Filmfest

Filmfest: Vom Opening bis zur Closing Night

Das Filmfest wurde aam Mittwoch eröffnet.

Das Filmfest wurde aam Mittwoch eröffnet.
Fotos: Anja Michaeli, Volker Schulze, Martin M. Wilczynski

Oldenburg (am/vs/Lisa-Marie Ramlow) Über 70 Vorführungen mit mehr als 45 Lang- und Kurzfilmen stehen seit gestern im Mittelpunkt. Das Internationale Filmfest Oldenburg wurde eröffnet. Bis Sonntag, 15. September, gilt es, zahlreiche Talente des Independent-Kinos zu entdecken – national und international. Die OOZ-Redaktion wird neben Eindrücken von den Feierlichkeiten zeitnah kurze Inhaltsangaben und Filmkritiken veröffentlichen. Wer den Empfehlungen folgen möchte, kann die meisten Filme dann noch beim zweiten Screening sehen. Dieser Artikel wird laufend aktualisiert.

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Inhalt

„In Full Bloom“ gewinnt den Hauptpreis
Europapremiere: „The Projectionist“
Weltpremiere: „Adamstown“
Weltpremiere: „Happy Ending“
Weltpremiere „Father and Daughter“
Kino-Brunch
„Magnetick Pathways“
„Wir wären andere Menschen“
„The Steed“
Deutschlandpremiere: „Patrick“
„Sons of Denmark“
„Depraved“
„Swallow“
„Justice Dot Net“
Weltpremiere: „Was wir wussten – Risiko Pille“
Schauspielerin Amanda Plummer im Sternenhimmel
Weltpremiere „Her & Him“
Europapremiere „Initials S.G.“
„Angriff auf Wache 08“
„Jesus Shows You the Way to the Highway“
„Cuck“
„Bruder Schwester Herz“
Europapremiere „The Gasoline Thieves“
Eröffnungsfilm: „Lara“
Eindrücke von der Eröffnung

„In Full Bloom“ gewinnt den Hauptpreis

Hausherr Intendant Christian Firmbach und Filmfestleiter Torsten Neumann eröffnen die Closing Night des Filmfestes im Oldenburgischen Staatstheater.

Hausherr Intendant Christian Firmbach und Filmfestleiter Torsten Neumann eröffnen die Closing Night des Filmfestes im Oldenburgischen Staatstheater.
Foto: Volker Schulze

In diesem Moment geht die 26. Ausgabe des Internationalen Filmfest Oldenburg zu Ende. Im Oldenburgischen Staatstheater wurden soeben die Preise des Festivals verliehen. Der Hauptpreis, der German Independence Award für den besten Film in der Independent-Reihe des Filmfests, ging an „In Full Bloom“ von Adam VillaSeñor und Reza Ghassemi. Insgesamt haben in den vergangenen fünf Tagen rund 15.500 Zuschauer die Screenings gesehen. Das 26. Festival wurde heute Abend mit der Closing Night Gala und dem Abschlussfilm „Happy Endings“ von Hella Joofs feierlich gekrönt.

Die Preise

German Independence Award für den besten Film

Doppelte Freude:

Doppelte Freude: „In Full Bloom“ von den Regisseuren Adam VillaSeñor und Reza Ghassemi erhielt den German Independence Award Bester Film Publikumspreis. Zusätzlich gewann der US-Film den neu ausgeschriebenen Preis German Independence Award für das beste Erstlingswerk.
Foto: Volker Schulze

Den Hauptpreis haben Adam VillaSeñor und Reza Ghassemi für „In Full Bloom“ erhalten. Der Film ist ein Boxepos, das gekonnt die politischen Spannungen nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Japan und den USA einfängt. Dieser Award für den besten Film wurde von der Oldenburgischen Landesbank (OLB), dem langjährigen Hauptsponsor des Festivals vergeben.

German Independence Award für das beste Erstlingswerk
Dieser Preis, der vom neuen Sponsor Luv & Lee Gin vergeben wurde, ging ebenfalls an „In Full Bloom“ von Adam VillaSeñor und Reza Ghassemi.

