Kultur

Barbara Delvalle: „Die Heukeroth-Schwestern“

Barbara Delvalle hat mit ihrem Erstlingswerk das Thema NS-Zwangssterilisationen aufgegriffen.

Barbara Delvalle hat mit ihrem Erstlingswerk das Thema NS-Zwangssterilisationen aufgegriffen.
Foto: Anja Michaeli

Oldenburg (am) Die Autorin Barbara Delvalle hat heute ihr Debütwerk „Die Heukeroth-Schwestern“ vorgestellt. Der historische Roman über die Geschichte dreier Schwestern und des Jungen Erich thematisiert Zwangssterilisationen in der Zeit des Nationalsozialismus. Der Roman beginnt 1943 und spielt in Oldenburg und Kassel. Erschienen ist das Buch im Isensee-Verlag.

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Bei der Zusammenstellung einer Geschichtsausstellung für ein Oldenburger Krankenhaus wurde Barbara Delvalle auf das Thema Zwangssterilisationen aufmerksam. „Das Leid der Betroffenen hat mich sehr beeindruckt. Durch das Totschweigen nach dem Krieg wurden sie ein zweites Mal zu Opfern“, sagt die Autorin. Mit dem Ziel, auch Menschen, die sich nicht für Zahlen und Fakten interessieren, die Ereignisse näher zu bringen, schrieb sie ihren Roman. Neben der jahrelangen Recherche bildeten auch die Erlebnisse der Kriegszeit, die ihre Großmutter erzählt hat, den Rahmen für die teils familienbiografische Handlung. Devalle betont aber: „Die Geschichte ist erfunden. Erich hat es nie gegeben und die Familie Heukeroth hat auch nie in Oldenburg gelebt.“ Nur die drei Schwestern (die mit ihrer Mutter auf dem Cover zu sehen sind) habe es tatsächlich gegeben, „zudem meinen Großvater Karl und meine Mutter Berta“, so Devalle. Und weiter: „Es gibt Szenen in dem Roman, die wie frei erfunden klingen, aber dennoch genauso stattgefunden haben. Manche davon kann ich selbst nicht vorlesen, weil mir die Tränen kommen.“ Der Autorin will zeigen, dass es damals hätte jeden treffen können – bei der Zwangssterilisation ebenso wie bei den Luftangriffen – egal wo diese stattgefunden haben. Dies lasse sich ohne große Abstriche auch auf die heutige Zeit übertragen. „Wir brauchen eine Gesellschaft, die die Schwachen schützt und nicht ausmerzt“, sagt Devalle.

Die Geschichte

Der Hitlerjunge Erich ist der Sohn der ältesten Heukeroth-Schwester. Nach einem epileptischem Anfall werden er, seine Mutter und die Tanten mit der nationalsozialistischen Erbgesundheitsideologie konfrontiert. Der Willkür und Grausamkeit des Systems wollen sich die Schwestern entgegenstellen, sie schmieden einen Plan. Sie wollen Erich retten. Auf ihrer Odyssee treffen sie auf Erbgesundheitsgerichte, erleben Luftangriffe, ertragen glühende Anhänger der Nationalsozialisten und linientreue Verwandte.

Die Arbeit am Debütroman

„Schon als junges Mädchen hatte ich den Traum, einen Roman zu schreiben“, erinnert sich Barbara Delvalle. Nach zahlreichen Kurzgeschichten und dem journalistischen Schreiben begann sie 2010 mit der Arbeit an ihrem Erstlingswerk. Die Nachforschungen in alten Zeitungen, in Gesprächen mit Zeitzeugen und die Suche nach Dokumenten haben einen Großteil der Zeit in Anspruch genommen. Als Quelle konnte sie insbesondere auf die Studie von Martin Finschow „denunziert, kriminalisiert, zwangssterilisiert: Opfer, die keiner sieht“ – Nationalsozialistische Zwangssterilisationen im Oldenburger Land (Isensee-Verlag, ISBN 978-3-89995-535-4) zurückgreifen. „Das Schreiben ist mir dann relativ leicht gefallen, es ist mein Hobby, dabei entspanne ich“, sagt die Autorin. Erst nach dem für sie wichtigen Okay ihrer Mutter wurde das Buch veröffentlicht.

Barbara Delvalle

Barbara Delvale ist 1961 in Bad Homburg v.d.H. geboren und in Fellbach (bei Stuttgart) aufgewachsen. Nach einem Biologie-Studium hat sie sich dem Schreiben zugewandt. Zunächst als Redakteurin bei einer Umweltzeitschrift in Stuttgart, war sie später als freie Journalistin in Oldenburg tätig. Hauptberuflich ist die Autorin die Pressereferentin eines Krankenhauses.

„Die Heukeroth Schwestern“ von Barbara Delvalle
Isensee Verlag
440 Seiten, broschiert, 2017
Auflage: 800
Preis: 16.80 Euro
ISBN 978 3 7308 1357 7

Zwangssterilisation

Rund 400.000 Menschen wurden von den Nationalsozialisten zwangssterilisiert, also ohne deren Einwilligung unfruchtbar gemacht. „Am 14. Juli 1933 verabschiedete die Reichsregierung das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Es trat am 1. Januar 1934 in Kraft und beruhte zum Teil auf einem Gesetzentwurf des Preußischen Landesgesundheitsrates zur eugenischen Unfruchtbarmachung 1932. An Stelle der Freiwilligkeit der Betroffenen trat der staatlich verordnete „unmittelbare Zwang“: In der Folgezeit entstand ein flächendeckendes Netz von Einrichtungen, das die gesamte Bevölkerung nach „erbbiologischen“ Kriterien erfasste und einbezog. In jedem Landgerichtsbezirk entstand ein aus Juristen und Ärzten zusammengesetztes „Erbgesundheitsgericht“. Dieses entschied über die von Anstaltsleitern oder Amtsärzten gestellten Anträge zur Zwangssterilisation. Aber auch Hebammen oder Lehrer waren aufgefordert, „rassisch unerwünschte“ Personen zu melden.

Opfer der rassenhygienisch begründeten Zwangssterilisierungen wurden psychisch kranke Menschen und „Epileptiker“, Menschen mit körperlichen Behinderungen und andere als „minderwertig“ stigmatisierte Menschen – zum Beipiel mit schwerem Alkoholismus – sowie als „asozial“ geltende Personen. (Quelle: T4-Denkmal)

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