Geschichte

Agrardemo: Bauern unter schwarzer Fahne

Schwarze Fahnen mit weißem Pflug und rotem Schwert führten während der Agrardemo in Oldenburg zu Irritationen.

Schwarze Fahnen mit weißem Pflug und rotem Schwert führten während der Agrardemo zu Irritationen.
Foto: Dominik Laupichler

Oldenburg (Dominik Laupichler) Weißer Pflug mit rotem Schwert vor schwarzem Hintergrund. Dieses Symbol prägte nicht wenige Fahnen bei der Großdemo der Landwirte in Oldenburg auf dem Freigelände der Weser-Ems Hallen. Weil sich einige Leserinnen und Leser irritiert gezeigt haben, hat die OOZ-Redaktion die Herkunft des Motivs beziehungsweise der Fahne recherchiert.

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Schwarz-Weiß-Rot. Eine Farbkombination, die die Deutschen nicht ohne Grund stutzig werden lässt. Nach dem Untergang der Weimarer Republik befürworteten die Nationalsozialisten die Rückkehr zu den „alten“ Farben – Schwarz-Weiß-Rot – den Reichsfarben des Deutschen Kaiserreichs. Bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, nutzten vor allem antidemokratische und rechtsradikale Parteien und Gruppierungen die „alten“ Farben, um ihre Ablehnung gegenüber der Weimarer Republik und ihren Farben Schwarz-Rot-Gold zum Ausdruck zu bringen.

Auch die „schwarze Bauernfahne“ prägen die Farben Schwarz-Weiß-Rot. Zusammen mit dem Pflug und dem Schwert vor schwarzem Hintergrund kann ihre Wirkung am besten mit einem Wort zusammengefasst werden – martialisch. Ist sie nur ein harmloses Symbol bäuerlicher Protestbewegung oder hat die Fahne und ihre Bedeutung eine kontroversere Geschichte?

Die schwarze Bauernfahne der Landvolkbewegung

Die „schwarze Bauernfahne“ entstammt der bäuerlichen Landvolkbewegung, eine Protestbewegung, die sich Ende der 1920er-Jahre in Norddeutschland bildete. Ihre Demonstrationen waren gegen die Weimarer Republik gerichtet. Kritisiert wurde der Umgang der Politik mit der Agrar- und Wirtschaftskrise. Zwangsversteigerungen, Pfändungen und ein allgemeiner Preisverfall landwirtschaftlicher Produkte waren die Folgen.

Die Region Schleswig-Holstein war damals besonders betroffen. Die ersten bäuerlichen Protestkundgebungen fanden 1928 an der schleswig-holsteinischen Westküste statt und legten damit den Grundstein für die Landvolkbewegung. Rasch breitete sich die Bewegung bis in das Oldenburger Münsterland, dem Emsland und der Grafschaft Bentheim aus und wuchs zu einer Bewegung mit einer beträchtlichen politischen Macht heran.

Am 1. August 1929 gerieten bei einer Bauerndemonstration in Neumünster Bauern und Polizisten aneinander. An diesem Tag bekam die schwarze Fahne mit weißem Pflug und rotem Schwert ihren symbolträchtigen Charakter. Von den Bauern zum ersten Mal zu einer größeren Demonstration mitgebracht, wurde sie zugleich seitens der Polizisten als Auslöser für die Aufruhr ausgemacht und beschlagnahmt – ohne dass mit den Konsequenzen gerechnet wurde, die dann folgten. Die Bauern boykottierten fortan die von der Landwirtschaft abhängige Stadt. Die Oberen der Stadt sahen sich genötigt, die Fahne wieder auszuhändigen, um dem Ruin zu entgehen. Die feierliche Rückgabe der Fahne machte sie zum offiziellen Symbol der Landvolkbewegung und verschaffte ihr darüber hinaus größere Aufmerksamkeit in der Bevölkerung. Von da an galt sie als anerkanntes Symbol der bäuerlichen Protestbewegung – vor allem in Norddeutschland.

