Menschen

Bornhorst: In 20 Minuten vor dem Nichts

Karin Bartelt, Fritz Hardach mit seinem verkohlten Kinderschuh und Antje Hardach (von links) planen nach dem Brand ihrer Häuser bereits ihre Zukunft.

Karin Bartelt, Fritz Hardach mit seinem verkohlten Kinderschuh und Antje Hardach (von links) planen nach dem Brand ihrer Häuser bereits ihre Zukunft.
Foto: Katrin Zempel-Bley

Oldenburg (zb) Auf der Fensterbank steht ein mit Ruß bedeckter Kinderschuh. Dr. Fritz Hardach hat ihn in den Brandresten seines Ostern abgebrannten Hauses entdeckt. Der zweite Schuh ist ebenso verbrannt wie die Kinderschuhe seiner Frau Antje, die direkt daneben auf einer Fensterbank in seinem Haus gestanden haben.

Anzeige

Grünkohlessen in Oldenburg: Die Saison 2017 beginnt.

Das Ehepaar sitzt erstaunlich gelassen am Tisch. Der Brand war Ostern, die schlimmste Aufregung hat sich gelegt. „Wir schlafen natürlich nicht so gut wie sonst, die Bilder von den brennenden Häusern tauchen immer mal wieder auf, aber es nützt nichts, wir müssen nach vorne gucken“, sagen die Hardachs. Auch Karin Bartelt denkt so. „Klar, es ist sehr schwer, nichts mehr von seinen privaten Sachen zu haben, aber wir müssen unsere Zukunft planen“, sagt sie, deren Haus ebenfalls abgebrannt ist.

Es ist beeindruckend wie alle drei betroffenen Familien zusammenstehen und von der gesamten Nachbarschaft unterstützt werden. „Der Zusammenhalt ist überwältigend“, findet Fritz Hardach und empfindet das als ganz großes Geschenk, das jetzt alle zusammenstehen nach diesem Unglück, das zweifelsfrei auf höhere Gewalt zurückzuführen ist. „Nicht nur die Nachbarn, wir werden sogar von Menschen angerufen, die wir entfernt kennen und bekommen Hilfe angeboten. Das ist doch unschätzbar“, meint Fritz Hardach und ist wie die beiden Frauen gerührt. „Das gibt vor allem Kraft“, berichtet Karin Bartelt. „Sonst könnten wir hier vermutlich gar nicht so sitzen und auch schon wieder Spaß zusammen haben.“

Mit dem Brand ist auch ein Stück ihrer Identität verloren gegangen. Denn was ist man ohne Ausweis, Führerschein oder Scheckkarte? „Am Schalter meiner Bank konnte ich zunächst kein Geld abheben. Zum Glück hat der Bankdirektor bestätigt, dass ich Fritz Hardach bin“, erzählt der 73-Jährige. „Absolut hilfsbereit ist man auch bei der Stadt. Da gab es schnell einen vorläufigen Personalausweis und den Führerschein“, erzählt er weiter.

So sind die drei Familien alle gut beschäftigt, denn auch Verträge mit Versicherungen, Rentenunterlagen usw. sind verbrannt. „Am schlimmsten ist der Verlust der persönlichen Sachen“, findet Antje Hardach. „Ich habe kein Bild mehr von meinen Eltern, auch andere Fotos sind für immer verloren. Ich hatte zudem schöne Bilder, die keinen hohen materiellen Wert aber einen großen ideellen Wert hatten“, sagt sie weiter. „Auch sie existieren nur noch in meiner Erinnerung. Damit müssen wir erst einmal klarkommen. Das braucht Zeit.“

Als das Haus von Karin Bartelt und ihrem Mann Rainer Feuer fing, waren die beiden unterwegs. Als sie nachmittags ahnungslos zurückkamen und die zahlreichen Feuerwehrautos sahen, befiel sie eine große Angst. „Dann sahen wir die Bescherung. Unser Haus war vollkommen abgebrannt, und mir schoss sofort die Herdplatte in den Kopf. Doch Antje Hardach beruhigte mich sofort. Es ist nicht deine Herdplatte gewesen. Da erfuhr ich erst, dass drei Häuser betroffen waren. Nichts war mehr übriggeblieben. Das müssen sie erst einmal kapieren“, erzählt sie.

Antje Hardach kam gerade aus der Dusche, als jemand ins Haus rief, ob noch jemand drin sei. Sie rief zurück und erfuhr, dass ihr Haus brannte. „Schnell lief sie raus und sah das Feuer. Ihr Mann war zuvor zum Nachbarn geeilt, weil er Brandgeruch gerochen hatte. Als er zurück kam, brannte sein eigenes Haus. „Das war wie im Film“, sagt er. „In 20 Minuten war alles passiert, einfach unglaublich.“

Unglaublich ist auch, dass Antje Hardach ihren Ring in den Trümmern wiederfand. „Den hatte ich beim Kochen zuvor abgelegt.“ Ein paar Tage später, als die Ruine von Fachleuten begutachtet wurde, erzählte sie das. Und siehe da, der Ring wurde in der einstigen Küche entdeckt. „Der Stein war mal blau, jetzt ist er schwarz“, freut sie sich trotz allen Kummers.

„Wir hatten ja auch nur noch die Kleidung, die wir trugen. Es dauerte nicht lange, da wurden uns Mäntel übergehängt, dann Pullover und Hosen gebracht. Wir probierten an und es passte jedem von uns irgendetwas. Die Nachbarn kochten Suppe, trösteten uns, boten uns Hilfe an. Das vergessen wir ihnen nie“, sagt Antje Hardach, die von ihren zupackenden Nachbarn noch immer tief beeindruckt ist.

Alle drei Familien planen derweil den Wiederaufbau ihrer Häuser. Bei Hardachs ist schon der Schutt abgefahren, der Architekt sowie die Baufirma bestellt. „Unser Haus wird leicht verändert wieder neu gebaut. Auf jeden Fall möchte ich meinen Geburtstag im September im neuen Haus feiern“, verkündet Fritz Hardach. Antje Hardach freut sich schon über eine größere Küche. So blicken die Beiden fest nach vorne. Eine Frage ist aber noch nicht geklärt: Reitdach – ja oder nein? Für Karin Bartelt wird es kein Reitdach wiedergeben. Wie das Haus aussehen wird, weiß sie noch nicht. „Wir planen noch.“

All das geschieht in Ferienwohnungen direkt in der Nachbarschaft zu ihren Brandruinen. „Sie glauben gar nicht, wie froh wir alle sind, weiterhin hier wohnen zu können“, sagen sie übereinstimmend und danken den Nachbarn, dass die ihnen die Wohnungen zur Verfügung gestellt haben. „Natürlich waren hier schon Feriengäste angemeldet. Die kommen jetzt in anderen Wohnungen unter. Das haben die Nachbarn alles für uns organisiert. Einfach toll finden wir das.“

So hoffen alle, dass bald wieder Normalität eintritt, alle sich von dem Schock einigermaßen erholen können und das dörfliche Leben in Bornhorst wieder seinen gewohnten Lauf nimmt. Eines wird aber anders sein als vorher: Die Nachbarschaft. Sie ist noch fester geworden.

Vorheriger Artikel

Das war der politische Maitag

Nächster Artikel

Staatliche Kontrollen demnächst gebührenpflichtig