Theater

Staatstheater: „Moby Dick“ geht unter die Haut

Die Premiere von Moby Dick sorgte im ausverkauften Kleinen Haus für eindrucksvolle 90 Minuten, die am Ende mit Bravo-Rufen gefeiert wurde.

Moby Dick im Oldenburgischen Staatstheater.
Foto: Andreas J. Etter

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Oldenburg/vs – Wieder einmal haben Michael Uhl, leitender Regisseur Niederdeutsches Schauspiel am Oldenburgischen Staatstheater und das Ensemble der August-Hinrichs-Bühne (AHB) bewiesen, dass plattdeutsches Theater mehr sein kann, als einfache Unterhaltung. So sorgte die Premiere von „Moby Dick“ im ausverkauften Kleinen Haus für eindrucksvolle 90 Minuten, die nicht nur mehrmals mit Szenenapplaus, sondern auch am Ende mit Bravo-Rufen und stehenden Ovationen gefeiert wurde. Und der Applaus gebührte nicht nur den Darstellern, sondern auch dem Kreativ-Team mit Michael Uhl (Regie), Lea Tenbrock (Ausstattung), Tomas Bünger (Choreographie) und Till Rölle (Musik).

Die niederdeutsche Erstaufführung (Übersetzung Cornelia Ehlers) setzt die Mannschaft und ihre Herkunft in den Vordergrund. Wie im wahren Leben auf einem Walfänger, so setzt sich auch das Ensemble bunt gemischt aus Profis (Hartmut Schories als Kapitän Ahab), Mitglieder der AHB, Oldenburgern, Einwanderern und Asylanten zusammen. Besonders die „Zugereisten“, die zum ersten Mal auf der Bühne stehen, sorgen mit ihrer Herkunft und ihren damit verbundenen Schicksalen für die einfühlsamen Momente. Da ist der junge syrische Asylbewerber, dem am Ende glücklicherweise die fehlende Arbeitsgenehmigung das Leben rettet, der junge Iraker, der eindrucksvoll von seiner Flucht in einem Schlauchboot erzählt, oder der Afrikaner, für den Walfang ein Hobby sein soll. Eben diese Schicksale berühren, besonders im Hinblick auf die aktuelle Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa. Aktueller und politischer kann Theater kaum sein. Der Irrsinn der Asylpolitik wird in der Inszenierung immer wieder deutlich. Doch was sie zusammenschweißt, ist ihre Sprache: Platt.

Den ersten Szenenapplaus gibt es für die gelungene Verwandlung der Bühne mit großen Holzsegmenten zum Walfänger Pequod. Halbrunde Elemente werden zum Schiffsrumpf und große Segel und Wanten, die von der Decke krachen, bilden das Bühnenbild. Dazu kommt der große Globus als Symbol für die weltumspannende Suche nach Moby Dick.

So wie seine Mannschaft ist auch Ahab ein Suchender und Flüchtling zugleich. Besessen begibt er sich auf die Reise ins Verderben. Knorrig und verbittert spielt Hartmut Schories den Kapitän, dem leider der auswendig gelernte niederdeutsche Text oft auch als solcher über die Lippen kommt. Sein 1. Offizier Starbuck (Prosper Attoko) ist der einzige Vertraute des Kapitäns, bis dieser dem Wahnsinn Ahabs ein Ende setzen will. Zeitweise verfällt dieser in seine französische Muttersprache.

Auch der Wal als gejagtes Tier bekommt seinen Platz, wenn Max Johannsen als Bulkington beklemmend von den Qualen des Tieres im Todeskampf erzählt, als wäre er selbst das Tier, das von den Waljägern mit Harpune gejagt wird. An ihm wird, am Seil kopfüber hängend, in einer ausdrucksstarken Choreographie das Abschlachten des Wales praktiziert. Szenenapplaus. Eindrucksvoll sind diese gemeinsamen rhythmischen Bewegungen und Choreographien, die das Ensemble immer wieder mit entsprechenden Gesängen ausführt. Das symbolische Abschlachten des Wales endet in einem tranceartigen (Todes-)Tanz zwischen dem toten Bulkington und dem „Hobbywalfänger“ Queequeg (Jacques bi Zahouili Zamblé). Szenenapplaus.

Wie auch im Roman von Herman Melville, bringt Moby Dick das Schiff samt Kapitän und Mannschaft zum Sinken. Einzig der ehemalige Kinderanimateur Ismael (Kevin Sandersfeld) überlebt und trifft an Land wieder auf den syrischen Jungen Sami (Sami Alawi), der jetzt endlich eine Arbeitsgenehmigung hat. Eine Abschlussszene, die berührt.

Zum weiteren Ensemble gehören Jürgen Müller, Florian Petrina, Clemens Larisch, Walter Korfé, Ilyas Yanc, Lucien Minka, Serwan Balasini und Jan-Hendrik von Minden.

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