Kreiert wurde die Fahne von Peter Petersen, seines Zeichens Mitglied des sogenannten „Landbundes“. Mit einer besonderen Bedeutung wurden die beiden Symbole durch Textpassagen aus dem 1931 erschienenen Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“ von Hans Fallada versehen. Der weiße Pflug als Symbol für die Nahrungserwirtschaftung und das Schwert als Zeichen für die Wehrhaftigkeit der Bauern.

Die Landvolkbewegung und die NSDAP

Diese „Wehrhaftigkeit“ legten die beiden Anführer der Landvolkbewegung Claus Heim und Wilhelm Hamkens jedoch unterschiedlich aus. Leistete die Bewegung zunächst nur passiven Widerstand in Form von Steuerboykotten und Widerständen bei Pfändungen und Zwangsversteigerungen, so radikalisierten sich Teile der Landwirte unter Heim. Ab 1929 verübten sie Bombenanschläge auf Finanzämter in Schleswig, Niebüll, Lüneburg und Oldenburg, ohne dass dabei jedoch Menschen zu Schaden kamen. In den beiden Anführern der Bewegung spiegelten sich hierbei die Differenzen innerhalb der Bewegung wider. Nicht nur was die Radikalität anbelangte, sondern auch politisch. Hamkens war Gegner der NSDAP, während Heims dem völkischen Milieu zuzuordnen war, obgleich er sich später von den Nationalsozialisten distanzierte.

Wie sich die breite Masse der Landvolkbewegung politisch positionierte, ist aus heutiger Sicht nicht komplett nachvollziehbar. Aufgrund der losen Struktur der Bewegung wurden keinerlei Mitgliederlisten geführt. Allerdings lässt sich feststellen, dass die Nationalsozialisten in den beiden Dithmarscher Kreisen, zwei Hochburgen der Landvolkbewegung, bei der Reichstagswahl 1928 jeweils zirka 17 Prozent und 10 Prozent erreichten. Reichsweit lag die NSDAP zu der Zeit nur bei 2,6 Prozent.

Der Historiker Alexander Otto-Morris hat sich intensiver mit der Verbindung zwischen den politischen Einstellungen der Landvolkbewegung und dem Aufstieg der NSDAP Anfang der 1930er-Jahre befasst. In einem Interview mit der Tageszeitung taz stellt er unter anderem die These auf, dass die Nationalsozialisten sich die Notlage der Bauern propagandistisch zu Nutze gemacht haben. In den Dörfern wetterten sie gegen die Weimarer Republik und deren Hilflosigkeit den Bauern bei ihren Krisen zu helfen. Die antikapitalistischen Überzeugungen der Landvolkbewegung und deren Ablehnung der Weimarer Republik mit ihrem demokratischen System kamen den Nationalsozialisten dabei entgegen. Otto-Morris stellt schlussfolgernd fest: Die NSDAP war „die Partei, die der Landvolkbewegung letztlich am nächsten kam.“

Während die NSDAP jedoch 1933 in Deutschland die Macht übernahm, löste sich die Landvolkbewegung unter anderen aufgrund interner Konflikte, finanzieller Nöten und fehlender Unterstützung im Volk auf.

Die Fahne heute

Ihre Fahne hat die Zeit jedoch überlebt und wurde 2019 wieder bei Bauerndemonstration im Norden Deutschlands geschwenkt. Der Historiker Otto-Morris zeigt sich überrascht, dass die Fahne vor allem in solcher Zahlenmäßigkeit bei der Großdemo der Landwirte in Oldenburg geschwenkt wurde: „Hier und da kommt mal eine Anfrage über die Symbolik der Fahne, aber, dass sie wieder vermehrt auf Demonstrationen gezeigt wird, ist mir neu.“