German Independence Award für cineastische Kühnheit
Der German Independence Award für cineastische Kühnheit ging an „Tito“ von Grace Glowicki. Der Preis wird von den langjährigen Partnern des Festivals, der Oldenburger Kultkneipe Marvin’s und Alias Film & Sprachtransfer, vergeben und erhält zudem eine fremdsprachige Untertitelung.

German Independence Award für den besten Kurzfilm
Der Preis ging an „Blue Hour“ von Kahina Le Querrec, der die Jurymitglieder ein poetisches Herz, ein geschicktes Auge und eine komplexe filmische Sprache attestiert. Eine besondere Erwähnung der Jury erhielt der Kurzfilm „Invisible Hero“ von Cristelle Alves Meira: „Der unsichtbare Held ist das Porträt einer sensiblen Seele auf der Suche nach dem Wesen des Lebens, der Wahrheit, die zwischen Realität und Vorstellungskraft liegt“, so die Jury.

Seymour Cassel Award für die beste darstellerische Leistung
Der Seymour Cassel Award für die beste darstellerische Leistung ging in diesem Jahr an Patrycja Planik für die Hauptrolle in „Lillian“ sowie an Zachary Ray Sherman für seine Hauptrolle in „Cuck“.

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Das Internationale Filmfest Oldenburg hat posthum die Independent-Ikone Seymour Cassel mit einem Tribut geehrt. Der langjährige Wegbegleiter des Internationalen Filmfest Oldenburg verstarb am 7. April dieses Jahres. Er war eines der Gesichter des amerikanischen Independentkinos, das in vielen Filmen von John Cassavetes zu sehen war und immer wieder zwischen Hollywood und unabhängigem Kino mühelos variierte. In Oldenburg waren mehr als 20 seiner Filme über die Jahre zu sehen, Cassel selbst war viele Male in der Huntestadt zu Gast.

German Independence Honorary Award
Dem Ehrengast Burkhard Driest wurde bei der Filmfest-Gala des Festivals im Oldenburger Staatstheater am Samstagabend der German Independence Honorary Award verliehen. Im wurde ebenfalls ein Tribute gewidmet. In seiner Dankesrede sprach sich der 80-Jährige vor allem gegen eines aus: gegen Angst, die oftmals blockiere – künstlerisch wie auch politisch und gesellschaftlich.

Special Mention und Spirit of Cinema Award

Für das mongolische Märchen

Für das mongolische Märchen „The Steed“ wurden Regisseur Erdenebileg Ganbold und Produzentin Alexa Khan vom Advisory Board (Amanda Plummer, Deborah Kara Unger, RP Kahl) mit einer Special Mention und einem neu ausgerufenen Preis, dem „Spirit of Cinema Award“ gewürdigt.
Foto: Volker Schulze

Das Advisory Board ehrte den Film „The Steed“ von Erdenebileg Ganbold mit einer Special Mention und einem neu ausgerufenen Preis, dem Spirit of Cinema Award.

13. Stern auf dem Walk of Fame
Amanda Plummer hat mit Begeisterung ihren Stern enthüllt und im Anschluss an die Zeremonie jeden Autogrammwunsch erfüllt. (am/vs/pm)

Europapremiere: „The Projectionist“ (Dominikanische Republik 2019)

Regie: José Maria Cabral

Der erfolgreiche dominikanische Jung-Regisseur José Maria Cabral (links) stellte im Casablanca Kino seinen Film The Projectionist als Europapremiere vor.

Der erfolgreiche dominikanische Jung-Regisseur José Maria Cabral (links) stellte im Casablanca Kino seinen Film „The Projectionist“ als Europapremiere vor.
Foto: Volker Schulze

Die Story
Eliseo ist mürrischer Alleingänger und verhaftet in seiner cineastischen Welt. Er lebt in Erinnerungen an vergangene Zeiten und verehrt allein nur eine schöne Frau, die er nachts auf alten, knisternden Filmstreifen anhimmelt, die er wie ein Schatz im Kühlschrank aufbewahrt. Durch ein Missgeschick werden diese Aufnahmen vernichtet. Unterwegs in seinem alten Van als fahrenden Projektor fährt er von einem scheinbar von der Außenwelt abgeschnittenem Dorf an der dominikanischen Küste zum anderen, um das Kino zu den Menschen zu bringen. Dabei begibt sich Eliseo auf die Suche nach der schönen Unbekannten und ihre Geschichte und macht eine dramatische Entdeckung.

