Wirtschaft

Zehnjahreshoch aber zu wenig Nachwuchs

Manfred Kurmann (links) und Heiko Henke (rechts) begrüßten Gastreferent Dr. Christian Welzbacher auf der Vollversammlung der Handwerkskammer Oldenburg.

Manfred Kurmann (links) und Heiko Henke (rechts) begrüßten Gastreferent Dr. Christian Welzbacher auf der Vollversammlung.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Oldenburg (zb) Das Handwerk im Oldenburger Land befindet sich in einem Zehnjahreshoch, es wurden mehr Leute eingestellt als freigesetzt und dennoch ist es nicht sorgenfrei. Das Handwerk leidet unter Fachkräfte- und Nachwuchsmangel. „Uns fehlen die Auszubildenden, weil viele junge Menschen statt einer Ausbildung ein Studium beginnen“, beklagt Handwerkskammerpräsident Manfred Kurmann gestern anlässlich der Vollversammlung der Handwerkskammer Oldenburg (HWK) und sprach von einer sich anbahnenden Wachstumsbremse.

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Er spricht von einem schlechten gesellschaftlichen Trend. „Es ist falsch zu denken, dass eine berufliche Karriere ohne Studium nicht möglich ist.“ Im Werben um den künftigen Berufsnachwuchs erhofft sich die Kammer eine intensivere Berufsorientierung an den Schulen, insbesondere an den Gymnasien. Die sind ab dem neuen Schuljahr zur Berufsorientierung verpflichtet. Doch das Handwerk findet nicht nur nicht genügend junge Menschen für die zur Verfügung stehenden Ausbildungsstellen, es leidet auch unter dem Weggang vieler Gesellen. „Nach erfolgreicher Gesellenprüfung bleibt nur die Hälfte der Jungen Menschen im Handwerk“, berichtet HWK-Hauptgeschäftsführer Heiko Henke der Vollversammlung.

Gegenwärtig gibt es 12.636 Mitgliedsbetriebe, das sind 155 mehr als im Vorjahr. Die Zahl der eingetragenen Lehrverträge lag Ende 2017 bei 7672 in etwa auf Vorjahresniveau. „1980“, so erinnert Heiko Henke, „lag die Zahl bei 12.600 Auszubildenden. Damals bevorzugte die Mehrheit der Schulabgänger eine duale Ausbildung. Das hat sich gedreht.“ Rückgängig war die Zahl jener, die ihre Meisterprüfung ablegten. Im vergangenen Jahr waren es 433 Meister, 2016 zählte die Kammer noch 455.

Manfred Kurmann fordert die Politik auf, die Berufsschulen mit ausreichend Lehrern zu versorgen. Es fehlten gegenwärtig in Niedersachsen 1000 Berufsschullehrer, was Unterrichtsausfälle zur Folge habe und nicht gerade Werbung für die duale Ausbildung sei. Viel Lob fand er hingegen für die Meisterprämie, die in Niedersachsen eingeführt worden ist. „Diese Entscheidung hat bundesweit Signalwirkung, denn junge Leute erhalten nicht nur eine finanzielle Unterstützung sondern auch eine besondere Wertschätzung durch die Landesregierung“, erklärt der Präsident.

Die Meisterprämie sei ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichstellung von beruflicher und akademischer Ausbildung. „Um sie auf eine breite Basis zu stellen, brauchen wir auf Bundesebene grundsätzliche Änderungen im Rahmen der Förderung bei Aufstiegsfortbildungen. Nur so erreichen wir das Ziel, dass Lehrgangs- und Prüfungsgebühren für alle erstattet werden.“ Schließlich setzte er sich für eine Meistergründungsprämie ein, die es in einigen Bundesländern schon gibt.

Gastreferent Dr. Christian Welzbacher, Leiter des Heinz-Piest-Instituts für Handwerkstechnik (HPI) an der Leibniz Universität Hannover, sprach über Forschung und Dienstleistung für das Handwerk. Arbeitsfelder des HPI sind beispielsweise die Begleitung von Bildungsstättenmodernisierungen sowie die Entwicklungen der Pläne zur überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung und von Fördervorhaben. „Über Politikberatung und Unterstützung der Interessenvertretung sind wir Bindeglied zwischen Wissenschaft und Handwerkspolitik“, unterstrich er die Bedeutung des Instituts.

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1 Kommentar

  1. W. Lornezen-Pranger
    21. Juni 2018 um 11.01

    Eine Runde MItleid fürs Handwerk?
    Zu meiner Zeit war es normal, daß, wer einen Hauptschulabschuß hatte, mehrheitlich eine Handwerkslehre absolvierte. Heute reicht denen das nicht mehr. Ich kenne eine Fernsehdoku in der berichtet wurde, daß eine junge Frau in Hamburg nicht Friseurin werden konnte – weil ihr Notenschnitt im Abitur (!) zu schlecht war. (Für ein Studium in Kulturwissenschaften z.B. hätts gereicht!)
    Es wird gejammert, die jungen Leute könnten nichts. Gespräch zweier Lehrlinge im Stadtbus einer Kleinstadt ca. 1963: „Wie viel Zentimeter hat eigentlich ein Meter?“ „Ach – Millionen und Aber-Millionen!“ Nein, das ist KEIN Witz.
    Ich wette, im Laufe ihrer Ausbildung haben die beiden die richtige Lösung noch erfahren.
    Heute ist den Herrschaften nichts gut genug – und selber können sie auch nicht viel, die „Meister“. Ein Elektrker (-Meister) wird bestellt, weil das Metall in einer Einbaudusche (!) samt und sonders elektrisiert. Er sucht und sucht – aber darauf, daß da einer blau und gelb im Anschluß einfach mal kurgeschlossen hat (heute nur noch im unsanierten Altbau überhaupt möglich), kommt „Meister Röhrich“ nicht. Diese Möglichkeit mußte man ihm erst sagen, obwohl er wußte daß das alles von Laien installiert war..
    Also, das, und nicht nur das, zeigt schon, wo die Probleme liegen.
    Und dann noch etwas. Ich kenne Berufschullehrer, die in jedem Schuljahr wieder von derben sexuell motivierten Übergriffen auf Schüler im Betrieb berichten. Ich höre von autoritären Strukturen, die mehr an die Nazi-Zeit als an 2018 erinnern – und ich frage mich, wenn wir schon beim hochgelobten „dualen System“ sind, wer hat eigentlich die gewählt, die einen Althusmann, eine Wanka usw. zu Kultusministern machten, die dann ihrerseits völligen Unsinn verzapften, den Lehrern das Leben schwer machten und flockig mal eben Bezüge (Urlaubsgeld, Weihnachtgeld – Schulfeste wie die Weihnachtsfeier z.B. werden komplett aus eigener Tasche bezahlt usw.) von Lehrern kürzten?
    Einer meiner Freunde ist Angestellter eines mittelständischen Betriebes, da zahlt man auf den Feiern Getränke nach Mitternacht selbst, vorher zahlt alles die Fima – und Weihnachtsgeld und Urlaubsgeld sind selbstverständlich.
    Also, tut was, Handwerker. Sorgt für Ordnung im Betrieb, nicht nur beim Werkzeug, wählt Parteien, die nicht aus tumber Unfähigkeit betrügen und vielleicht gibts dann auch mal wieder mehr Lehrer…(Na ja, wenn ich einen gewissen Tonne so sehe – – – oh mannomann…)