Wirtschaft

Jugendherberge: Inklusion ist Normalität

Gemeinsam für Inklusion (von links): Hilke Gramberg (Pädagogische Mitarbeiterin), Till Grote (Haustechniker), Julian Menzel (Rezeptionist) und Markus Acquistapace (Hausleiter).

Gemeinsam für Inklusion (von links): Hilke Gramberg (Pädagogische Mitarbeiterin), Till Grote (Haustechniker), Julian Menzel (Rezeptionist) und Markus Acquistapace (Hausleiter).
Foto: Katrin Zempel-Bley

Oldenburg (Danielle C. Zollickhofer) Arbeitnehmer mit Schwerbehinderung einstellen – für viele Betriebe ist dies noch mit zu vielen Fragen verbunden. Allerdings nicht für die Jugendherberge Oldenburg. Sie hat Antworten und ist Vorzeigebetrieb für Inklusion im Arbeitsleben.

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Knapp die Hälfte der 40 Mitarbeiter der Jugendherberge Oldenburg haben eine Beeinträchtigung. Darunter psychische und geistige Einschränkungen wie Depressionen und Autismus oder auch körperliche Behinderungen wie Gehörlosigkeit, Epilepsie oder MS. „Es gibt nichts, was wir nicht gebrauchen können“, sagt Hausleiter Markus Acquistapace, „auch nehmen wir keine Rücksicht darauf, ob die Krankheit voranschreitet.“ In diesem Fall würde einfach der Arbeitsplatz angepasst. Zudem arbeiten die Mitarbeiter mit Beeinträchtigungen nicht gleich Vollzeit – sie starten je nach Wunsch mit 20 bis 30 Stunden und haben die Möglichkeit aufzustocken. Praktika sind auch eine Option.

Die Jugendherberge Oldenburg gibt Arbeitnehmern die Möglichkeit auszuprobieren, in welchem Bereich sie am besten arbeiten können. Sollte die Überforderung beispielsweise im Service zu groß sein, kann der Mitarbeiter in eine andere Abteilung versetzt werden. Auch eine anschließende Rückversetzung in den ursprünglichen Arbeitsbereich ist möglich, wenn der Arbeitnehmer sich sicher fühlt und dies wünscht.

Als Arbeitgeber müsse man sich also auf die Mitarbeiter einstellen, so Dr. Thorsten Müller, Leiter der Agentur für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven. Zurzeit gebe es in der Region 1500 Arbeitslose mit „Handicap“, rund 60 Prozent von ihnen haben eine abgeschlossene Ausbildung, sind also Fachkräfte. „Wir wollen auf gute Potenziale aufmerksam machen und Arbeitgeber beraten, wie man sie am besten erkennen und nutzen kann“, erklärt Müller weiter.

Mitverantwortlich für eine gelungene Inklusion sind aber auch die Mitarbeiter ohne Beeinträchtigung. Denn gerade die Zusammenarbeit und das Verständnis zwischen Kollegen mit und ohne Handicap sei wichtig. „Beim Stichwort Gehalt hat es schon mal Protest gegeben“, berichtet Hilke Gramberg, pädagogische Mitarbeiterin in mehreren Jugendherbergen im Landesverband Unterweser-Ems. „Ein paar haben gefragt, warum es das gleiche Gehalt gebe, obwohl weniger geleistet wird. Die Erklärung ist einfach: Die Mitarbeiter mit Einschränkungen leisten für sich persönlich 100 Prozent. Aber im Verhältnis zur Produktivität eines Menschen ohne Beeinträchtigung ist dies nicht das Gleiche.“

„Natürlich ist ein Inklusionsbetrieb mit mehr Arbeit verbunden. Aber dafür hat man ja allerhand Unterstützung an der Seite“, erklärt Thorsten Richter, Geschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerk (DJH). Unter anderem gibt es einen höheren Personalschlüssel und Zuschüsse. Das was viele Betriebe daran hindert, den Schritt zur Inklusion zu wagen, sei oft fehlendes Wissen seitens der Arbeitgeber, berichtet Marcus Heisterkamp, Projektleiter und Prokurist der DJH. „Auch die zeitlichen Ressourcen sind oft nicht vorhanden, ebenso wenig wie die Offenheit der Arbeitgeber, sich auf etwas Neues und Unbekanntes einzulassen.“

Man müsse den Inklusionsgedanken leben, um es möglich zu machen, so Richter. „Die Barriere in den Köpfen muss verschwinden. Letztlich muss ja nicht jeder Betrieb zwangsläufig den Schritt zum Inklusionsbetrieb machen. Es sollte aber zur Normalität werden, Menschen mit Beeinträchtigung einzustellen“, führt Acquistapace aus. „Diese Menschen in den Arbeitsalltag zu integrieren, ist ein entscheidender Beitrag für eine offene Gesellschaft“, ergänzt Gramberg.

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