Kultur

Sigmund Jähn: Mit 20 Millionen PS ins All

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Sigmund Jähn gleich nach der Landung der Kapsel in der Steppe.
Foto: privat

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Oldenburg/zb – In ihrem Buch „Kosmonauten – Mit 20 Millionen PS ins All“ widmet sich Maja Nielsen der Raumfahrt. Zur Oldenburger Kinder und Jugendbuchmesse (KIBUM) bringt die renommierte Sachbuchautorin nicht nur ihr Buch sondern auch die lebende Legende Dr. Sigmund Jähn mit, der 1978 als erster Deutscher mit der sowjetischen Sojus 31 ins All zur Raumstation Saljut 6 flog.

Die diesjährige KIBUM widmet sich dem Sachbuch. „KIBUM will´s wissen“ lautet das Thema. Maja Nielsen suchte bereits vor Jahren den Kontakt zu Sigmund Jähn und verarbeitete sein Wissen zu einem spannenden Sachbuch für Kinder, das im Gerstenberg Verlag erschienen ist. In knapp acht Tagen umkreiste er 125 Mal die Erde und erinnert sich mit seinen 76 Jahren wie gestern an seine Mission. „Es war ein außergewöhnliches Erlebnis“, sagt er im Gespräch mit der OOZ.

Zwei Jahre hat sich der Militärpilot auf die Mission in der Sowjetunion vorbereitet. „Als es endlich los ging, war die Spannung groß“, verrät er. „Angst hatte ich nicht. Wir wurden zu der 50 Meter hohen Rakete gefahren. Zwei Stunden dauerte es, ehe sie endlich gezündet wurde. Zündstufe 2 bedeutete 200 Kilometer von der Erde entfernt, Zündstufe 3 bedeutete, dass wir acht Kilometer pro Sekunde zurücklegten“, erinnert er sich. „Die Geschwindigkeit braucht man, sonst fällt man zur Erde zurück. Dann gab es einen metallischen Knall und unser Raumschiff flog alleine.“

Bevor Sigmund Jähn und seine Kollegen an die Station andocken konnten, umkreisten sie die Erde 18 Mal. „Wir hatten viel zu tun, mussten unsere Geräte kontrollieren, waren in ständigem Funkkontakt und dann stand die schwerste Etappe bevor, nämlich mit 28.000 Stundenkilometer an die genauso schnell fliegende Raumstation anzudocken, was perfekt klappte. Es war ein erhebender Moment“, erzählt er. „Es ist schon faszinierend, dass es möglich ist, diese kleine Raumstation im Weltall zu finden“, findet er.

Dann öffneten sie die Luke und standen vor den beiden russischen Kosmonauten, die bereits schon 70 Tage auf der Station lebten. „Es war ein großartiger Moment, vielleicht der schönste, und wir wurden mit Brot und Salz empfangen, so wie es russische Tradition ist“, berichtet er weiter. „Beim Salz wurde allerdings geschummelt, denn die Körner wären ja wegen der Schwerelosigkeit durch die Raumstation geflogen. Deshalb gab es für jeden von uns ein Stück Würfelzucker.“

Dass Maja Nielsen all diese aufregenden und schönen Momente für Kinder in einem Sachbuch festgehalten hat und ihnen das Thema Raumfahrt auf diese Weise vermittelt, freut Sigmund Jähn. „Ich arbeite gern mit ihr zusammen. Sie ist die Geschichtenerzählerin, ich bin der sachliche Vermittler.“ So ganz stimmt das nicht. Sigmund Jähn besitzt einen wunderbar trockenen Humor, der ganz sicher auch die Kinder zum Lachen bringen wird.

Sigmund Jähn erfüllte alle Anforderungen, die an einen Kosmonauten gestellt werden. Weil er perfekt Russisch spricht, konnte er sich mit seinem Kommandanten unterhalten. Er hat Nerven wie Stricke, ist gelassen und behält auch in Krisensituation den Überblick. Darüber hinaus brachte er Fliegerqualitäten, ein großes technisches Verständnis und eine ausgezeichnete Gesundheit mit. Die Raumkapsel hält er bis heute für den „interessantesten Arbeitsplatz“.

„Auf dem Rückflug trennt sich irgendwann die Kapsel vom Raumschiff und fällt garantiert auf die Erde. Von dem Moment an waren wir ihr ausgeliefert“, erzählt er weiter. Dass so ein Fall hart sein kann, hat Sigmund Jähn erlebt. „Zwei Stunden dauerte der freie Fall, der durch Fallschirme abgebremst wird. Wir überschlugen uns mehrfach wegen des starken Windes. Ich saß außen und hatte hinterher Rückenprobleme. Aber die sind längst vergessen. Mir geht es gut.“

15 Minuten harrten die Kosmonauten in der Kapsel aus und waren beeindruckt. Sie haben kaum gesprochen, alle Geräte waren ausgeschaltet. Dann öffnete sich die Kapsel und sie wurden aus ihrer Lage befreit. „Wir hatten natürlich Probleme zu laufen, aber nach wenigen Tagen war alles wieder normal.“ Die Mission habe sein Leben vollkommen verändert, berichtet er. Bis heute werde er eingeladen, um zu berichten.

Gleich nach der Wende arbeitete er für das Deutsche Zentrum für Raumfahrt in Köln. „Die Bundesrepublik plante einen Flug mit den Russen. Ich habe den westdeutschen Raumfahrern erzählt, wie die Russen ticken. Später habe ich für die ESA in Moskau gearbeitet. Mit Thomas Reiter stehe ich bis heute in gutem Kontakt.“ 2005 ist Sigmund Jähn in den Ruhestand gegangen. Die Raumfahrt beschäftigt und fasziniert ihn aber weiterhin.

Auf der KIBUM erzählt er nicht nur von seinen faszinierenden Erlebnissen im Kosmos, er bringt zahlreiche Fotos mit, die er selbst während der Mission geschossen hat. Diese einzigartigen Dokumente der Raumfahrgeschichte werden auf eine Großleinwand projeziert.

Sigmund Jähn wird als Ehrengast die Eröffnung der KIBUM am Samstag, 2. November, 15 Uhr, im Großen Saal des Kulturzentrums PFL besuchen. Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler des Vereins Jugendkulturarbeit werden Szenen aus Maja Nielsens Sachbüchern aus der Reihe „Abenteuer! Maja Nielsen erzählt“ darstellen, darunter auch eine Szene zu Ehren von Sigmund Jähn. Außerdem sind die Beiden gemeinsam am Sonntag, 3. November, um 17 Uhr, im Kulturzentrum PFL (Stadtbibliothek) und am Montag, 4. November, um 11 Uhr im Casablanca-Programmkino, Johannisstraße 17, auf der KIBUM zu erleben.

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