Der alte und der neue Rat: Von Abschieden und Lücken

Von links oben: Margrit Conty, Ester Niewerth-Baumann, Hans-Henning Adler und Jonas Christopher Höpken.
Fotos: privat
Politik kennt die Maxime, dass bei Wechseln immer wichtig ist, wer kommt – und nicht so sehr, wer geht. Grundsätzlich ist das richtig, greift allerdings manchmal zu kurz. Wenn der alte Rat am 31. Oktober die Türen schließt, dann ist das mit Abschieden verbunden, die Lücken hinterlassen – und die sind (um ein klassisches Bonmot mal umzudrehen) nicht schwer zu finden, sondern kaum zu übersehen. Den einen und die andere wird man vermissen.
Da ist etwa Margrit Conty, die nach 25 Jahren ihren Platz aus freien Stücken räumt. Die 79 Jahre alte Sozialdemokratin hat sich als Finanz- und Haushaltsexpertin ihrer Fraktion Meriten erworben. Im Ton ruhig, thematisch sattelfest und in der Sache klar und nüchtern (Haushaltsleute sind halt keine Emotionsgranaten), hat die gelernte Buchhalterin ihre Fachkompetenz an vielen Stellen eingebracht, nicht nur in Ratsausschüssen, sondern beispielsweise auch in den Aufsichtsgremien des Klinikums, denen sie 20 Jahre angehörte, darunter sieben als Vorsitzende. Nach außen stets loyal, hat sie durchaus auch Zweifel an der Finanzierbarkeit eines neuen Stadions erkennen lassen. Der alte Spruch, nach dem die Sozis nichts von Geld verstehen, hat einiges für sich. Für Margrit Conty gilt er sicher nicht.
Noch fünf Jahre länger im Rat war Esther Niewerth-Baumann. Mit 58 Jahren hätte bei der CDU-Co-Fraktionsvorsitzenden noch lange nicht Schluss sein müssen. Aber „30 Jahre sind genug“, hatte die Rechtsanwältin verkündet und dabei der Annahme nicht widersprochen, dass der grünlich gefärbte Kurs des neuen Vorstandes und dessen Unterstützung eines Grünen-Oberbürgermeisterkandidaten ihr die Entscheidung zumindest nicht erschwert haben. Zwischenzeitlich war sie fünf Jahre im Landtag, fiel dann aber einem Ränkespiel ihrer Südoldenburger Parteifreunde zum Opfer. In einer kritischen Phase der Stadtpolitik hat sie Rückgrat und Charakter gezeigt. Als die CDU vor 15 Jahren in einem Anfall von Populismus bei der Debatte um den Ausbau der Stadtstrecke unter dem Druck einer lautstarken Bürgerinitiative mit Grünen und Linken auf den Zug einer Bahnumfahrung sprang, blieb sie standhaft und widersprach dem skurrilen Kurs (selbst bei peinlicher Befragung in einem Schaulaufen vor einer Landtagskandidatur). Die Entwicklung hat ihr Recht gegeben.
Ebenso lang im Rat (mit kleiner Unterbrechung) war Berufskollege Hans-Henning Adler, der kurz vor seinem 77. Geburtstag steht. Der Rechtsanwalt kam von Linksaußen (DKP) über die PDS zur Linken (für die er bis zu deren Scheitern an der Fünf-Prozent-Klausel auch fünf Jahre im Landtag war). Später wechselte er mit der gesamten Ratsfraktion zum BSW. Als Jurist war er (trotz gelegentlicher Anflüge von Populismus) in hektischen Debatten oft eine Stimme der Besonnenheit, seine rechtlichen Hinweise beruhigten häufiger die Lage (wenn auch meist nicht dauerhaft). Sein Ausscheiden ist nicht freiwillig. Aber das BSW hat es bei der Wahl gerade noch zu einem Ratsmandat gebracht – und Adler kandidierte im angestammten, aber dafür falschen Stadtbezirk.
Ein Sonderfall ist Jonas Christopher Höpken: studierter Theologe und Sozialpädagoge, der mühelos Katholizismus und Sozialismus zur Deckungsgleichheit bringen kann und dessen politischer Standort irgendwo zwischen Rosa Luxemburg und Papst Leo zu verorten ist. Politisch führte ihn sein Weg von den Jusos zu den Linken, für die er Opfergänge erst als Landtags- und danach als Oberbürgermeisterkandidat auf sich nahm. Sein später Wechsel zum BSW war möglicherweise weniger auf politische Differenzen als auf eine gewisse Nähe zu Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht zurückzuführen, die er beide zu Auftritten nach Oldenburg gelotst hat. Im Rat engagierte er sich sehr in der Abfallwirtschaft und für die Interessen der Beschäftigten des Eigenbetriebes; u.a. als Vorsitzender des entsprechenden Ausschusses. Mit 54 Jahren und nach nur drei Ratsperioden wäre das Ende der Karriere noch lange nicht in Sicht gewesen. Aber er wollte nicht mehr antreten und befand für sich: „15 Jahre sind genug“ – auch ein Indiz dafür, dass öffentliches Engagement auf die Engagierten zurückwirkt. Höpken wird in Erinnerung bleiben als stets freundlicher junger Mann, über den selbst die Konkurrenz kaum ein böses Wort verlieren mochte – was in der Politik als Ausnahme gelten darf.
Vier unterschiedliche Charaktere, die auf ihre Art Politik und Gesicht der Stadt mitgeprägt haben. Sie werden fehlen.
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