Politik

Diskussion um einen modernen Untoten

Nach der Demonstration von Kulturschaffenden kam die Forderung nach der Besetzung des vermeintlich vakanten Kulturdezernates auf.

Nach der Demonstration von Kulturschaffenden kam die Forderung nach der Besetzung des vermeintlich vakanten Kulturdezernates auf.
Foto: Anja Michaeli / Archiv

Oldenburg (Michael Exner) Ein Gespenst geht um in Oldenburg, das Gespenst des Kulturdezernenten – präziser: des fehlenden. Dieser moderne Untote hat es immerhin geschafft, den Schriftsteller Klaus Modick aus dem Kulturausschuss zu vertreiben. Zumindest hat Modick seinen Rückzug aus dem Beraterkreis des Ausschusses öffentlich mit der „Geringschätzung von Kunst und Kultur“ begründet und die unter anderem daran festgemacht, dass Oberbürgermeister Jürgen Krogmann nicht bereit sei, „die vakante Stelle auszuschreiben“.

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Für Mehr-Woller

Inwieweit der Schritt des streitbaren Schriftstellers als Verlust zu verbuchen wäre, mag man unterschiedlich sehen, für die eigentliche Debatte ist das nicht weiter von Belang. Seine Klage, dass die „Leitung des Kulturdezernates seit Jahren unbesetzt“ sei, resultiert indes aus einem Irrtum: dass es überhaupt die Stelle eines Kulturdezernenten gäbe, die zu besetzen sei. Dieser Irrtum ist die Folge eines anderen Irrtums: dass es jemals einen Kulturdezernenten gegeben hätte in dem Sinne, dass der sich ausschließlich um Kultur gekümmert hätte. Den aber gab es nie – nur den einen oder anderen, der sich so präsentiert hat.

Erinnerung verklärt, und diese Verklärung erklärt, warum in der periodisch aufkommenden Diskussion die Person von Ekkehard Seeber eine tragende Rolle spielt. Der war von 1976 bis 2001 Dezernent in der Oldenburger Stadtverwaltung, und seine Verdienste um die städtische Kultur sind bei Freund und Feind unstrittig; nicht nur wegen des von ihm begründeten Kultursommers. Aber Seeber (übrigens kein Kulturwissenschaftler, sondern Jurist) war in einer Zeit, in der es fünf Dezernate und damit zwei mehr als heute gab (das des jeweiligen Verwaltungschefs nie mitgezählt), eben kein reiner Kulturdezernent. Er war gleichzeitig Rechtsdezernent, er war Schuldezernent – und seine auf Neigung basierende Fokussierung auf die Kultur hat ihm mal den öffentlichen Rüffel seines Chefs, des Oberstadtdirektors Heiko Wandscher eingetragen, er kümmere sich zu wenig um die Schulen.

Seebers nicht zeitlicher, aber gefühlter Nachfolger war Martin Schumacher. Der 2004 unter Oberbürgermeister Dietmar Schütz ins Amt gelangte Feingeist begründete seinen plötzlichen Wechsel nach Bonn 2010 gerade damit, dass er „dort auch tatsächlich als Kulturdezernent arbeite“, während er hier ein Dezernat führe, das neben Kultur auch für Soziales, Jugend, Schule, Sport und Gesundheit verantwortlich sei. Schumacher war eben auch Schuldezernent, auch Sozialdezernent – was die bisweilen kolportierte Behauptung ins Fabelreich verweist, vor der aktuellen Dezernentin Dagmar Sachse sei das Sozialdezernat wegen Umstrukturierungen mehrere Jahre nicht besetzt gewesen. Nach Schumachers Abgang zog Oberbürgermeister Gerd Schwandner die Kultur (und den damit aus unerfindlichen Gründen in einem Amt verbundenen Sport) in das OB-Dezernat. Dort ist sie bis heute.

Die Debatte um tatsächliche oder vermeintliche Vakanzen ist geprägt von Missverständnissen, gelegentlich auch von schlichter Unkenntnis städtischer Verwaltungsstrukturen. Dezernate sind (zumindest in Oldenburg) keine sortenreine Fachfabriken, sondern Mischwesen. Wollte man sie mit Begriffen aus der Wirtschaft beschreiben, träfe es „Holding“ wohl am ehesten: ohne eigenständiges operatives Geschäft auf das Management der Untergliederungen konzentriert. Dort, in den (je nach aktueller Sprachregelung) Ämtern oder Fachbereichen, in Betrieben und Gesellschaften läuft die eigentliche inhaltliche Arbeit. Aufgabe der Dezernate ist es, zu dirigieren und zu koordinieren; ein Lieblingswort des früheren Oberbürgermeisters Jürgen Poeschel war, „zu integrieren“. Dabei können Ämter mitunter von einem Dezernat ins nächste wechseln. In der Zeit zwischen Seeber und Schumacher war die Kultur mal im Umweltdezernat angesiedelt und mal (kein Scherz) beim Stadtbaurat. Von wenigen in der Hauptsatzung festgeschriebenen Ausnahmen abgesehen liegt die Zuweisung in der Kompetenz des Oberbürgermeisters. Wie leicht das geht, demonstrierte einst Poeschel, als er den Verkehrsbereich von seinem ungeliebten Stellvertreter Eckart Otter mit schlanker Hand zur von den Grünen ins Amt gehievten Umweltdezernentin Karin Opphard schob. Die damit verknüpften wahltaktischen Hoffnungen erfüllten sich übrigens nicht.

