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Ausstellung: Tattoos zur Trauerverarbeitung

Die Psychologin und Hobbyfotografin Anja Linding zeigt in Oldenburg ihr Fotoprojekt TrauerHaut.

Die Psychologin und Hobbyfotografin Anja Linding zeigt in „Die! Flänzburch“ bis Ende Mai ihr Fotoprojekt „TrauerHaut“.
Foto: Volker Schulze

Oldenburg (vs) Seit Jahrtausenden lassen sich Menschen tätowieren. Als reinen Körperschmuck oder auch als Ritual betrachten sie das Stechen von Symbolen, Bilder und Namen unter ihrer Haut. Tätowierungen beschreiben bei vielen Völkern auch den Übergang in einen anderen Lebensabschnitt. Der Junge wird zum Mann, der Mann zum Krieger oder das Mädchen zur Frau. Auch Tod und Trauer gehören dazu. Als bleibende Erinnerung an einen geliebten verstorbenen Menschen haben Tätowierungen für Viele ihre ganz persönliche Bedeutung.

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Anja Lindig ist täglich mit Tod und Trauer in Kontakt und weiß um dieses Ritual, über den Körperschmuck mit einem verstorbenen Freund, einer Freundin, den Eltern oder Großeltern in Kontakt zu bleiben. Die 30-Jährige arbeitet als Psychologin in der onkologischen Abteilung am Pius-Hospital in Oldenburg. Im Rahmen einer Weiterbildung als Trauerbegleiterin entstand für ihre Abschlussarbeit die Idee, sich mit Tätowierungen als Trauerritual zu beschäftigen: „Ich habe zwei Bekannte, die sich nach dem Tod eines geliebten Menschen ein Tattoo stechen ließen. So kam die spontane Idee, nach weiteren Leuten zu suchen, denn ich war mir sicher, dass es mehr Menschen geben muss mit solchen Tattoos. Ich wollte wissen, was dahinter steckt. Wie kann ein Tattoo bei der Trauerverarbeitung helfen? Da ich auch gern fotografiere, ist daraus ein Fotoprojekt entstanden“, so Anja Lindig, die selbst tätowiert ist und damit ebenfalls eine Affinität zu dem Thema besitzt. Die großformatigen Schwarz-Weiß-Fotos mit den entsprechenden und berührenden Geschichten von sieben Menschen, die Anja Lindig für ihr Projekt „TrauerHaut“ interviewte, sind noch bis Ende Mai in der Gaststätte „Die! Flänzburch“ am Friedensplatz in Oldenburg zu sehen.

Tattoo als bleibende Erinnerung

Der Name einer Cousine, ein Sternenhimmel für die Großmutter, eine Liedzeile für einen Freund oder das Datums eines Todestages sind Motive, die die sechs Frauen und ein Mann für ewig auf ihrer Haut tragen. Somit haben diese Menschen eine bleibende Erinnerung und haben sich auch die Angst vor dem Vergessen genommen. Über soziale Netzwerke und Aushänge an der Uni hat Anja Lindig ihre Freiwilligen gefunden. Im Alter zwischen 21 und 35 waren die Menschen, die ihre Beweggründe in den Interviews zum Ausdruck brachten. „Das waren sehr persönliche, fast intime Situationen. Die Leute haben das Gespräch nochmal als Plattform genutzt, ihre Geschichten zu erzählen und nochmal einen Schritt der Verarbeitung zu gehen. Trotz großem zeitlichen Abstand zu den Tattoos war die Trauer sehr stark vorhanden. „Das Stechen selbst war für einige bereits ein Prozess der Verarbeitung. Für einige bedeutete dieses Projekt auch einen Abschluss“, erzählt die 30-Jährige. Es seien aber keine Therapiesitzungen gewesen, auch wenn sie als Psychologin manchmal zurückhalten musste. Sie habe zwar teilweise detaillierte Fragen gestellt, wusste aber um ihre Grenzen.

Tattoos sind für die Befragten des Fotoprojektes TrauerHaut ein Mittel ihre Trauer zu verarbeiten.

Tattoos sind für die Befragten des Fotoprojektes ein Mittel ihre Trauer zu verarbeiten.
Foto: Anja Lindig

Im Anschluss an die Gespräche wurden die Fotos mit einer alten analogen Mittelformatkamera „Holga 120“ aufgenommen. „Diese alte Kamera macht kontrastreiche, grobkörnige Bilder, bei denen man vorher nie das Ergebnis kennt. Es ist immer ein Überraschungseffekt dabei“, so die Hobbyfotografin. Ein Labor zu finden, dass noch großformatige Schwarz-Weiß-Fotos von einem Film abzieht, sei nicht leicht gewesen. Die Bilder wurden gemeinsam mit den Teilnehmern ausgewählt und auch die sehr persönlichen Texte, die Anja Lindig nach den Interviews schrieb, wurden gemeinsam besprochen.

TrauerHaut: Tabuzone verlassen

Mit „TrauerHaut“ kommt das Thema Sterben, Tod und Trauer ein weiteres Stück aus der Tabuzone heraus und auch der ungewöhnliche Ort für die Ausstellung trägt dazu bei, dieses Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. „Mich reizt es, das Thema in komplett anderen Räumen zu zeigen und vielleicht auch Vorurteile gegenüber Tätowierten zu nehmen“, so Anja Lindig abschließend, die ihre Ausstellung auch an deren Orten zeigen möchte, die nicht unmittelbar im Kontakt mit Tod und Trauer stehen.

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