Theater

Theaterkritik: „Netzwelt“ – packend und verstörend

Klaas Schramm und Rebecca Seidel im Cyber-Krimi Netzwelt im Oldenburgischen Staatstheater.

Klaas Schramm und Rebecca Seidel überzeugen im Cyber-Krimi „Netzwelt“ im Oldenburgischen Staatstheater.
Foto: Stepahn Walzl

Oldenburg (vs) Steht Moral über Fantasie? Zum Ende der Schauspielsaison hat das Oldenburgische Staatstheater noch einmal ganz großes Theater auf die Bühne geholt, das auf jeden Fall volles Haus verdient hat. Der Cyber-Krimi „Netzwelt“, das preisgekrönte Stück von Jennifer Haleys und packend inszeniert von Matthias Kaschig, entführt die Zuschauer im Kleinen Haus in 90 pausenlose Minuten spannendes und verstörendes Theater, was Theater auch sein soll: anregend und diskutierbar. Jeder Satz ist gesetzt, keine Pausen, Spannung von Anfang bis zum überraschenden Ende.

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Inhalt des Science-Fiction Dramas ist eine künstlich geschaffene, vielleicht gar nicht so abwegige, Welt im Internet, das „Refugium“, ein virtueller Spielplatz für Pädophile, der zur eigenen Befriedigung keinen Grenzen kennt. Ein Bezahlspiel mit jungen Mädchen. Jeder kann darin seine Grenzen überschreiten, die in ihm stecken und die in der realen Welt nicht überschritten werden dürfen. Die glänzende Axt hängt dabei nicht nur symbolisch über dem Kaminsims. Ja selbst die Grenzen zwischen eigener Identität und Spielfigur scheinen am Ende des Stückes zu verschwimmen und sorgen für große Überraschung beim Zuschauer. Belohnt wird das verbotene Spiel um Fantasien, Gelüste, Verbote und Moral mit langem, verdientem Applaus.

Höchststrafe: „Exil in der Realwelt“

Geschaffen hat dieses „Refugium“, Mr. Sims / Papa (großartig abgeklärt und selbstgerecht: Klaas Schramm), um sich damit zu befriedigen. Entschuldigt durch seine Krankheit. Ein abgebrühter Geschäftsmann, der zum Verhör bei Kommissarin Morris von der Ermittlungsbehörde „Die Netzwelt“ (kühl und präzise: Nientje C. Schwab) antreten muss, weil man sein scheinbar unschuldiges, weil nur virtuelles, Tun beenden will. Als Höchststrafe soll ihm der Zugang zum „Refugium“ gesperrt werden. „Exil in der Realwelt“, sagt Mr. Sims. Ein ernüchternder und zugleich erschreckend treffender Satz in Zeiten der virtuellen Gegenwart in den Häusern und Wohnstuben unserer Gesellschaft.

Zum Zweck der Enttarnung wurde der Agent Woodnut (schüchtern: Rajko Geith) eingeschleust, um Informationen zu sammeln. Mr. Sims gibt sich in den Verhören unschuldig, ob seines Tuns, denn alle seien freiwillig hier. Gäste, wie auch Kinder. So zum Beispiel sein Lieblingsmädchen Iris (herrlich frech und lebendig: Rebecca Seidel). Stammgast und Lehrer Mr. Doyle (zerbrochen: Thomas Birklein) wird von der Ermittlerin benutzt, um gegen Sims auszusagen. Lässt ihn seine Liebe zu Iris, oder wer sie wirklich ist, und die Angst vor dem Verlust den Verrat begehen

Die Bühne (großartig: Jürgen Höth) ist ein sich schnell drehender Würfel, der für die Szenenwechsel einmal die Rückwand für das Verhörzimmer auf freier Bühne darstellt, um dann wieder einen großen hellen Raum, das „Refugium“, freizugeben. Auch die Lichtstimmungen sind auf den Punkt gesetzt.

„Netzwelt“ ist aktuellstes Theater. Passend für unsere Zeit auf den Spielplan gesetzt. Willkommen in der Realität auf der Bühne.

Die letzte Vorstellung in dieser Spielzeit ist am Samstag, 24. Juni, 20 Uhr. Wiederaufnahme ist am 9. September. Karten und weitere Informationen gibt es unter www.staatstheater.de.

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