Theater

Staatstheater: Ein dramatisches Experiment

Das Oldenburgische Staatstheater startet ein „dramatisches Experiment“.

Das Oldenburgische Staatstheater startet ein „dramatisches Experiment“.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Oldenburg (pm) Das Oldenburgische Staatstheater startet am Samstag, 29. September, ein „dramatisches Experiment“. Unter dem Titel „O. – Eine Stadt sucht ein Drama!“ wird erstmals ein Teil des Schauspiel-Spielplans gemeinsam mit theater- und literaturinteressierten Menschen aus der Region gestaltet. Es darf abgestimmt werden, welches Drama es auf den Spielplan schafft.

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Eckpfeiler des Projektes sind szenische Lesungen bei freiem Eintritt, in denen Ensemblemitglieder des Oldenburgischen Staatstheaters vier sehr verschiedene zeitgenössische Stücke präsentieren. Zur Wahl stehen: „Träum weiter“ von Nesrin Samdereli, „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz, „Über meine Leiche“ von Stefan Hornbach sowie „Eine Frau. Mary Page Marlowe“ von Tracy Letts. Gezeigt wird in den Lesungen ebenfalls, wie Dramaturginnen und Dramaturgen bei der Erstellung eines Spielplans arbeiten, wonach sie suchen und nach welchen Kriterien sie Dramen beurteilen. „Oldenburg ist eine Theaterstadt. Die Häuser sind übervoll. Das Interesse an dieser Kunst ist so groß, dass es sich lohnt, dieses ungewöhnliche Experiment aus Demokratie und Digitalisierung zu wagen“, freut sich Projektleiter und Dramaturg Jonas Hennicke kurz vor dem Startschuss.

Den Abschluss bildet eine Publikumskonferenz am Samstag, 1. Dezember, im Kleinen Haus, bei der noch einmal alle Texte zur Abstimmung gestellt werden und das Gewinnerstück gekürt wird. Dann geht es darum, welches der vier Dramen es auf den Spielplan der Saison 2019/20 schafft.

Während der gesamten Projektphase sind alle Interessierten aus Oldenburg und der Region eingeladen, sich unter www.staatstheater.de über die Stücke und ihre Autorinnen und Autoren zu informieren, Auszüge aus den Texten zu lesen und abzustimmen. Die Stimmabgabe ist sowohl online als auch im Oldenburgischen Staatstheater möglich.

Termine der Lesungen

29. September, 15Uhr (Spielraum): Träum weiter
14. Oktober, 15 Uhr (Spielraum): Die lächerliche Finsternis
28. Oktober, 15 Uhr (Spielraum): Über meine Leiche
10. November, 15 Uhr (Spielraum): Eine Frau. Mary Page Marlow
01. Dezember, 15 Uhr (Kleines Haus): Publikumskonferenz / Kür des Gewinnerstücks

Kurzportraits der Texte

„Träum weiter“ von Nesrin Samdereli

Die Komödie „Träum weiter“ von Nesrin Samdereli handelt von der jungen Frau Nil, die im Krankenhaus im Koma liegt. Ihre Eltern Fidan, Türkin im Jugendwahn, und Yannis, patriotischer Grieche, treffen in dieser Krisensituation das erste Mal nach ihrer Scheidung wieder aufeinander. Die Sorge um ihre gemeinsame Tochter schürt Konfliktsituationen, die nicht nur ihre unterschiedlichen kulturellen Gewohnheiten betreffen, sondern vor allem ihre gescheiterte Ehe. Dazu kommt, dass Tochter Nil seit einiger Zeit in einer Beziehung mit einer Frau lebt, diese Tatsache jedoch vor ihren Eltern geheim gehalten hat. Selbstverständlich besucht auch Nora, Nils Freundin, sie im Krankenhaus und wird prompt vom behandelnden Chefarzt geoutet. Der Chefarzt, ein extrovertierter Mann in Frauenkleidung, tritt bei den Konflikten zwischen Nils Eltern und Nora immer wieder in die schlichtende Position, verteilt aber auch gerne mal eine Reihe Ohrfeigen. Während all dieser komischen, zum Teil fast grotesk anmutenden Situationen im Krankenzimmer befindet sich Nil in einer verlassenen Bahnhofshalle, einem Ort, an dem sie als Kind immer gern gewesen ist. Leider bleibt der gewöhnliche Bahnhofsbetrieb aus, dafür begegnet Nil beim Warten Menschen, die in ihrem bisherigen Leben von großer Bedeutung waren. Diese machen Nil langsam bewusst, an welchem Ort sie sich gerade wirklich befindet.

„Über meine Leiche“ von Stefan Hornbach

Friedrich sieht aus wie ein Schlumpf. Sagt zumindest seine Mutter. Und die muss es ja wissen. Schließlich sieht sie ihn ständig, seitdem Friedrich wieder bei ihr eingezogen ist. Die Geschwulst sieht aus wie eine Dattel oder Pampelmuse oder Seegurke. Zumindest stellt Friedrich sich das so vor. Und erstaunlicherweise hat er eventuell keinen Tumor, sondern einen Humor. Zumindest glaubt Friedrich, dass der Arzt das gesagt haben könnte. Und das ist wirklich zum Totlachen. Auch wenn man bedenkt, dass ihn ausgerechnet jetzt seine Jugendliebe Jana mit so aggressiver Aufmerksamkeit überschüttet, dass es zum ersten Mal im Leben schön wäre, sie einfach irgendwie loszuwerden.

„Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz

Ein somalischer Pirat bittet vor dem Hamburger Landgericht um Verständnis für seinen Überfall auf das Frachtschiff MS Taipan und beklagt den Verlust seines Freundes Tofdau. Hauptfeldwebel Pellner und der Gefreite Dorsch fahren mit einem Patrouillenboot hinein in die Regenwälder Afghanistans. Ihr Auftrag: Liquidierung eines durchgedrehten Oberstleutnants. Die Reise führt immer tiefer in eine wirr wuchernde Welt, in der koloniale Geschichte und neokolonialistische Realitäten untrennbar miteinander verbunden sind. Immer weiter entfernen sie sich von der sogenannten Zivilisation, hinein in die Wildnis und Dunkelheit. Als der ertrunkene Pirat Tofdau unerwartet in die Geschichte zurückkehrt und in der Finsternis um Hilfe fleht, wird er von Hauptfeldwebel Pellner erschossen. Denn in dieser Erzählung ist kein Platz mehr für einen Fremden.

„Eine Frau. Mary Page Marlowe“ von Tracy Letts

Das Leben einer Frau in elf Szenen: als Studentin, als Kind, als Mutter, als Verurteilte auf Bewährung, als Alkoholkranke, als Säugling, als Todgeweihte, als junge Ehefrau. Nicht chronologisch, sondern querbeet. So fragmentarisch, wie wir Menschen kennenlernen, denen wir begegnen, so punktuell und willkürlich, wie unsere Erinnerung funktioniert. Wir lernen Mary Page Marlowe als 40-Jährige kennen, als sie versucht, ihren beiden Kindern das Scheitern ihrer Ehe zu erklären. Was dem schon alles vorhergegangen ist und was dem noch folgen wird, schlüsselt Tracy Letts auf faszinierende Weise nach und nach auf. So entsteht ein ungewöhnliches Portrait einer Frau, von der man immer mehr erfahren möchte.

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