Oldenburg

„Spaß und Freude statt Maßband und Stoppuhr“

Prof. Dr. Jürgen Dieckert ist der Gründer des Trimmpfads Wildenloh.

Prof. Dr. Jürgen Dieckert ist der Gründer des Trimmpfads Wildenloh.
Foto: Katrin Zempel-Bley; Montage: Christian Kruse

Oldenburg / Friedrichsfehn (zb) Vor 44 Jahren ist auf Initiative von Dr. Jürgen Dieckert Deutschlands erster Trimmpfad im Staatsforst Wildenloh in Friedrichsfehn entstanden, direkt an der Stadtgrenze zu Oldenburg. Dass die Idee bis heute Bestand hat, freut den inzwischen 82-Jährigen, der auf dem Spielplatz auf einem dicken Baumstamm Platz genommen hat und sich noch gut an die Anfänge erinnert.

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Der Professor für Sportpädagogik an der Universität Oldenburg war damals Mitglied im Präsidium des Deutschen Sportbundes und zuständig für den Bereich „Sport für alle“. „Seinerzeit dominierte der Leistungsgedanke den Sport“, erzählt der einstige Deutsche Meister im Zwölfkampf der Junioren. „Die nachwachsenden Generationen dachten jedoch anders. Viele fühlten sich durch den Leistungsgedanken ausgegrenzt. Da entwickelte der Sportwissenschaftler Jürgen Palm für den Deutschen Sportbund die Idee von der breit angelegten Mitmachkampagne für mehr Bewegung im Alltag ohne Hemmschwellen“, berichtet Jürgen Dieckert.

Sport für alle war geboren und damit einhergehend die geradezu revolutionäre Bewegung „Trimm dich durch Sport“. „Boote werden getrimmt, damit sie nicht umkippen. Und auch die Menschen sollten fitter werden und gesünder leben“, erzählt er. Wie heute beklagten Mediziner bereits damals Übergewicht und Bewegungsarmut der Bürger. Da kam die bis dahin beispiellose Aktion vom Sport für alle gerade richtig. Parallel dazu wurde „Das große Trimmbuch“ herausgegeben, mit vielen Bewegungsbeispielen. Und das Maskottchen „Trimmy“ sorgte für die nötige Popularität. Immerhin 94 Prozent der Bundesbürger kannten innerhalb kürzester Zeit die Trimm Dich-Aktion mit ihren Slogans „Ein Schlauer trimmt die Ausdauer“, „Laufen ohne zu schnaufen“ oder „Spiel mit, da spielt sich was ab“.

1500 Trimmpfade wurden in Deutschland angelegt. Der im Wildenloh war 1973 der erste, der Mittel des Deutschen Sportbundes erhielt. Bis heute hat er nichts an seiner Attraktivität eingebüßt. „Spaß und Freude statt Maßband und Stoppuhr geben hier den Ton an“, sagt Jürgen Dieckert und spricht von einem enormen Umdenken, das bis heute anhält. „Es war wie eine Philosophie zurück zur Natur“, erzählt er. „Der Mensch ist ein Produkt der Natur. Und hier traten die Menschen in einen Dialog mit anderen Biowesen wie Pflanzen, Bäumen und Tieren. Sie erlebten sich selbst neu, sprachen plötzlich nicht nur ihren Körper sondern gleichzeitig auch Geist und Seele an.“

Die Freiluft-Sportanlage Wildenloh, ein rund 190 Hektar großes Waldgebiet im Landkreis Ammerland, wurde zusammen mit der Forstverwaltung, der Gemeinde Edewecht, Vereinen, der benachbarten Bereitschaftspolizei, zahlreichen Oldenburgern und Wildenlohern in 3000 Arbeitsstunden im Staatsforst Wildenloh unter Leitung von Jürgen Dieckert hergerichtet und verfügt nicht nur über eine drei Kilometer lange Laufstrecke rund um das Waldgelände. Zusätzlich wurden ein großer Trimmpark mit hölzernen Kraft- und Konditionsgeräten für alle Altersgruppen und ein großer Kinderwaldspielplatz mit Spielgeräten für vielfältige Bewegungsmöglichkeiten eingerichtet. Die Stadt Oldenburg, die Gemeinde Edewecht, der Landkreis Ammerland sowie einige Sponsoren finanzierten das Projekt zusammen mit dem Deutschen Sportbund.

Das Landschaftsschutzgebiet Wildenloh mit seinen Buchen und über 200 Jahren alten Eichen sowie verschiedenen Nadelbaumarten zieht zudem zahlreiche Spaziergänger an, denn der sehr breite Trimmpfad mit einer Höhendifferenz von 20 Metern ist zugleich ein beliebter Spazierweg. Vor allem aber ist der Trimmpark ein Treffpunkt für alle Generationen. Thilo und Emily balancieren auf einem dicken Baumstamm, Läufer nutzen ihn als Dehngerät und Jürgen Dieckert als Sitzgelegenheit, um sich das fröhliche Treiben anzusehen. Eltern und Großeltern sitzen zusammen auf Holzbänken, unterhalten sich und gucken den Kindern beim Spielen zu. Und manch ein Erwachsener lässt sich zum Mitspielen animieren.

Wer seine Muskeln, wie dieser Freizeitsportler, stärken will, der hat im Trimmpark Wildenloh viele Möglichkeiten.

Wer seine Muskeln, wie dieser Freizeitsportler, stärken will, der hat im Trimmpark Wildenloh viele Möglichkeiten.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Ob Reckstange, Schaukel oder Rutsche – alle Geräte sind robust. Äußerst beliebt sind runde Holzpfeiler in verschiedenen Höhen. Ob ganz klein oder ganz groß, sie ziehen alle magisch an. Und immer ist da die Herausforderung, vielleicht doch die nächste Höhe schaffen zu können. „Genau das ist der Sinn“, sagt Jürgen Dieckert. „Hier entscheidet jeder selbst, was er sich zutraut. Aber niemand ist von vorneherein ausgegrenzt.“

Das besondere Naherholungsgebiet ist seit 44 Jahren intensiv nachgefragt und es findet keinerlei Vandalismus statt, heißt es seitens der Gemeinde Edewecht, die für das Gelände verantwortlich ist. Probleme habe es hier nie gegeben. Die Menschen schätzten es und entsprechend verhalten sie sich auch. Sogar die Spielgeräte haben all die Jahre überdauert.

„Mit der Trimm Dich-Bewegung änderte sich der Blick auf den Sport“, erinnert sich Jürgen Dieckert. „Die Menschen konnten zu jeder Zeit in den Wald gehen und sich bewegen. Sie waren nicht mehr auf einen Verein angewiesen, was wiederum die Vereine anfangs verärgerte“, erinnert sich der Breitensportexperte, der bis zu seiner Pensionierung an der Universität Oldenburg Sportstudierende ausbildete. Bald darauf erkannten auch die Vereine die Chance, die mit dem neuen Breitensport einherging. Die Angebote wurden umfangreicher und vor allem vielfältiger. Neuerdings konnte jeder etwas für sich entdecken.

„Das Bauen eines Trimmparks ist nur der Anfang. Die ständige Pflege, Ausbesserung und Erneuerung bleibt eine ständige Aufgabe. Und die gelingt nur, wenn sich die Bürger mit dem Trimmpark identifizieren und zur Mithilfe bereit sind. Im Wildenloh hat das bis heute funktioniert und das beeindruckt mich tief“, sagt Jürgen Dieckert, der zugleich beeindruckt ist von der Nachhaltigkeit einer Idee, die vor 44 Jahren Wirklichkeit wurde.

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