Geschichte

Von der „Callas“ bis zum verkannten Schriftsteller

Fanny Moran-Olden als Isolde in Wagners Tristan und Isolde.

Fanny Moran-Olden als Isolde in Wagners Tristan und Isolde.
Quelle: www.isoldes-liebestod.net

Oldenburg (zb) Das Oldenburger Jahrbuch 2016, herausgegeben vom Oldenburger Landesverein für Geschichte, Natur- und Heimatkunde, ist erschienen und enthält zahlreiche Beiträge aus der oldenburgischen Geschichte, Archäologie, Fauna und Flora. Bei der Vorstellung des 328 Seiten umfassenden Buches machte Reinhard Rittner, Vorsitzender des Vereins, darauf aufmerksam, dass es im Rahmen eines regelmäßigen, weltweiten Schriftenaustausches mit über 300 nationalen und internationalen Einrichtungen von den USA bis nach Russland und von Skandinavien bis nach Israel verbreitet wird.

Anzeige

Jedes Jahr wieder gelingt es Wissenschaftlern, interessante regionale Geschichten zu recherchieren, die Einblicke in ganz andere Lebenswelten geben. So berichtet Thorsten Jahn vom „Pharmacopoea Pauperum Oldenburgensis“, einem Arzneibuch aus dem Herzogtrum Oldenburg, von dem noch fünf Exemplare existieren sollen. Eines davon liegt in der Landesbibliothek Oldenburg. 1789 wurde das 30 Seiten umfassende Arzneibuch bei Gerhard Stalling in Oldenburg gedruckt.

Darin befindet sich eine Rezeptsammlung versehen mit handschriftlichen Ergänzungen vom Landesphysikus Dr. med. Gerhard Gramberg zu Gefäß- und Arbeitspreisen. Fertige Arzneimittel, wie heute selbstverständlich, hat es seinerzeit nicht gegeben. Medizin wurde von Hand hergestellt. Das Arzneibuch, so schreibt der Autor, stamme vermutlich von Dr. Franz Heinrich Kelp, einem Oldenburger Arzt, der 1758 von der dänischen Regierung zum Stadt- und Landesphysikus ernannt wurde.

Mit der „Callas“ aus dem Oldenburger Land befasst sich Maria Anna Zumholz. Dabei handelt es sich um Fanny Moran-Olden, die mit bürgerlichem Namen Tappehorn hieß, in Cloppenburg 1855 in eine katholische großbürgerliche Arztfamilie geboren wurde und aus ihren künstlerischen Fähigkeiten mehr machen wollte als es für Frauen in ihrer Zeit vorgesehen war. Schon als Schülerin zeigte sich ihre Begabung, doch ihre Eltern, die später nach Oldenburg zogen, versuchten das Mädchen durch einen Klosteraufenthalt davon abzubringen, eigene Wege zu gehen.

Frauen, so schreibt Zumholz, seien nur dort geduldet gewesen, wo es keine Männer gab. Sie seien lediglich in Nischen vorgedrungen. Genau diese entdeckte die junge Fanny für sich im Operngesang. Mit ihrer beeindruckenden Stimme verdrängte sie Kastraten, die bis dahin Frauenstimmen sangen. Ihr Vater stimmte ihrem Wunsch, Sängerin zu werden, schließlich zu, begleitete und beriet sie sogar. 1878 stand sie erstmals auf einer Bühne und überzeugte im Dresdener Hoftheater. Ihr Weg führte sie im Laufe ihrer Karriere zu Gastspielen nach New York an die Metropolitan Oper, nach Prag und Budapest, Amsterdam, London bis nach Russland. 1905 starb sie an einer Gehirnkrankheit.

Ludwig Meidners Bildnis des Dichters Ferdinand Hardekopf.

Ludwig Meidners Bildnis des Dichters Ferdinand Hardekopf, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg.
Foto: Wolfram Schmidt Fotografie, Regensburg

Hans Sauer berichtet im Jahrbuch über den 1876 in Varel geborenen Ferdinand Hardekopf seines Zeichens Schriftsteller und Stenograf, Übersetzer und Journalist, dem man in seiner Heimat keine Beachtung schenkte. Zu Unrecht, wie der Autor herausfand. Denn Zeitgenossen wie Kurt Tucholsky, Thomas Mann, Hermann Hesse oder Walter Benjamin äußerten sich durchaus anerkennend zu seinem dichterischen Werk, berichtet Sauer.

Neben Büchern veröffentlichte er Publikationen in Zeitschriften und übersetzte französische Literatur ins Deutsche. Darüber hinaus lernte er bei dem Stenografen Ernst Ahnert, der Varel verließ und in das Königlich Sächsische Stenografische Landesamt Dresden eintrat. Er war als Stenograf im Sächsischen Landtag tätig und er war 1919 als Verhandlungsstenograf bei den Friedensverhandlungen in Versailles tätig.

Mittlerweile wurde Hardekopf in seinem Heimatort Varel wiederentdeckt. Auch der Nimbus Verlag, so berichtet Sauer, kündigt weitere Veröffentlichungen an. Ferdinand Hardekopf ist somit in den Fokus der Forschung gerückt und vermutlich wird die Öffentlichkeit noch mehr über den Mann erfahren, den der expressionistische Maler Ludwig Meidner 1915 in einem Ölbild verewigt hat.

Insgesamt 21 Aufsätze beinhaltet das Jahrbuch 2016, das im Oldenburger Isensee Verlag erschienen und für 24,90 Euro erhältlich ist.

Vorheriger Artikel

Bad Zwischenahn setzt „Das Goldene Segel“

Nächster Artikel

Help & Ride: Fahrgäste helfen Fahrgästen