Theater

Premiere: „Demokratische Sinfonie“ am Puls der Zeit

Die „Demokratische Sinfonie“ ist ein aktuelles und starkes Stück Theater im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters.

Die „Demokratische Sinfonie“ ist ein aktuelles und starkes Stück Theater im Großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters.
Foto: Stephan Walzl

Oldenburg (vs) Das Oldenburgische Staatstheater präsentiert mit dem musikalischen Schauspiel „Demokratische Sinfonie“ das passende Stück zur anstehenden Bundestagswahl. In 75 spannenden Minuten erlebt das Publikum im Großen Haus Auszüge aus den Reden der Abgeordneten aus den Jahren 2018 bis 2021. Der US-amerikanische Regisseur Kevin Barz und Dramaturgin Anna-Teresa Schmidt haben dafür Unmengen von Reden gesichtet und zusammengeführt. Für dieses intensive Stück Theater bekamen Schauspielensemble, Dirigent Vito Cristofaro mit dem Oldenburgischen Staatsorchester und Regisseur langanhaltenden Applaus.

Anzeige

Von der Haushaltsdebatte über den Klimaschutz bis zum Flüchtlingsdrama reicht die Bandbreite der ausgewählten Reden, die schonungslos die wahren Gesichter der Parteizugehörigkeit aufzeigen, dass einem zeitweise der Atem stockt. Dass die Vertreter*innen des deutschen Volkes nicht zimperlich miteinander umgehen, ist bekannt, bekommt live im Theater aber zeitweise eine zusätzlich beängstigende Atmosphäre. Musikalisch untermalt werden die hitzigen Debatten und persönlichen Angriffe vom Oldenburgischen Staatsorchester mit der Komposition von Paul Brody. Regisseur Kevin Barz ist mit diesem besonderen Projekt ein zugleich beeindruckendes wie bedrückendes Stück Theater am Puls der Zeit gelungen.

Rechts-Außen sieht nur einen Übeltäter

Die Bühne (Anika Wiemers) ist ein ansteigendes, offenes Halbrund auf dem die Politiker*innen der sechs Fraktionen nacheinander Platz nehmen. Von der Decke schwebt ein großer Bundesadler herab, wie er im Bundestag auch an der Rückwand hängt. Dieser dient immer wieder als Projektionsfläche, um darauf die Redner*innen zu projizieren. Im Hintergrund hängt in voller Bühnengröße ein Transparent mit Auszügen des Grundgesetzes. Die Lichtregie ist schlicht und setzt Akzente auf die Personen, die im Mittelpunkt sitzen oder stehen.

Viel Bewegung ist nicht im Plenarsaal, einige stehen hin und wieder auf und nach einer hitzigen Debatte verlassen die beiden AfD-Abgeordneten, wie im echten Bundestag, auch schon mal den Plenarsaal. Berührend ist die Szene als eine Schauspielerin als Bundeskanzlerin Merkel aus dem Off in Großaufnahme gezeigt wird und sich für das Misslingen der Aufhebung ihres „Oster-Lockdowns“ bei der Bevölkerung entschuldigt und die volle Verantwortung dafür übernimmt. Erschreckend ist zu erleben, dass die Fraktion von Rechts-Außen jede Debatte dafür nutzt, die Ursache aller Probleme den Migranten in die Schuhe zu schieben.

Bundeskanzlerin Merkel bekommt Bratsche und Trompete

Das Oldenburgische Staatsorchester legt den musikalischen Teppich der zum größten Teil sehr hitzigen Debatte. Komponist Paul Brody hat den einzelnen Politiker*innen verschiedene Instrumente zugeordnet, um so ihren Sprachrhythmus zu unterstützen. Die Bundeskanzlerin bekommt dabei die Trompete und die Bratsche zugeordnet. Melodische Klangfolgen sind allerdings Fehlanzeige und an vielen Stellen legt sich das Orchester lautstärkemäßig leider zu sehr ins Zeug, was der Verständlichkeit der mit Mikrofonen verstärkten Protagonisten keinen Gefallen tut. Überhaupt ist dieses intensive Schauspiel auch gut ohne Musik denkbar und würde auch ohne Orchester dank seiner Dynamik und Dramatik der Intensität und Spannung keinen Abbruch tun.

Vorstellungstermine, Karten und aktuelle Informationen zu den Besuchsregeln gibt es unter www.staatstheater.de und telefonisch unter 0441 / 2225-111.

Vorheriger Artikel

DAX startet mit leichten Verlusten - US-Inflationsdaten erwartet

Nächster Artikel

Politologin erwartet bei Wahlniederlage Richtungsstreit in Union