Filmfest

„Borowski und der gute Mensch“ – beim 28. Oldenburger Filmfest

Alex Milberg und Lars Eidinger im Tatort „Borowski und der gute Mensch“.

Alex Milberg und Lars Eidinger im Tatort „Borowski und der gute Mensch“.
Foto: Thorsten Jander

(Achim Neubauer) Kai Korthals ist zurück! Bereits zum dritten Mal fordert der freundliche Soziopath den Kieler Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) zum Duell.

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Ein Blick zurück: Im Jahr 2012 begegnen sich der Ermittler und Korthals (Lars Eidinger) zum ersten Mal („Borowski und der stille Gast“): Eine verzweifelte Frau erreicht den Polizeinotruf: „Er ist in meiner Wohnung. Er kommt einfach durch die Wand“, dringt ein in das Leben anderer um Beziehungen aufzubauen. Er sucht nach Geborgenheit, seine Übergriffigkeit aber führt zum tödlichen Konflikt. Drei Jahre später („Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“) überwältigt Korthals Frieda Jung, die Geliebte von Borowski, zerstört damit deren gemeinsame Zukunft und wird inhaftiert.

Sabine Timoteo und Lars Eidinger im Tatort „Borowski und der gute Mensch“.

Sabine Timoteo und Lars Eidinger im Tatort „Borowski und der gute Mensch“.
Foto: Thorsten Jander

Der dritte Teil beginnt nun damit, dass Kai Korthals einen Feueralarm im Gefängnis zur Flucht nutzt. Sascha Arango, der Erfinder und Autor aller Filme, spitzt die tragende Grundidee eines um Normalität ringenden Serienmörders nun noch weiter zu und fokussiert den Film „Borowski und der gute Mensch“ auf die Auseinandersetzung zwischen Kommissar und Verbrecher. Dabei fällt es Klaus Borowski zunehmend schwerer die notwendige, professionelle Distanz zu wahren. Er vermeidet, den Mörder einen Mörder zu nennen, spricht nur von „Kai“ und versteht offenbar, wie gefangen sein Gegenspieler in den eigenen Verhaltensmustern bleibt. „Ich bin kein guter Mensch“, resümiert Korthals sein Leben. Der Film macht deutlich, dass diese Selbst-Einschätzung nicht so eindeutig richtig ist. Kleine, rührende, zutiefst menschliche Miniaturen wechseln sich ab mit grausamen Gewaltmomenten. Borowski ist hin und her gerissen zwischen den Momenten des ehrlichen Mitleids mit dem kranken Mehrfach-Mörder und der Abscheu gegenüber der erlebten Brutalität. Neben diesem – gerade auch schauspielerisch – beeindruckenden Zweikampf zwischen Kommissar und Täter müssen zwangsläufig die anderen Figuren des Films verblassen. Allein Sabine Timoteo, die in beeindruckender Weise eine blinde Telefonseelsorgerin verkörpert, vermag einen anregenden Gegenpol zu setzen. Weder der Vater des ersten Opfers (Hans-Uwe Bauer), noch Veronika Trauttmannsdorff (als Haushälterin) können mithalten und auch Borowskis Kollegen Mila Sahin (Almila Bagriacik) und Kriminalrat Roland Schladitz (Thomas Kügel) sind in diesem Film „nur“ Beiwerk.

Thomas Kügel, Sabine Timoteo, Axel Milberg, Almila Bagriacik (v.l) im Tatort „Borowski und der gute Mensch“.

Thomas Kügel, Sabine Timoteo, Axel Milberg, Almila Bagriacik (v.l) im Tatort „Borowski und der gute Mensch“.
Foto: Thorsten Jander

İlker Çatak liefert in seiner Tatort-Premiere eine wohltuend ruhige Regiearbeit ab. Die Zurückhaltung der Inszenierung macht das chamäleonhafte Auftreten des Mörders nur noch bedrohlicher, lässt die Gewaltausbrüche intensiver heraustreten.

Einer besonderen Erwähnung bedarf die Musikuntermalung: „Love Letters“ von Nat King Cole gibt schon am Anfang des Films einen tiefen Einblick in die Seele von Kai Korthals. „Du musst alles vergessen“ (Freddy Quinn) kommentiert seinen Mord an einem Schrottplatzarbeiter und das Thema aus „Peter und der Wolf“ pfeifend radelt Korthals nach einer Tötung direkt aus dem Wald kommend verkleidet durch eine Polizeisperre.

Ausgestrahlt wird „Borowski und der gute Mensch“ bereits am 3. Oktober 2021 im ersten Programm; während die letztjährige Kieler Filmfest-Tatortpremiere „Borowski und der Schatten des Mondes“ immer noch auf seine Erstsendung wartet.

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