Dass Oberbürgermeister Krogmann nicht bereit sei, die Stelle des Kulturdezernenten auszuschreiben, zählt auch zu dem, was man heute gerne Fake News nennt. Um eine (von der Hauptsatzung ohne inhaltliche Festlegung schon vorgesehene) vierte Dezernentenstelle zu besetzen, braucht es einen Ratsbeschluss. Dazu wiederum braucht es eine politische Mehrheit. Die indes ist bislang nicht in Sicht. Krogmann hatte kurz nach seinem Amtsantritt der Politik die Schaffung eines weiteren Dezernates vorgeschlagen, das sich dann vorrangig mit Kultur hätte befassen sollen. Die Fraktionen konnten sich darauf nicht verständigen, wobei die CDU ein viertes Dezernat gleich welcher Prägung strikt abgelehnt hatte, während die Grünen einem Umweltdezernat den Vorzug gegeben hätten.

Mit etwas kreativer Gestaltung ließen sich Lösungen finden. Aus Schwandners Zeit gibt es in der Kulturverwaltung das Amt für Museen, Sammlungen und Kunsthäuser – wobei heute niemand so richtig begründen kann, wozu man diese Amtsleitung eigentlich braucht, wenn man sich gleichzeitig einen Museumsdirektor nebst ein paar sonstiger Leitungen leistet und parallel dazu noch ein Kulturamt betreibt. Diese Stelle dort zu streichen und zur Dezernentenstelle hochzustufen, mit dem vom Sport befreiten Kulturamt als Untergliederung, würde erstmals ein reines Kulturdezernat schaffen und könnte vermutlich die Kulturszene zufriedenstellen. Zu finanzieren wäre das auch. Der Unterschied zwischen einer Amtsleitung und einer Dezernentenposition liegt bei jährlich etwa 100.000 Euro – angesichts eines Personaletats von über 140 Millionen ein gleichermaßen überschaubarer wie zu erwirtschaftender Betrag.

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1 Kommentar

  1. W. Lorenzen-Pranger
    20. Februar 2019 um 23.50

    Interessant, Herr Exner. Einige dieser Fakten sind mir neu.
    Dennoch bleibt es dabei, daß im Bereich der Kunst und Kultur (im engeren Sinne), so lange ich Oldenburg kenne (seit 1980), keiner so viel erreicht hat wie Dr. Seeber.
    Danach gings rapide bergab, Künstler wanderten ab, wurden zum Teil geradezu mit Nachdruck und durch Mißachtung vertrieben – wer blieb war war fast immer überregional tätig – oder zunächst irgendwie mit der „Kulturetage“ zwangsverbandelt.
    Der Kultursommer ist inzwischen ein Schatten seiner selbst, von Jahr zu Jahr wird mehr „eingespart“. Wozu auch sollten sich freie Künstler noch engagieren, wie es unter Dr. Seeber der Fall war, wenn ganz offensichtlich diese eine Einrichtung immer wieder möglichst viel Geld für sich selbst abgreift. Zu Dr. Seebers Zeiten, ich war dabei, waren die Gagen auch im Vergleich gering und man ging das Risiko ein etwas „im Hut“ zu haben oder auch nicht. Es gab aber eben einen Zussammenhalt, ein Gemeinschaftsgefühlt, sich für die Stadt, für die Bürger und Besucher, zu engagieren – zu zeigen, was es hier alles gibt und was „wir“ können.
    Das haben einige mit Nachdruck beschädigt – für mich die, die jetzt die Ausrichter dieser ehemalgen Großveranstaltung mit riesiger Auswahl an Kunstrichtungen (!) sind. Vielfalt, Experimente schon gar nicht, darf man heute jedenfalls dort nicht mehr erwarten, eher schon von Jahr zu Jahr mehr erbarmungswürdige Einfalt – und nein, ich selbst stehe nicht mehr zur Verfügung (weil es solche schrägen Ideen hier auch schon mal gab), ich bin inzwischen zu alt!