Von Arkadien bis Anthropozän: Was Landschaftsbilder über ihre Zeit erzählen

Till Langschied, Trans-Tech Ascensions (Videostill), 2021, Videoanimation (06:25 Min.)
Ein paar Bäume, eine Wiese, Berge am Horizont – und fertig ist die Landschaft? So einfach macht es die neue Ausstellung „Weltbilder im Wandel. Landschaften von Arkadien bis Anthropozän“ im Oldenburger Schloss ihren Besucher/innen nicht. Vom 10. Oktober 2026 bis zum 7. Februar 2027 zeigt das „Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg“, wie sich der Blick auf Natur über fünf Jahrhunderte verändert hat.
Historische Gemälde und Zeichnungen treffen dabei auf Fotografie, Videokunst und Installationen der Gegenwart. Zu sehen sind Arbeiten unter anderem von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Erich Heckel, Max Liebermann, Franz Radziwill und Gerhard Richter sowie von Viktor Brim, Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė, Eline Kersten und Till Langschied.
Für Kurator Hannes Eckstein ist es die erste Ausstellung, die er allein verantwortet. An Material mangelte es ihm nicht. Rund 200 Landschaftsdarstellungen aus der Sammlung des Museums kamen nach seinen Angaben grundsätzlich für die Schau infrage. 26 davon wählte er schließlich aus – verteilt über fünf Jahrhunderte und verschiedene Techniken. Selbst ein Teller hat es in die Ausstellung geschafft.
„Man hat immer komplett unterschiedlich gedacht“, sagt Eckstein beim Rundgang. Genau das sei einer der Punkte der Ausstellung: „Also inwiefern man von der Landschaft fasziniert war, ob man Angst hatte davor, ob man Freude dran hatte, ob man sie schön fand, ob man irgendwie religiöse, mythologische Gefühle hatte oder vielleicht wirtschaftliche Ziele oder einfach touristische Ziele. Das ist immer sehr, sehr unterschiedlich und das zeigt sich in den Darstellungen.“
Landschaft ist nie nur Landschaft
Die Ausstellung zeichnet nach, welche Vorstellungen Menschen mit Natur verbunden haben. Landschaft kann Sehnsuchtsort sein, religiös oder mythologisch aufgeladen, Besitz markieren oder wirtschaftlichen Interessen dienen. Sie kann aber ebenso von Krieg, Ausbeutung und den Eingriffen des Menschen erzählen.
Gerade ältere Darstellungen zeigen häufig keine Landschaft, wie sie tatsächlich vorzufinden war. Künstler komponierten vielmehr Idealbilder: eine geordnete, harmonische Natur, oft mit Bergen, Wasser, Bäumen und kleinen Figuren. Solche Vorstellungen eines Arkadiens prägten die europäische Landschaftsmalerei über Jahrhunderte.
Daneben hatte Landschaft auch eine politische Funktion. Wer Besitz zeigen wollte, ließ Flächen, Wege, Gebäude oder Grenzen darstellen. Bilder konnten damit sichtbar machen: Dieses Land gehört jemandem.

Von links: EWE-Stiftungs-Vorständin Dr. Stefanie Abke, Kurator Hannes Eckstein, Direktorin des Landesmuseums Oldenburg, Dr. Anna Heinze, Vorsitzende des Vereins Oldenburgische Museumsgesellschaft, Gabriele Mesch.
Foto: Finn Gohra
Mit der Zeit verschiebt sich der Blick. Aus einer vermeintlich unberührten Natur wird zunehmend eine Landschaft, in der menschliche Eingriffe sichtbar werden. Eckstein beschreibt diesen Bogen so: „Der Mensch wird auch in dieser Kunstgeschichte, in der Landschaftsdarstellung, immer dominanter, immer präsenter. Und das führt dann eben von Arkadien bis ins Anthropozän.“
Ein Beispiel dafür liefert ein Werk von Franz Radziwill. Auch mehrere zeitgenössische Videoinstallationen beschäftigen sich damit, wie Menschen Landschaft verändern, technisch erfassen oder wirtschaftlich nutzen. Damit reicht die Ausstellung von historischen Vorstellungen einer idealen Natur bis zu aktuellen Fragen nach Ökologie, Digitalisierung und Ressourcenverbrauch.
Eine Landschaft zum Mitgestalten
In einem Raum dürfen die Besucher/innen selbst eingreifen. Mit bereitgestellten Materialien können sie eine Landschaft verändern und weiterbauen. Wie sie am Ende aussehen wird, wissen auch die Ausstellungsmacher nicht.
Der Tisch soll während der Laufzeit regelmäßig fotografiert werden. So lässt sich verfolgen, wie sich die gemeinsame Landschaft Stück für Stück verändert. Das Projekt ist bewusst als Experiment angelegt: Was passiert, wenn Menschen auf eine bereits gestaltete Fläche treffen? Bauen sie weiter, verändern sie Vorhandenes oder schaffen sie etwas völlig Neues?
Damit wird eine Grundfrage der Ausstellung praktisch erfahrbar: Landschaft ist nicht nur etwas, das Menschen betrachten. Sie wird von ihnen gestaltet, beansprucht und verändert.
1,4 Tonnen statt vier Bildschirme
Für Eckstein brachte die erste eigene Ausstellung auch ganz praktische Erkenntnisse. Besonders die zeitgenössischen Arbeiten verlangten dem historischen Gebäude einiges ab.
„Man muss immer schauen, dass man auch realistisch plant“, sagt er. Bei einer Videoinstallation kämen „nicht einfach nur vier Bildschirme, sondern 1,4 Tonnen“, weil Kabel, Technik und Befestigungen hinzukämen. Gleichzeitig seien die historischen Gemälde empfindlich. Manche könnten nicht einfach aus dem Depot geholt und aufgehängt werden, sondern müssten zuvor restauriert, geschützt oder neu gerahmt werden.
So treffen in „Weltbilder im Wandel“ nicht nur unterschiedliche Vorstellungen von Natur aufeinander. Auch technisch liegen zwischen einem jahrhundertealten Gemälde und einer raumgreifenden Videoinstallation Welten.
Eckstein hofft, dass Besucher/innen Landschaft danach nicht mehr nur als gefälligen Hintergrund wahrnehmen. „Ich glaube, was man wirklich entdecken kann, ist, dass Landschaften total spannend sind“, sagt er. Über Jahrhunderte und in unterschiedlichsten Kunstformen würden immer neue Facetten davon sichtbar.
Mehr Informationen und das Begleiterstellung gibt es unter www.landesmuseum-ol.de/ausstellungen/weltbilder-im-wandel.html.
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