Meinung

Krankschreibung ab Tag eins: Misstrauen ist keine Gesundheitspolitik

Krankschreibung ab dem ersten Tag, keine telefonische AU mehr: So werden aus Arztpraxen wieder volle Wartezimmer — mit Patienten, die sich gegenseitig anstecken können.

Krankschreibung ab dem ersten Tag, keine telefonische AU mehr: So werden aus Arztpraxen wieder volle Wartezimmer — mit Patienten, die sich gegenseitig anstecken können.
Foto: KI

Die Koalition aus Union und SPD will in Berlin die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung abschaffen und eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag einführen. Studien stützen die Begründung nicht. Ein Kommentar zu einer Reform, die am falschen Ende ansetzt.

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Der Koalitionsausschuss von Union und SPD hat gestern in Berlin ein Reformpaket beschlossen, um hohe Fehlzeiten in Unternehmen zu senken. Künftig soll im gesetzlichen Regelfall vom ersten Krankheitstag an ein Attest nötig sein; auch die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung soll wegfallen. Bisher wird eine ärztliche Bescheinigung erst verlangt, wenn die Arbeitsunfähigkeit länger als drei Kalendertage dauert; Arbeitgeber können sie aber schon jetzt früher fordern. Die Vorhaben sind noch nicht geltendes Recht und müssen nun umgesetzt werden. Bundeskanzler Friedrich Merz begründete den Schritt bei der Vorstellung der Ergebnisse mit stark gestiegenen Krankenständen nach Corona.

Wörtlich sagte Merz: „Wir können uns diesen Wettbewerbsnachteil durch lange Abwesenheiten in den Unternehmen nicht mehr leisten.“ Das klingt nach ökonomischer Notwendigkeit. Es ist vor allem eines: eine Fortsetzung von Merz‘ eigener Erzählung. Schon im Januar hatte er bei einer Wahlkampfveranstaltung gefragt: „Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“ Wenige Tage später nannte er die telefonische Krankschreibung direkt als Ursache. Ein Verdacht wird zur Regierungslinie, ohne dass er sich mit Daten deckt.

Dass der Krankenstand hoch ist, bestreitet niemand: Die DAK meldete für 2025 einen Wert von 5,4 Prozent, im Schnitt 19,5 Kalendertage je Beschäftigtem. Woran es liegt, ist die eigentliche Frage. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung widerspricht der Erzählung von der telefonischen Krankschreibung als Ursache schon seit Anfang Oktober 2025. Die Zahlen zeigten keinen Zusammenhang, sondern einen statistischen Effekt durch die elektronische Erfassung. Auch die DAK sieht keinen „systematischen Missbrauch“. Wer trotzdem eine ganze Versorgungsstruktur umbauen will, ignoriert Fachleute und Daten.

Die Hausärzt/innen wissen, wer die Zeche zahlen würde. Der Co-Bundesvorsitzende des Hausärzteverbandes, Markus Blumenthal-Beier, nannte die Beschlüsse „absolut katastrophal“. Millionen Patient/innen müssten künftig allein für ein Attest in die Praxis, „ohne dass das medizinisch irgendeinen Sinn ergibt“. Wer schon einmal mit Grippe im überfüllten Wartezimmer saß, ahnt, was das für den Infektionsschutz bedeuten würde.

Echte Probleme bleiben liegen

Der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen, Janosch Dahmen, bringt es auf den Punkt: Der Koalitionsausschuss habe sich mit der Erschaffung neuer Probleme befasst statt mit der Lösung großer. Die Finanzierung der Krankenkassen und die Pflegereform blieben unangetastet. Stattdessen gibt es ein neues Bürokratieprogramm für Praxen, die schon jetzt am Limit arbeiten.

Wir machen nicht mit

Wir haben selbst Angestellte. Die Attestpflicht ab Tag eins könnten wir schon jetzt freiwillig einführen. Wir tun es nicht. Diesem Misstrauen, das der Kanzler Beschäftigten entgegenbringt, schließen wir uns nicht an — solange das Gesetz uns die Wahl lässt.

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