsmigranten und vermissten Soldaten

Stellten die Oldenburgische Familienkunde vor: Michael Brandt, Geschäftsführer der Oldenburgischen Landschaft, Gerhard Geerken, Heiko Ahlers, Wolfgang Martens, Landschaftspräsident Thomas Kossendey und Dierk Feye

Stellten die Oldenburgische Familienkunde vor: Michael Brandt, Geschäftsführer der Oldenburgischen Landschaft, Gerhard Geerken, Heiko Ahlers (hintere Reihe, von links); Wolfgang Martens, Landschaftspräsident Thomas Kossendey und Dierk Feye (vordere Reihe, von links).
Foto: Katrin Zempel-Bley

Anzeige

LzO Vorsorge

Oldenburg (zb) – Seit 1959 gibt die Oldenburgische Gesellschaft für Familienkunde (OGF) eine eigene genealogische Zeitschrift heraus, die „Oldenburgische Familienkunde“. Sie behandelt ein breites Spektrum von Forschungsergebnissen und quellenkundlichen Arbeiten aus dem Gebiet des Oldenburger Landes. 2009 konnte das erste „Jahrbuch Oldenburgische Familienkunde“ vorgestellt werden. Jetzt präsentierten Wolfgang Martens und Heiko Ahlers vom OGF-Vorstand einen 400 Seiten umfassenden Doppelband mit sieben interessanten Aufsätzen und Fotos zur Regionalgeschichte, der von der Oldenburgischen Landschaft finanziell unterstützt wurde.

„Oldenburger Stuckateure in den Niederlanden“ hat Gerhard Geerken seinen Aufsatz überschrieben. Der Landschaftsplaner aus Eindhoven fand zufällig heraus, dass seine Vorfahren aus Kirchhatten im Landkreis Oldenburg stammen. Er begann seine Familiengeschichte zu erforschen, lernte dabei Wolfgang Martens und Heiko Ahlers kennen und entdeckte darüber die rund 1500 Stuckateure, die zwischen 1775 und 1925 primär aus Wardenburg und Kirchhatten in die Niederlande gingen, um dort als Gastarbeiter tätig zu werden.

Arbeitsmigration, das macht auch diese Geschichte deutlich, gibt es eben nicht erst seit unserer Zeit. Auch seine Vorfahren suchten ihr Glück in der Fremde, verdienten viel Geld und etablierten sich im Nachbarland oder kamen zurück und bauten sich hier ihre Existenz in ganz anderen Berufsbereichen auf. „Je mehr ich in das Thema eingestiegen bin, umso spannender wurde es“, sagt der 60-Jährige.

Zwar gibt es über die Hollandgängerei schon allerhand Literatur, aber die Geschichte der Stuckateure ist bislang nicht erforscht worden. Gerhard Geerken verfasste deshalb einen über 40 Seiten umfassenden Aufsatz, den Heiko Ahlers für das aktuelle Jahrbuch übersetzt hat. „Demnach besaßen die Stuckateure aus dem Oldenburger Land über mehrere Jahrzehnte sogar ein Monopol“, fand der Niederländer heraus.

Was war ihr Erfolgsrezept, wie wurden sie zu qualifizierten Stuckateuren und organisierten ihre Arbeit, welche Auswirkungen hatte das auf ihr Privatleben, blieben sie alle dort und kamen sie ins Oldenburger Land zurück? Nach jahrelangen intensiven Recherchen – nicht zuletzt in den umfassenden Datenbanken der OGF – kennt der Autor, der selbst aus einer Stuckateursfamilie stammt, die Antworten.

Mit den Oldenburgern in Napoleons Großer Armee von 1812 befasst sich Dierk Feye in einem weiteren Aufsatz. Was ist eigentlich aus den vielen Soldaten aus dem Oldenburger Land geworden, die sich 1812 am Russlandfeldzug von Napoleon beteiligten? 500.000 Soldaten fielen ihm zum Opfer. Der Autor aus Varel widmete sich den Militärakten, die auch zu den familienkundlichen Quellen gehören, weil er sich für das Schicksal der Soldaten aus dem Oldenburger Land interessiert.

„Tatsächlich ist über die 1813 eingezogenen rund 800 Männer aus unserer Region offiziell nichts bekannt“, sagt Dierk Feye. „Ihre Namen sind in der Gesamtliste der ‚Abwesenden vom Herzogthum Oldenburg‘ aufgeführt“, erzählt er und kündigt die Veröffentlichung der Liste durch die OGF in nächster Zeit an. Darunter finden sich Menschen aus Blexen, Einswarden, Tossens und Waddens oder Rodenkirchen, Schwei, Burhave, Golzwarden, Seefeld, Varel, Hammelwarden oder Berne.

Der Autor hat ihre Spur aufgenommen und neben vielen Briefen einen Bericht des hannoverschen Leutnants Heinrich Meyer entdeckt, der von der preußischen Regierung beauftragt wurde, Näheres über das Schicksal der zur Großen Armee einberufenen Soldaten herauszufinden. „Von den 810 als vermisst gemeldeten Oldenburger Untertanen konnte er 215 Verluste klären“, berichtete Dierk Feye. „Sie waren vorwiegend in Städten und Hospitälern gestorben und nicht auf dem Schlachtfeld.“ Fakt ist aber, dass nicht alle umkamen. So berichtet der Autor, dass Heinrich Meyer herausfand, dass sie unter anderem als Privatleute in Moskau oder Minsk dienten. Dierk Feye forscht weiter und verspricht eine Fortsetzung seiner Geschichte.

Familien, die sich für das Schicksal ihrer Vorfahren interessieren, können sich an die OGF wenden. So wie das viele Menschen bereits getan haben und zwar nicht nur aus Deutschland und Europa sondern auch aus Übersee. 700 Mitglieder zählt der Verein, der in zwei Jahren 90 Jahre existiert und inzwischen unglaublich viele wertvolle familienkundliche Daten ehrenamtlich zusammengetragen hat.

Weitere Informationen unter www.familienkunde-oldenburg.de.

Das Buch ist im Isensee Verlag, ISBN 978-3-7308-1134-4, erschienen.

Vorheriger Artikel

EWE Baskets: Gratulation an die Pokalsieger

Nächster Artikel

Gedenkkreis Wehnen gibt Studie in Auftrag