Oldenburg

„Hier muss niemand liefern“

Die Bahnhofsmission Oldenburg: Reisende nehmen sie kaum wahr, doch für andere ist sie ein wichtiger Zufluchtsort.

Die Bahnhofsmission Oldenburg: Reisende nehmen sie kaum wahr, doch für andere ist sie ein wichtiger Zufluchtsort.
Foto: Chiara Risse

(Chiara Risse) Der Zug nach Bremen rollt ein. Menschen steigen aus, andere drängen hinein. Koffer rattern über den Boden, eine Durchsage überschlägt sich, irgendwo pfeift es. Oldenburger Hauptbahnhof, Dienstagmittag. Ein paar Meter neben der Treppe zu Gleis 1 sitzt ein Mann mit einer Tasse Kaffee. Er wartet nicht auf einen Zug. Er wartet auf nichts – und genau das ist hier erlaubt.

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Hinter der unscheinbaren Tür beginnt ein anderer Rhythmus. Drinnen wird es ruhiger. Nicht leise – aber langsamer. „Möchtest du einen Kaffee“, fragt ein ehrenamtlicher Mitarbeiter.

Die Bahnhofsmission Oldenburg. Sie ist ein Schutzraum für Menschen, deren Leben aus dem Takt geraten ist. Ein Ort, der im Getriebe des Alltags kaum auffällt – und für manche überlebenswichtig ist.

Ein Raum ohne Voraussetzungen

Hier muss niemand erklären, warum er da ist. Kein Antrag, kein Termin, kein Nachweis. „Wenn es brennt, muss man löschen“, sagt Kai Niemann, Leiter der Oldenburger Bahnhofsmission. Menschen kommen mit Plastiktüten, mit Aktenordnern, mit nichts in der Hand. Manche bleiben zehn Minuten, manche mehrere Stunden. Einige sprechen viel, andere gar nicht. Hier darf man einfach sein.

Leiter der Bahnhofsmission Oldenburg Kai Niemann (49).

Leiter der Bahnhofsmission Oldenburg Kai Niemann (49).
Foto: Chiara Risse

Niemann arbeitet seit über 20 Jahren in der Bahnhofsmission. Früher war er Fotograf. Viele Veranstaltungen, viele Wochenenden, immer unterwegs. Der Weg hierher begann zufällig – mit einem wortwörtlichen Zusammenstoß mit Wolfgang Bartels, dem damaligen theologischen Vorstand des Diakonischen Werks.

Zwei Tage hospitierte er. Dann blieb er.

„Da saßen Obdachlose, Suchtkranke, gestrandete Schüler, alte Menschen beim Kaffeekränzchen“, erinnert er sich. „Und ich dachte: Okay. Das ist echtes Leben.“
Er spricht ruhig, hört zu. Man merkt schnell: Das ist kein Job, den man um 17 Uhr ablegt.

Geschichten, die bleiben

Es gibt Briefe in einer Schublade. Hochzeitsfotos. Bilder von Kindern. „Wir werden teilweise zu Hochzeiten eingeladen“, sagt Niemann. „Das geht nur, wenn du den Leuten eine gewisse Nähe zugestehst“.

Da war dieser junge Mann aus den USA, der nach familiären Brüchen und Orientierungslosigkeit hier Anschluss fand – unter anderem über den Footballsport. Aus Gesprächen wurde Ermutigung, aus einem Hobby eine Karriere. Heute lebt der Mann wieder in den USA und spielt dort professionell Football. Solche Geschichten zeigen, was möglich ist, wenn Menschen gesehen und unterstützt werden.

Es gibt auch andere Geschichten. Schwerere. Von Gewalt in der Kindheit. Von Eltern, die selbst nicht konnten. Von Menschen, die früh gelernt haben, dass sie nicht mithalten. „Es ist nicht die Schuld der Leute“, sagt Niemann. „Unsere Gesellschaft funktioniert, wenn du lieferst. Wer das nicht kann, fällt raus.“

Dieter und der Dienstag

Seit 20 Jahren kommt er hierher. Früher Elektriker beim Bund, dann ein Schlaganfall – mit 40. Fast tot. Zurück ins alte Leben ging es nicht. „Ich brauchte wieder einen Sinn“, sagt er.

Dieter Brüggemann (77) ist seit Februar 2008 Teil der Bahnhofsmission Oldenburg.

Dieter Brüggemann (77) ist seit Februar 2008 Teil der Bahnhofsmission Oldenburg.
Foto: Chiara Risse

Dieter setzt sich zu den Menschen. Redet. Hört zu.

