Kultur

Geschichte holt Landesmuseum ein

Dr. Michael Reinbold (links) und Dr. Marcus Kenzler mit dem Apothekengefäß, das sich dank der Oldenburgischen Landschaft jetzt im rechtmäßigen Besitz des Landesmuseums befindet.

Dr. Michael Reinbold (links) und Dr. Marcus Kenzler mit dem Apothekengefäß, das sich dank der Oldenburgischen Landschaft jetzt im rechtmäßigen Besitz des Landesmuseums befindet.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Oldenburg (zb) Das Apothekengefäß – auch Albarello genannt für Arzneimittel aus dem späten 18. Jahrhundert – ist seit 2004 in einer Ausstellung im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg zu sehen. Im Zuge der Provenienzforschung wurde das kunstgewerbliche Objekt jetzt mit einer eindeutig belasteten Herkunft identifiziert. Dennoch konnte es in der Sammlung verbleiben, weil das Museum das Gefäß mit Hilfe der Oldenburgischen Landschaft rechtmäßig von den Erben erwerben konnte.

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69 Jahre nach Kriegsende holt uns unsere Geschichte immer noch ein. Dr. Marcus Kenzler erlebt das täglich hautnah. Der Provenienzforscher überprüft, ob sich im Landesmuseum Raubkunst befindet, also Kunst, die von den Nationalsozialisten während der Zeit zwischen 1933 und 1945 insbesondere Juden geraubt wurde. „Unser Bestreben ist die Restitution von Raubkunst“, sagt er. Das heißt, es wird alles versucht, um derartige Kunstwerke ihren rechtmäßigen Besitzern bzw. Erben zurück zu geben. Bei dem Gefäß war Kenzler schnell klar, dass er fündig geworden ist.

Der Albarello aus Steingut mit leicht konkav eingezogener Wandung und einem eingekerbten Halsring, der dazu dient, seine Öffnung mit Pergament zu verschließen, stammt aus den Niederlanden und wurde Ende des 18. Jahrhunderts hergestellt. „Ich war erschrocken als ich erfuhr, dass die Rechtmäßigkeit unserer Besitzung bezweifelt wurde“, erzählt Dr. Michael Reinbold, Abteilungsleiter Kunstgewerbe. „Es handelt sich um ein wichtiges Stück aus unserer Kunstgewerbesammlung“, erläutert er. Genau deshalb hat sich die Oldenburgische Landschaft bereit erklärt, das Gefäß für das Museum zu erwerben“, sagt Dr. Michael Brandt, Geschäftsführer der Oldenburgischen Landschaft. „Außerdem haben sich die Nacherben als ausgesprochen kulant gezeigt, so dass wir 1000 Euro für den Albarello gezahlt haben.“

1942 hat der damalige Gründungsdirektor Walter Müller-Wulckow das Gefäß in Amsterdam für 800 Gulden (rund 3600 Euro) von dem ihm gut bekannten jüdischen Kunsthändler Mozes Mogrobi erworben. 1947 forderten die Niederlanden im Rahmen eines Restitutionsverfahrens alles, was während der deutschen Besatzungszeit erworben wurde, zurück. Dazu gehörte auch das Gefäß. Doch Müller-Wulckow setzte sich zur Wehr, weil er der Auffassung war, das Gefäß rechtmäßig erworben zu haben. „Er fühlte sich zu Unrecht angegriffen“, sagt Kenzler.

So schrieb er 1947 an den Amsterdamer Kunsthändler und bat ihn um eine offizielle Bescheinigung, dass der Kauf rechtmäßig vonstatten gegangen sei. Der Brief in Kopie befindet sich im Landesmuseum. Das Original kam nie zurück, obwohl Mogrobi zu dieser Zeit schon drei Jahre tot war. Er wurde 1944 in Auschwitz ermordet. „Tatsächlich war der Kunsthändler 1942, als der Verkauf vollzogen wurde, nicht mehr Herr seines Geschäfts. Er handelte unter dem Druck der Nazis, die längst die Oberhand hatten. Mogrobi hat auch von dem Erlös des Gefäßes nicht mehr profitiert. Somit war der Erwerb nicht rechtmäßig“, macht Kenzler deutlich.

Für das Landesmuseum geht es ums Prinzip und nicht um die Werte. Es will keine Kunst besitzen oder zeigen, die nicht rechtmäßig erworben wurde. Also nahm der Provenienzforscher Kontakt zu den Enkeln des Kunsthändlers auf und weihte sie in die Geschichte des Albarello ein. Die zeigten sich angenehm überrascht, dass ein deutsches Museum von sich aus auf sie zukommt und boten ihrerseits den rechtmäßigen Erwerb an. Mit finanzieller Hilfe der Oldenburgischen Landschaft ist der Kauf schließlich möglich geworden. Und so steht das Gefäß jetzt rechtmäßig in der Ausstellung.

Kenzler forscht derweil weiter. Über 20.000 Objekte müsste er noch genauer auf ihre Herkunft untersuchen. Er hat bereits mehrere Kunstwerke entdeckt, die dem Museum nicht rechtmäßig gehören. „Ich bin auf der Suche nach den Erben“, sagt er, „was eine aufwendige Recherche erfordert.“ Die Rückgabe des Gefäßes stellte sich dagegen einfach dar. Ein Amsterdamer Museum half Kenzler, weil die Erben des Kunsthändlers Mozes Mogrobi bereits 2007 im Rahmen eines Restitutionsverfahrens 14 Objekte vom niederländischen Staat ausgehändigt bekamen, die ihrem Großvater gehört haben.

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