Oldenburg

Begegnung auf Augenhöhe zwischen Täter und Opfer

Opfer und Täter im Gespräch heißt ein Pilotprojekt, das die Konfliktschlichtung, die JVA Oldenburg und Opferhilfeeinrichtungen konzipiert haben.

Der Verein Konfliktschlichtung Oldenburg will Täter und Opfer ins Gespräch bringen.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Oldenburg (zb) „Opfer und Täter im Gespräch“ (OTG) heißt ein niedersächsisches Pilotprojekt, das der Verein Konfliktschlichtung in Oldenburg in Kooperation mit der Justizvollzugsanstalt (JVA) Oldenburg und Opferhilfeeinrichtungen konzipiert hat. Es erweitert den bereits seit 30 Jahren praktizierten Täter-Opfer-Ausgleich. „Dabei handelt es sich jedoch um voneinander unabhängige Personen und nicht um Täter und Opfer derselben Tat“, erklärt Veronika Hillenstedt, Geschäftsführerin Konfliktschlichtung, bei der Vorstellung des Projekts.

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Über sechs Millionen Straftaten werden jedes Jahr in Deutschland begangen. Weibliche und männliche Opfer leiden oft lange Zeit oder sogar ihr Leben lang unter den Folgen der Tat. Opfer erfahren kaum Hilfe, Straftaten werden im Kern nach wie vor als Angelegenheit zwischen Täter und Staat betrachtet und gehandhabt. Opfer von Straftaten, so will es jedoch die Europäische Union, sollen mehr Rechte erhalten. Daraufhin trat Ende 2015 das Opferrechtsreformgesetz in Kraft.

„Darauf haben wir reagiert, das OTG-Projekt entwickelt und es den Parteien, die dem Niedersächsischen Landtag angehören, vorgestellt“, berichtet Veronika Hillenstedt. Deren Interesse war sofort groß und bald darauf stellten sie gemeinsam 60.000 Euro für Personal- und Sachkosten zur Verfügung.

Das Konzept sieht vor, dass zuerst in mehreren Gruppensitzungen von Opfern und Tätern getrennt voneinander ein Austausch stattfindet. Dabei können die Opfer die Auswirkungen der Straftaten aufzeigen, ihre Leidensgeschichte erzählen und sich auf die folgenden Begegnungen mit den Tätern inhaltlich und emotional vorbereiten. Die Täter werden parallel in Gruppensitzungen mit der Opferperspektive konfrontiert und auf die Teilnahme an den gemeinsamen Gruppengesprächen vorbereitet.

Voraussetzung für die Teilnahme ist es, dass die Täter bereit sind Verantwortung für vergangenes und zukünftiges Handeln zu übernehmen, und sich mit den Folgen für die Geschädigten auseinanderzusetzen und ihr Verhalten zu ändern. Nach den getrennt voneinander stattfindenden Gruppengesprächen kommt es zu gemeinsamen Gesprächsrunden zwischen Opfern von Straftaten und Häftlingen aus der JVA Oldenburg.

Inzwischen wird die erste Gruppe aus Tätern und Opfern zusammengestellt. „Gegenwärtig sprechen wir mit Gefangenen in der JVA Oldenburg, die Interesse daran haben, ihre Tat mit Opfern aufzuarbeiten“, berichtet Veronika Hillenstedt. Danach werden die Teilnehmer ausgesucht, die Opfer von Straftaten geworden sind. „Grundsätzlich können sich Opfer, die sich für ein solches Projekt interessieren, bei uns melden“, sagt Veronika Hillenstedt.

Das kommt vor allem für jene Opfer in Frage, die sich für eine Konfliktschlichtung entschieden haben, was der Täter jedoch ablehnte. „Sie leiden an den Folgen und stellen sich Fragen wie warum war ich das Opfer und was bringt einen Täter zu der Tat“, weiß Veronika Hillenstedt aus fast 30-jähriger Erfahrung. In der Gruppe mit maximal zwölf Personen können genau diese Fragen in Ruhe gestellt, beantwortet und bearbeitet werden. Weil sowohl die Situation der Opfers als auch des Täters dargestellt wird, haben alle Beteiligten die Chance, sich in den anderen hineinzuversetzen und seine Situation nachzuvollziehen.

Genau das ist das Ziel von Konfliktschlichtung und dem Pilotprojekt. „Wir erleben immer wieder, dass Täter sich im Vorfeld ihrer Straftat keine oder wenig Gedanken über ihr Opfer gemacht haben. Umgekehrt machen sich Opfer oft falsche Vorstellungen über die Herangehensweise der Täter, die ihre Opfer meistens zufällig auswählen“, erzählt Veronika Hillenstedt. Das Pilotprojekt bietet Opfern und Tätern also eine Auseinandersetzung mit dem Tatgeschehen an. „Über den persönlichen Aspekt hinaus bietet sich im Gruppenprozess die Möglichkeit, themenspezifische Schwerpunkte beider Seiten zu bearbeiten, die neue Perspektiven auf das eigene Erleben bieten und Entwicklungsmöglichkeiten anstoßen sollen.“

Untersuchungen haben gezeigt, wie wirkungsvoll Konfliktschlichtung ist. „Die Rückfallquote ist bei Tätern, die daran teilgenommen haben, deutlich geringer“, berichtet Veronika Hillenstedt. Deshalb hofft sie, dass das OTG-Projekt nicht nach einem halben Jahr schon wieder eingestellt werden muss, weil die Finanzierung nicht gesichert ist. „Gegenwärtig können wir einen Durchgang starten“, sagt sie und hofft auf eine kontinuierliche Förderung durch das Land. Das Justizministerium halte das Projekt für eine sinnvolle Ergänzung zur Konfliktschlichtung, doch ob auch ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt werden können, sei zurzeit noch offen, sagt sie abschließend.

Der Verein Konfliktschlichtung bietet Menschen im Oldenburger Land, die Opfer einer Straftat geworden sind, die Möglichkeit wieder Gerechtigkeit herzustellen, die sich primär auf die Heilung der individuellen, beziehungsmäßigen und sozialen Folgeschäden einer Straftat bezieht. So verfügt der Verein Konfliktschlichtung über 30 Jahre Erfahrung im Bereich Täter-Opfer-Arbeit. Der Verein arbeitete bundesweit als eine der ersten Institutionen, die den Täter-Opfer-Ausgleich professionell nach gültigen Qualitätsstandards durchführte.

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