Eine junge Frau kam irgendwann nur noch dienstags. „Weil du mich an meinen Opa erinnerst“, sagte sie ihm. Heroinabhängig. Später Entgiftung. Dann wurde sie schwanger und machte eine Ausbildung, schließlich den Meisterbrief. Heute kommt sie alle paar Jahre vorbei. Mit ihren Kindern. Zum Hallo sagen.

Kai lächelt, als er davon erzählt. „Dieter hat keinen pädagogischen Hintergrund, er hat einfach nur mit ihr geredet.“ Hier sagen sie das oft. Und manchmal sind es genau diese Gespräche, die etwas verändern. Begegnung auf Augenhöhe.

„Der Kopf hört nicht auf“

„Ganz ehrlich“, sagt Niemann, „ich will gar nicht wissen, wie viele Menschen neurodivergent (z.B. ADHS, Autismus) sind und ohne Diagnose durch die Gegend laufen.“

Es sind viele. Unfassbar viele. Menschen, deren Kopf nie Pause macht. Gedanken, die rasen. Reize, die nicht gefiltert werden. Nächte ohne Schlaf. Tage ohne Struktur. Und niemand, der erklärt, warum das so ist.

Gerade im Bereich des Drogenmissbrauchs, sagt er, taucht dieses Muster immer wieder auf. Schätzungen gehen davon aus, dass ein großer Teil der Betroffenen – weit über die Hälfte – irgendwo im Spektrum liegt. Oder etwas dazwischen. Oft unerkannt. Oft undiagnostiziert.

Was bleibt, ist ein Dauerzustand. Der Kopf läuft 24 Stunden am Tag. Ohne Anleitung. Ohne Einordnung. Ohne Sprache für das, was da passiert.

Und dann passiert etwas anderes.

„Dann finden sie ein Mittelchen“, sagt er. „Eins, das den Kopf beruhigt.“ Kein Therapieangebot, kein Diagnostikverfahren – sondern eine Substanz. Etwas, das zufällig wirkt und den Lärm im Kopf leiser macht.

Was von außen wie Eskalation aussieht, ist für viele das Gegenteil. Stimulanzien wie Amphetamin oder Kokain wirken bei Menschen im Spektrum nicht antreibend, sondern dämpfend. Das neuronale System wird kurzfristig sortiert, sagt er. Die Dopaminausschüttung funktioniert plötzlich. Zum ersten Mal vielleicht.

„Die werden ruhig“, sagt er. „Die drehen nicht ab, die tanzen nicht auf dem Tisch.“ Was für andere Überstimulation ist, fühlt sich für sie wie Ordnung an. Wie Fokus. Wie Stille. Um eine Wirkung zu spüren, brauchen sie oft deutlich höhere Mengen als neurotypische Menschen.

Ein gefährlicher Kreislauf beginnt. Denn was kurzfristig reguliert, zerstört langfristig. Aus Selbstmedikation wird Abhängigkeit. Aus dem Versuch, sich selbst zu erklären, ein neues Problem.

Die eigentliche Frage bleibt dabei unbeantwortet: Was wäre, wenn diese Menschen früher verstanden worden wären? Wenn jemand ihren Zustand benannt hätte – bevor sie sich selbst helfen mussten?

Das Netz unter dem Netz

Kai, Dieter und Hulda haben für Menschen in schwierigen Lebenslagen ein offenes Ohr haben.

Kai, Dieter und Hulda haben für Menschen in schwierigen Lebenslagen ein offenes Ohr haben.
Foto: Chiara Risseg

Viele Menschen haben hier ihre Postadresse. Ohne sie gäbe es keinen Brief vom Amt, keinen Bescheid, keinen Neuanfang.

Die Bahnhofsmission ist das, was übrigbleibt, wenn andere Systeme nicht mehr greifen. „Das Netz unter dem Netz“, nennt Niemann das. Ein Schutzraum – und das wird ernst genommen. Kein Rassismus. Keine Frauenfeindlichkeit. Keine Menschenverachtung. Wer das nicht akzeptiert, muss gehen. „Sonst funktioniert das hier nicht“, sagt Niemann.

Ein Ort zum Durchatmen

„Es muss einen Raum geben, in dem Menschen nicht ständig nach hinten gucken müssen“, sagt Niemann. „Einen Ort, an dem sie sitzen, Zeitung lesen, Gespräche führen können. Hilfe bekommen.“

Der Mann mit der Kaffeetasse steht auf. Er bedankt sich. Geht.
Draußen fährt ein Zug ein.
Drinnen bleibt jemand sitzen. Noch ein bisschen. Zeitung. Ruhe.
Für eine halbe Stunde. Vielleicht länger.
Hier muss niemand liefern.
Hier reicht es, da zu sein.

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