„Die hiesigen Landwirte wollen mit der Fahne keinerlei rechtes Gedankengut ausdrücken oder für irgendeine politische Partei Stellung beziehen“, betont Maren Ziegler, Geschäftsführerin des Landwirtschaftlicher Hauptverein für Ostfriesland, Kreisverband Norden-Emden. Die Landwirte würden zu einem Großteil die Geschichte der Fahne kennen, aber damit keine politischen Einstellungen assoziieren. Über die Jahre habe sich die Fahne, insbesondere bei den Landwirten im Norden, schlichtweg eingebürgert – als Zeichen des gewaltfreien bäuerlichen Protestes. Selbst das Schwert stehe nur noch metaphorisch für die Wehrhaftigkeit der Bauern. Bombenanschläge wie Ende der 1920er-Jahre wolle heute keiner mehr. „Die Fahne gilt als klares Zeichen des friedlichen Protestes“, so Ziegler.

Fahne im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte

Die schwarze Bauernfahne kann im Oldenburger Schloss besichtigt werden.

Die Bauernfahne kann im Oldenburger Schloss besichtigt werden.
Foto: Sven Adelaide / Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg

Wer sich die Fahne im Original anschauen möchte, hat dazu im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte die Möglichkeit. In den Ausstellungsräumen des Oldenburger Schlosses wird eine Bauernfahne aus dem Jahr 1929 gezeigt. Die dort ausgestellte Fahne wurde auf Kundgebungen der Notgemeinschaft der Butjadinger Bauern getragen. Die Hauptforderungen an die Landes- und Reichsregierung zielten auf einen Zollschutz der oldenburgischen Veredelungswirtschaft, steuerliche Erleichterungen und eine Verminderung der Staatsausgaben.

Das 1931 erschienene Buch über die Landvolkbewegung „Bauern, Bonzen und Bomben“ von Hans Fallada wurde 1973 unter dem gleichnamigen Titel verfilmt. Weitere Lektüre für Interessierte:

  • Alexander Otto-Morris: „Bauer, wahre dein Recht!“ Landvolkbewegung und Nationalsozialismus 1928/30, in: Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein e.V. (AKENS) (Hg.): „Siegszug in der Nordmark“. Schleswig-Holstein und der Nationalsozialismus 1925-1950. Schlaglichter – Studien – Rekonstruktionen (Heft 50), Kiel 2008, S. 54–73.
  • Burchard Janssen et al: Die Bauern in der Krummhörn und ihr landwirtschaftlicher Zweigverein, Pewsum 2001.

4 Kommentare

  1. Kleemann
    25. Oktober 2019 um 18.15 — Antworten

    Vielen Dank für die Recherche! Sehr informativ!

  2. Ka
    25. Oktober 2019 um 22.09 — Antworten

    Danke für den tollen Artikel!
    Ich hatte die Fahne vorher tatsächlich noch nie gesehen und war bei der Demo sehr verwirrt. Nun weiß ich mehr 🙂

  3. mats
    27. Oktober 2019 um 12.36 — Antworten

    „Die hiesigen Landwirte wollen mit der Fahne keinerlei rechtes Gedankengut ausdrücken …“

    Nein? Was denn sonst?

    Und wenn die Bauern sich wie damals bis über beide Ohren verschulden, und deswegen die Banken im Nacken haben, die ihnen die Höfe wegnehmen, wenn sie nicht bedient werden, dann sollen sie sich mal überlegen, ob nicht die eigenen Gier Grund ihrer Misere ist.

    • W. Lorenzen-Pranger
      28. Oktober 2019 um 10.56 — Antworten

      Das größte Problem ist, daß die sogenannten Bauernverbände so „beraten“, daß die genau in diese Abhängigkeiten kommen. Da wird gekungelt zwischen regionaler Politik und Verbandsinteressen, das glaubt man nicht. Werfen sie mal einen Blick ins Emsland, da habe ich z.B. Kontakte,, z.B. Selbst große Höfe (100 ha und mehr) sind da plötzlich so verschuldet, daß die Lage fast ausweglos ist – und der, stinkkonservative, Bauer einen Nebenjob braucht! Das grenzt oft an Betrug, wenns nicht schon einer ist – aber Mitglieder der einzigen Partei dort anzuzeigen? Dann ist wirklich alles aus und man zieht besser um.

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