Bei dem äußerst sehenswerten und liebevoll gemachten „The Projectionist“ des jungen erfolgreichen Regisseurs José Maria Cabral werden unwiderruflich Erinnerungen an den Kultstreifen „Cinema Paradiso“ wach. Aber Cabral zeigt mehr als die Liebe eines einsamen alten Mannes zum Kino und seinen bewegten Bildern. Seine besessene Suche nach seiner schönen Unbekannten gerät für die Zuschauer zu einem spannenden Abenteuer. Die Kinozuschauer lieben und leiden gemeinsam mit Eliseo auf seiner, nicht immer fröhlichen Reise in karibische Hinterhöfe (vs)

Weltpremiere: „Adamstown“ (Deutschland / 2019)

Regie: Henning Wötzel-Heber, Patrick Merz

Zur Weltpremiere von Adamstown war ein großer Teils des diversen Casts ins Oldenburgische Staatstheater gekommen.

Zur Weltpremiere von „Adamstown“ war ein großer Teils des diversen Casts ins Oldenburgische Staatstheater gekommen.
Foto: Volker Schulze

Die Story
„Adamstown“ ist nach Vorlage einer Graphic Novel der Hamburger Künstlerin Verena Braun entstanden. Das Western-Musical beschreibt die seit Ewigkeit bestehende Fehde zwischen Menschen und Tieren in „Adamstown“, deren Gründe keiner wirklich begründen kann. Tiere und Fremde sind nicht erwünscht. Im Comic-Look, mit als Tiere verkleidete Schauspieler, wird dieser Konflikt und der Bau einer Bank als Lösung des Problems genreübergreifend auf die Leinwand gebracht.

Regisseur Patrick Merz und Pädagoge Henning Wötzel-Heber haben mit „Adamstown“ ein Inklusion-Projekt auf die Leinwand gebracht und mit einfachen Mitteln ein Musical produziert, das keinen Anspruch auf Perfektionismus haben kann. Die Protagonisten haben sicherlich viel Spaß und Bestätigung während ihrer Arbeit erhalten. Ohne die Berechtigung einer solchen Arbeit abzusprechen, ist „Adamstown“ nicht mehr als ein Abschluss-Film eines Inklusionsprojektes. Wenn „Adamstown“ im Programm deutlicher als Film mit Menschen mit Beeinträchtigung und Migrationshintergrund angekündigt worden wäre und es eine Kooperation mit entsprechenden Vereinen und Institutionen gegeben hätte, wären im Staatstheater sicherlich nicht so viele Plätze zu frei geblieben. Ein komplett anderes Publikum hätte zusätzlich den Weg ins Große Haus gewählt. So war diese Weltpremiere zur Filmfest-Gala am Samstagabend zur Verleihung des German Independence Honory Award an Burkhard Driest leider eine unpassende Wahl und hinterließ bei zahlreichen Zuschauern ein großes Fragezeichen. (vs)

Weltpremiere: „Happy Ending“ (Dänemark / 2018)

Regie: Hella Joof

Die Story
Helle hat den Ruhestand ihres erfolgreichen Ehemannes Peter lange herbeigesehnt, um endlich die verbleibende Zeit gemeinsam in Ruhe zu verbringen. Das wohlhabende Paar in den Siebzigern hat lange genug Zeit mit Arbeit, Haushalt und Kindern verbracht. Weinkenner Peter ist aber ganz anderer Meinung und hat ohne ihr Wissen fast das gesamte Sparvermögen in ein Weingut investiert. Nach dem Streit darüber und Peters Drang nach Freiheit beschließt er in seiner aufkommenden Late-Life-Crisis sich von Helle scheiden zu lassen. Frei und allein haben aber beide nie gelernt.

