Wirtschaft

Integrationsberater entkam dem Krieg im Libanon

Hussein Kerri ist Integrationsberater bei der Handwerkskammer Oldenburg. Er kümmert sich um die Ausbildung für Flüchtlinge und Asylbewerber.

Integrationsberater Hussein Kerri.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Oldenburg (zb) Hussein Kerri ist Integrationsberater bei der Handwerkskammer Oldenburg. Der 53-Jährige kümmert sich um das „Integrationsprojekt handwerkliche Ausbildung für Flüchtlinge und Asylbewerber“ (IHAFA), das im Herbst 2015 zusammen vom Niedersächsischen Wirtschaftsministerium, den Handwerkskammern, Landkreisen und der Bundesagentur für Arbeit ins Leben gerufen wurde. Besser hätte die Wahl nicht ausfallen können, denn der 53-Jährige war selbst Flüchtling und weiß sehr genau, welche Probleme die Menschen haben, die vor Krieg und Terror geflüchtet sind.

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Kerri stammt aus dem Libanon, wo jahrelang Bürgerkrieg herrschte. Mit 21 Jahren flüchtete er nach Deutschland, lebte in mehreren Unterkünften und fand erheblich schlechtere Bedingungen vor als die heutigen Flüchtlinge, wie er sagt. „Damals hieß es, das Boot ist voll“, erinnert er sich. „Flüchtlinge durften fünf Jahre nicht arbeiten, es gab keine Sprachkurse und erst recht keine Ausbildung für uns. Außerdem wurde meine Ausbildung nicht anerkannt. Es gab keine Willkommenskultur, aber wie heute auch Menschen, die uns geholfen haben.“

„Ich sehnte mich nach Normalität“

Er stellte einen Asylantrag, erhielt eine befristete Aufenthaltserlaubnis und wollte grundsätzlich zurück in sein Land. Doch der Krieg endete nicht. „Nach fünf Jahren habe ich den Schalter umgelegt und nicht mehr zurückgeblickt. Ich sehnte mich nach Normalität, genauso wie es die Flüchtlinge heute auch tun“, erzählt er. „Sie wollen genau wie ich damals vor allem ihren gesellschaftlichen Beitrag leisten. Sie wollen arbeiten.“

Kerri ist ein Kämpfer, lernte schnell Deutsch, machte seinen Realschulabschluss, schaffte das Fachabitur und ging zum Arbeitsamt mit der Bitte, ihm eine Ausbildungsstelle irgendwo im Handwerk zu vermitteln. So wurde er Heizungsbauer in Osnabrück. Seine Lehrzeit wurde verkürzt, er war schnell Geselle, wollte später studieren, erhielt keinen Studienplatz und entschied sich deshalb für den Meisterlehrgang. Den schaffte er problemlos und arbeitete als Ausbilder. Während all der Jahre jobbte er zusätzlich, um existieren zu können. Mittlerweile hatte er seine Frau kennengelernt und heute drei Kinder mit ihr.

„Deutschland hat unglaublich viel Gutes für Flüchtlinge geleistet“

Inzwischen hat er rund 200 Flüchtlingen zwischen 15 und 55 Jahren in ein Praktikum, eine Lehre beziehungsweise eine feste Arbeit bei knapp 200 Handwerksbetrieben innerhalb des Oldenburger Landes vermittelt. „Deutschland hat unglaublich viel Gutes für Flüchtlinge geleistet“, sagt Kerri voller Hochachtung, der seit 1993 selbst Deutscher ist. „Die meisten Flüchtlinge empfinden das wie ich, zumal sie dankbar sind, in einem befriedeten Land zu leben. Es ist extrem hart, permanent von Krieg und Terror bedroht zu sein und mit fast nichts hier anzukommen.“

Auch er sei entwurzelt gewesen, habe so etwas wie Schockstarre empfunden, ein Stück von sich im Libanon zurückgelassen und es erst mit den Jahren wieder füllen können. Und dann dieses Heimweh, die fehlende Normalität und die Perspektivlosigkeit würden auf Dauer mürbe machen. „Ich weiß, was die Flüchtlinge empfinden und kann in ihrer Sprache mit ihnen darüber reden, was sehr hilfreich ist.“ So hilft der 53-Jährige nicht nur bei der beruflichen Integration. „Ich werde oft angerufen, weil Flüchtlinge Alltagsfragen haben, bei denen ich schnell helfen kann.“

Die meisten Flüchtlinge wollen in ihre Heimat zurückkehren

Kerri ist auch in einer Sprachlernklasse der BBS aktiv, berät Handwerksmeister und ist mittlerweile bundesweit ein gefragter Mann wegen seines Erfahrungsschatzes, seiner perfekten Sprachkenntnisse und wohl auch wegen seiner offenen Art. „Ich bin einfach nur dankbar für die Möglichkeiten, die ich hier in jeder Beziehung bekommen habe und deswegen möchte ich der Gesellschaft etwas zurückgeben. Außerdem fühle ich mich sehr motiviert, denn meine Arbeit mit den Flüchtlingen nützt sowohl ihnen als auch der deutschen Gesellschaft. Je schneller wir sie beruflich integrieren, umso eher sind sie ein Teil von uns.“

Kerri weiß, dass die meisten Flüchtlinge gerne wieder in ihre Heimat zurückkehren wollen. „Ich bestärke sie darin, fordere sie aber auf, die Zeit hier konsequent zu nutzen, um eines Tages mit ihren erworbenen Kenntnissen ihr Land wieder aufzubauen. Das ist für viele eine echte Motivation. Dauert der Krieg in Syrien jedoch noch länger, wird eine Rückkehr immer unwahrscheinlicher, weil die Menschen hier Wurzeln schlagen“, ist er sich sicher und verweist auf seine eigene Biografie. Er bewegt sich heute in zwei Kulturen, spricht von zwei Heimaten und empfindet das als große Bereicherung.

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1 Kommentar

  1. Karl
    10. Januar 2017 um 14.21

    @Katrin Zempel-Bley,

    >Die meisten Flüchtlinge wollen in ihre Heimat zurückkehren

    Wie sagte doch mal der ehemalige AM Joschka Fischer?

    „Excuse me, I am not convinced.“