Theater

Staatstheater: „Nora“ überzeugt als Psychodrama

Der Skandal von einst und das Thema Feminismus wird bei der Premiere von Nora im Oldenburgischen Staatstheater zum Psychokrimi erster Garde.

Die Maskerade ist Teil des Lebens von Nora und Dr. Niels Rank (Matthias Kleinert).
Foto: Stephan Walzl

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Oldenburg (vs) – Was bei der Uraufführung von Henrik Ibsens „Nora oder ein Puppenheim“ im Jahr 1879 in Kopenhagen noch ein Skandal war und einen neuen versöhnlicheren Schluss bekam, wird heute nur belächelt und als konsequent betrachtet: Eine Ehefrau, die ihre Lebens- und Liebeslügen satt hat, Mann, Kinder und damit ihr vermeintliches „Puppenheim“ verlässt, um endlich „erwachsen zu werden“. So wird der Skandal von einst und das heute überholte Thema „Feminismus“ bei der Premiere von „Nora“ im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters zu einem Psychokrimi erster Garde. Regisseur und Oberspielleiter Peter Hailer inszenierte den Klassiker der Theaterbühnen in 100 sehenswerten und spannenden Minuten. Im ausverkauften Zuschauersaal gab es dafür für jeden der fünf Protagonisten starken Beifall und Bravo-Rufe, Regieteam inklusive.

„Diese Wohnung war nichts anderes als eine Puppenstube, ein großer Kinderspielplatz. Ich war deine Puppenfrau, wie ich vorher Papas Puppenkind war. Und unsere Kinder, das waren meine Puppen“. Dieser Schlusssatz von Nora Helmer, eindrucksvoll und durchtrieben gespielt von Nientje Schwabe, bringt die Wahrheit des Lebenskartenhauses von Nora und Torvald Helmer (ein überzeugender Jens Ochlast) endgültig ans Tageslicht und damit zum Einsturz. Bis es dazu kommt, wird die Frage, wie viel Lügen eine Ehe verträgt, bis aufs Äußerste ausgereizt. Und wer im Beruf lügt, lügt auch privat, ist Torvald Helmers überzeugt. So reiht sich eine Lüge an die Nächste. Die Wohnung ist ein offener Spielraum (Dirk Becker), der nur von einer decken hohen, drehbaren Wand geteilt wird. Diese freie Bühne gibt den Darstellern allen Raum für ihr ausdrucksstarkes Spiel.

Torvald bespaßt sein „Spätzchen“ Nora

Spätzchen Nora (Nientje Schwabe) weiß was ihrem Torvald (Jens Ochlast) gefällt.

„Spätzchen“ Nora (Nientje Schwabe) weiß was ihrem Torvald (Jens Ochlast) gefällt.
Foto: Stephan Walzl

Es ist Weihnachten im Hause Helmer und zugleich wird die Beförderung des Gatten zum Bankdirektor gefeiert. Alle sind herrlich aufgedreht mit Küsschen hier und Küsschen da, wie wahrscheinlich immer in diesem guten Hause. Torvald erfreut sein „Spätzchen“ wieder einmal mit Geldscheinen. Aber nicht nur für Geschenke braucht das anfangs herrlich naiv erscheinende Blondchen Nora das viele Geld. Sie hat einen Schuldschein beim Bankangestellten und Freund des Hauses Lars Krogstadt (ein ausgefuchster und zugleich am Boden zerstörter Klaas Schramm) mit dem Namen ihres Vaters gefälscht, weil Nora Geld brauchte, um ihrem Mann eine Italien-Kur zu ermöglichen. Diese Fälschung hat Krogstadt, der ganz oben auf der Abschussliste seines Chefs Torvald Helmer steht, entdeckt und droht mit Erpressung und Preisgabe des Geheimnisses der Gattin. Davor rettet sie ihre alte Jugendfreundin und mittellose Witwe, Christine Linde, die plötzlich in der Tür steht. Als fast krank wirkendes schüchternes Wesen spielt Franziska Werner diese Rolle in Perfektion. Wie in ihren vergangenen Rollen auch, spielt sie wieder einmal mit einer Zerbrechlichkeit, Traurigkeit und Einsamkeit, die weh tut.

Das naive Püppchen Nora entwickelt sich im Laufe ihrer Verflechtungen zur eiskalten Frau und Lügnerin, die es versteht, ihre Mitmenschen für sich zu gewinnen, um das Puppenheim aufrecht zu erhalten. Auch der sterbenskranke beste Freund des Paares, Dr. Niels Rank (Matthias Kleinert, wunderbar vom starken Mann zum fallenden heimlichen Verehrer spielend), wird in ihr böses Spiel integriert. Am Ende erkennt Nora jedoch, dass alles nur ein Puppenspiel war. Die Puppe wird erwachsen. Die Maske fällt. Torvald ist verlassen.

Die weiteren Vorstellungen sind am 11., 21. und 25. November sowie am 2. Dezember jeweils um 20 Uhr. Informationen und Karten gibt es unter www.staatstheater.de oder telefonisch unter 04 41 / 222 51 11.

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