Mit ihrem achten Film bricht die dänische Bestsellerautorin, Schauspielerin und Regisseurin erneut Tabus. „Happy Ending“ ist eine amüsante Momentaufnahme modernen Alterns. Mit reichlich Situationskomik und Wortwitz beschreibt die Regisseurin die letztendlich verzweifelten Versuche von Helle und Peter mit dem neuen Allein-Sein klarzukommen. Peter versucht es dabei unter anderem mit einem Dating-Portal und Sport und Helle gerät in ein einmaliges Sexabenteuer mit ihrer Bankberaterin. Die Konfrontation der neuen Situation ist dabei auch für Familie und Freunde nicht immer einfach. Für das 60plus-Publikum ist diese Komödie um das Leben (und Sex) im Alter sicherlich amüsant und nachvollziehbar. Für alle Anderen ist „Happy Ending“ kurzweilige Unterhaltung. (vs)

Weltpremiere „Father and Daughter“ (FR, 2019)

Regie: Eric Du Bellay

Die Story
Der frischgebackene Papa Paul (Sébastien Chassagne) muss für seine sechs Monate alte Tochter Lou die Rolle beider Elternteile übernehmen und ist in Vollzeit mit anhaltender Geduld auf liebevolle Art für sie da. Mit Hingabe, Liebe und Humor gibt er als Vater sein Bestes, doch sein Umfeld glaubt, er isoliere sich zu stark. Auch die Schwiegereltern mischen sich fortan in die private Harmonie ein.

Der Kurzfilm geht in der ersten Hälfte mit der emotionalen Bindung zwischen Mann und Baby bei niedlichem Humor ans Herz: die manchmal ungezogene Tochter macht, was sie will; und der Papa geht mit flotten Sprüchen damit so locker um, als sei sie sein bester Kumpel und Komplizin. Da macht es nichts, dass die ganzen immer wieder neu gekauften Kuscheltiere (absichtlich?) im Fluss landen. Der sensible Paul scheint mit seinem kleinen „Zombie-Baby“ glücklich zu sein, doch er tut vielleicht zu viel für sie, sodass die schleichende Überforderung ihn letztendlich müde macht. Daraufhin bietet seine beste Freundin schon Mitleidssex an, was der ordentliche Kerl natürlich vehement ablehnt. Dann wollen die aufdringlichen Schwiegereltern auch einen Anteil an dem Leben der Kleinen haben und kritisieren Paul für seinen Alleingang. Erst wütend, gibt er nach einiger Zeit nach, sodass in der Endszene die Familie einen schönen sonnigen Tag bei einer gemeinsamen Bootsfahrt auf dem Fluss genießt. Das von Paul als hässlich erachtete Elefantenkuscheltier, einem Geschenk der Schwiegereltern, darf sich nun auch zu den anderen verlorenen Stofftieren auf dem Flussgrund gesellen.

„Father and Daughter“ ist ein herzerwärmender Kurzfilm mit realistischen Charakteren, der die fürsorgliche Seite eines stolzen Vaters und eine untrennbare menschliche Verbindung auf sehr humoröse Weise würdigt. Da schmilzt jeder dahin. (Lisa-Marie Ramlow)

Kino-Brunch

Die alljährlichen Kurzfilm-Screenings („Sunday Shorts“) des Filmfests werden dieses Jahr das erste Mal seit Jahren wieder mit einem anschließenden Frühstück als „Kino-Brunch“ veranstaltet. Gezeigt wurden die vier Kurzfilme „Avarya“, „Invisible Hero“, „The Sound of a Wild Snail Eating“ und „Blue Hour“. Davon besonders hervorgestochen haben ein störrischer Roboter und eine mampfende Schnecke:

„Avarya“ (TUR, 2018)

Regie: Gökalp Gönen

Der Regisseur von „Avarya“, Gökalp Gönen (rechts), stellt sich den drängenden Fragen des Publikums.

