Schaufenster

Tatort Bremen: „Wenn man nur einen retten könnte“

Szene aus dem Tatort „Wenn man nur einen retten könnte“.

Szene aus dem Tatort „Wenn man nur einen retten könnte“.
Foto: Magdalena Stengel / Radio Bremen

(Achim Neubauer) Nun liegt sie tot am Fuß der Treppe vom Notausgang des Clubs „Blue Moon“: Anni Höpken hat alles verloren, jetzt also auch ihr Leben. In der Uni am Jura-Studium gescheitert, vom Freund aufgegeben, der Job im Café ist dahin und in der WG wird sie gedisst. Die Bremer Kommissarinnen Liv Moormann und Linda Selb tauchen tief ein in die Welt von völlig überforderten jungen Erwachsenen, die nur medikamentenunterstützt oder von falschen Freunden ihr Leben gestalten können – und daran dann scheitern. Am 26. Januar 2026 wird der neue Tatort aus der Weserstadt „Wenn man nur einen retten könnte“ im Ersten ausgestrahlt

Schon ganz am Beginn der Ermittlungen verletzt sich Linda Selb (Luise Wolfram) bei einer Verfolgungsjagd so sehr, dass sie kaum noch mit der Aufklärung des Falls zu tun hat, gleichwohl herrliche Miniaturen in Krankenhausszenen gestaltet. Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) schnappt sich für ihre Arbeit kurzerhand den KDD-Kollegen Patrice Schipper (Tijan Njie) und die beiden funktionieren als Team erstaunlich gut. Gehörte in den letzten beiden Filmen „Solange du lebst“ und „Stille Nacht“ ein – dramaturgisch ziemlich aufgesetzter – Zickenkrieg zum Tatort, so ist es hier eine gewisse Leichtigkeit, die dem Zusammenspiel von Bauer und Njie sehr guttut.

Tijan Njie (Patrice Schipper) und Jasna Fritzi Bauer (Kommissarin Liv Moorman).

Tijan Njie (Patrice Schipper) und Jasna Fritzi Bauer (Kommissarin Liv Moorman).
Foto: Magdalena Stengel / Radio Bremen

Recht plakativ beginnt der Film mit Sprechgesang und Discolicht – so, wie sich Ältere halt das lebendige Jugendmilieu vorstellen – um dann herauszuarbeiten, unter welchem Druck junge Menschen ihren eigenen Weg finden müssen – und daran scheitern. Christine Otto, die zusammen mit Elisabeth Herrmann das Drehbuch entwickelte, berichtete bei der Vor-Premiere davon, dass eine reale Begebenheit aus dem eigenen Umfeld den Auslöser gegeben hatte, eine Handlung zu erarbeiten, die in vielen Facetten das Scheitern von Lebensentwürfen beleuchtet.

Zum einen ist da Anni Höpken (Annika Gräslund), dann aber auch ihre WG-Mitbewohner (Niklas Marian Müller, Michael Schweisser, Mitja Over, Joyce Sanhá), die alle jeweils darum kämpfen ihre eigenen Hoffnungen auf Glück irgendwie umsetzen zu können. Annis Mutter, Gabriele Höpken (Catrin Striebeck) hat schon ausgeträumt, die Tage, die sie noch in einer Villa wohnt, sind seit der Trennung von ihrem Mann gezählt. Und dann ist da noch Betty (Mathilda Smidt), Annis Schwester, die ihren eigenen Weg geht, Anteil am Leben ihrer Schwester zu haben.

Felix Krömer, Jasna Fritzi Bauer, Tijan Njie, Catrin Striebeck, Mathilda Smidt, Michael Schweisser und Helen Schneider.

Von links: Felix Krömer, Jasna Fritzi Bauer, Tijan Njie, Catrin Striebeck, Mathilda Smidt, Michael Schweisser und Helen Schneider.
Foto: Sandra Martinez

Es sind aber nicht nur die Frauen, die allesamt scheitern, auch die Männer können letztlich nicht mithalten. Colin, einer der Mitbewohner in der Studenten-WG, formuliert ganz unaufgeregt: „Zwischen Arm und Reich liegt nur eine Wand“ – und bringt damit wieder die gesellschaftsbeobachtende Grundhaltung der Weser-Tatorte auf den Punkt.

Lina Kokaly, die zuständige Redakteurin von Radio Bremen, konnte dieses Mal sehr intensiv mit den Drehbuchautorinnen und Regisseurin Ziska Riemann zusammenarbeiten, um einen Film zu gestalten, der in sich sehr schlüssig geschrieben und inszeniert ist. Vielleicht ist da tatsächlich auch ein guter Ansatz gefunden worden, die völlig überflüssigen Auseinandersetzungen zwischen den Kommissarinnen Moormann und Selb zu überwinden.

Gut zu wissen

  • „Wenn man nur einen retten könnte“ wurde vom 5. März bis 3. April 2025 in Bremen inszeniert.
  • Der nächste Bremen-Tatort, der dann im Frühjahr 2027 ausgestrahlt werden soll, wird im Juni 2026 gedreht. Das Buch dazu stammt von Daniela Baumgärtl und Kim Zimmermann, die bereits den Beitrag „Stille Nacht“ geschrieben hatten. Der Vertrag für die Regie war Mitte Januar noch nicht unterschrieben.
  • Für Ziska Riemann ist der Bremer Film die Premiere am „Tatort“, sie hatte vorher bereits für die Serien „Dünentod“ (RTL) und „Stralsund“ (ZDF) auf dem Regiestuhl Platz genommen.
Vorheriger Artikel

Rufe nach WM-Boykott wegen Grönland-Konflikt mehren sich

Nächster Artikel

EU will härter gegen Musk-KI Grok vorgehen