Kultur

Gerechtigkeitssinn mit dem Leben bezahlt

Das Schauspiel Eine nicht umerziehbare Frau von Stefano Massini, das gegenwärtig in der Oldenburger Exerzierhalle zu sehen ist, handelt von der ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja. Der Journalist und Tagesthemen-Moderator Thomas Roth sprach über seine Kollegin.

Förderkreis-Vorsitzender Reto Weiler, Generalintendant Christian Firmbach, Journalist Thomas Roth und Holger Ahäuser (Förderkreis) (von links) vor der Veranstaltung.
Foto: Stephan Walzl

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Oldenburg (zb) – Am 7. Oktober 2006 wurde die russische Journalistin Anna Politkowskaja im Alter von 48 Jahren im Fahrstuhl zu ihrer Moskauer Wohnung ermordet. Im vergangenen Jahr verurteilte das Moskauer Stadtgericht die Täter. Doch wer hinter den Verurteilten steckt, ist bis heute unbekannt. Denn die Täter hatten kein persönliches Motiv. Wer war diese Frau? Diese Frage steht im Mittelpunkt der deutschsprachigen Erstaufführung des Schauspiels „Eine nicht umerziehbare Frau“ von Stefano Massini, das gegenwärtig in der Oldenburger Exerzierhalle zu sehen ist. Aus diesem Anlass hat der Freundeskreis des Staatstheaters den Journalisten Thomas Roth eingeladen, der Politkowskaja persönlich kannte und Montagabend vor rund 500 Zuschauern über sie erzählte.

Er beschrieb sie als unerbittlich und unbestechlich, weshalb sie viele Feinde hatte. Sie sei selbst von Freunden mit dem Vorwurf konfrontiert worden, nur das Schlechte zu sehen, berichtete Roth. „Ich sehe alles, das ist genau das Problem“, erklärte sie Roth bei einer letzten Begegnung ein Jahr vor ihrem Tod. Sie habe nicht verdrängen können. Und was sie sah, habe sie messerscharf zu Papier gebracht, so dass oft nichts Schmeichelhaftes übriggeblieben sei. Selbst vor Putin und auch nicht vor der ihrer Ansicht nach schlecht organisierten russischen Opposition sei sie zurückgeschreckt. „Absolute Autoritäten ließ sie nicht gelten“, erzählt Roth, der Politkowskaja als äußerst bescheiden schildert. „Sie wollte auch nie eine Heldin sein, sie wollte nur aufdecken.“

Sie habe gewusst, dass ihr Leben in Gefahr gewesen sei, berichtete er weiter, der sie deshalb fragte, weshalb sie der Staatsmacht trotzdem weiterhin gnadenlos die Stirn böte. „Ich tue, was ich tun muss, lautete ihre Antwort und dabei hat sie extrem ruhig gewirkt“, erzählt Roth. Schon als Schülerin, so berichteten dem ARD-Redakteur zwei Freundinnen von Politkowskaja, habe sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gehabt. Und der Tschetschenienkrieg, über den sie wiederholt und schonungslos berichtet hat, ließ sie nicht los. „Sie hatte Mitgefühl mit den Menschen, die einer unglaublichen Rechtlosigkeit ausgesetzt waren. Das hat sie nie losgelassen.“

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Nach dem Vortrag stellten Holger Ahäuser vom Freundeskreis des Oldenburgischen Staatstheaters (links) und das Publikum ihre Fragen an den Journalisten Thomas Roth.
Foto: Christian Kruse

Roth, der selbst mehrere Jahre als Korrespondent in Moskau gelebt hat, hat den Zusammenbruch der Sowjetunion hautnah erlebt und später die Jelzin-Jahre, die das Land in den Ruin geführt hätten. „Da sind ganze Leben zusammengebrochen“, schildert er. Allerdings herrschte zu keiner Zeit eine größere Pressefreiheit. Selbst die Machthaber seien durch den Kakao gezogen worden, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen.

Parallel dazu habe die Privatisierung der Medien stattgefunden. Sie gerieten in die Hände von Oligarchen. Dann trat Putin auf den Plan, der 2000 die Macht übernahm und der wirtschaftlichen Verelendung ein Ende bereitete. „Putin hat die Verhältnisse stabilisiert und zugleich die Medien auf Regierungslinie gebracht. Es hat eine zunehmende nationale Ideologie eingesetzt, die bis heute anhält“, so Roth.

Trotzdem spricht sich der Journalist für einen kritischen Dialog mit Russland aus. „Wir dürfen uns nicht von Russland abwenden“, sagt er und kommt noch einmal auf seine ermordete Kollegin zurück. „Sie war eine Orientierung – auch wenn man nicht alles richtig findet, was sie gesagt und getan hat.“ Und wie ernst es ihr mit ihrer Kritik an Russland und dem Tschetschenienkrieg war wird daran deutlich, dass sie jederzeit hätte ausreisen können. Sie hatte seit ihrer Geburt einen amerikanischen Pass. Politkowskaja ist in den USA zur Welt gekommen, wo ihre Eltern bei der UN tätig waren. Es kam ihr nie in den Sinn, davon Gebrauch zu machen.

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