Der Regisseur von „Avarya“, Gökalp Gönen (rechts), stellt sich den drängenden Fragen des Publikums.
Foto: Lisa-Marie Ramlow

Die Story
Weil die Erde unbewohnbar geworden ist, sucht ein alter Glatzkopf (Sprecher: Sermet Yeşil) zusammen mit seinem Roboter im Weltall nach neuen bewohnbaren Planeten. Die jahrelange Reise in seinem wohnhausähnlichem Raumschiff wird zur Tortur, weil die künstliche Intelligenz keinen Planeten findet, der so perfekt wie die Erde ist, und er seinen Reisenden partout nicht auf einen bewohnbaren Planeten zweiter Wahl lassen will, weil dies die Gesundheit des Menschen leicht einschränken könnte. Doch ist ein langes Leben auf einer endlosen Reise ohne Ziel besser als ein gesundheitlich verkürztes Leben in Freiheit? Wann ist ein Leben schützenswert und was ist Heimat?

Der SciFi-Animationsfilm wirft anfangs auf den ersten Blick sehr intelligente Fragen zu möglichen Problemen mit KIs auf. Der Roboter gehorcht nur den ethischen Asimov-Gesetzen, wodurch er keinem Menschen Schaden zufügen noch aussetzen darf. Er versteht nicht, dass sein Schützling psychisch am Ende ist, weil er sich trotz allem Hab und Gut eingesperrt fühlt. Denn eine weitere metaphorische Bedeutungsebene ist, dass man sich auch trotz jeglichem wunschlosen Wohlbefinden dennoch nicht zu Hause fühlen kann. Dies träfe laut Regisseur Gökalp Gönen auf viele Auswanderer der Türkei zu, die dem Land aufgrund der gesellschaftlichen Zustände den Rücken kehrten, aber sich in ihrer neuen Zufluchts-Heimat (Raumschiffhaus) immer noch fremd fühlten.

Jahre später weckt der Roboter sein Dornröschen auf und sagt ihm, dass kein Planet im ganzen Weltraum genau passt. In der Realität könnte das als Botschaft für Nachhaltigkeit zu verstehen sein, weil die Menschheit ebenso erfolglos nach einer zweiten Erde sucht. Im Film nimmt sich daraufhin der verzweifelte Mann das Leben. Aber auch das lässt der Roboter nicht zu und schraubt ihn kurzerhand als Android zusammen. Als die KI ihn auch nicht auf die älter gewordene Erde zurücklässt, trickst der Mann sie aus, indem er sich selbst beschädigt und sein fehlerhaftes Modell auf der Erde zurückbleiben darf, während er auf dem Schiff ersetzt wird. Das Ende überrascht, als er die einzigen Lebensformen, mehrere Android-Klone seiner selbst, in der öden Wüstenlandschaft der Erde vorfindet.

Die fantasievolle visuelle Darstellung mit einzigartigen Momenten und düsterer Geschichte zum Nachdenken führte bei der Vorführung zu einem lauten wie lange anhaltenden Applaus. Man sieht „Avarya“ sein Herzblut an und kann hoffen, dass das offene Genre der Animation auch über diesen atemberaubenden Film hinaus weiterhin mehr Beachtung, Respekt und finanzielle Fördermittel finden wird. (Lisa-Marie Ramlow)

„The Sound of a Wild Snail Eating“ (CAN, 2018)

Regie: Elisabeth Tova Bailey

Die Story
Eine Frau (Ariela Kuh) erkrankt an einem Erreger, der sie monatelang ans Bett fesselt. Sie langweilt sich und sieht die Zeit ungenutzt vorbeifließen. Ihr Pfleger bringt ihr zur Aufmunterung eine Topfpflanze mit, die von einer Schnecke bewohnt wird. Als die Frau dessen ulkige Essgeräusche hört und ihren Wanderabenteuern zusieht, entwickelt sich aus der anfänglichen Gleichgültigkeit eine große Neugier für das Tierchen. Jetzt will sie alles über diese Spezies wissen.

Der Kurzfilm entschleunigt: zu sehen gibt es die meiste Zeit nur die Schnecke, wie sie auf sehr langsame Weise ihre Gegend erkundigt. Die erkrankte Frau fungiert mit ihrer Stimme aus dem Off als Erzähler der Geschichte, die leider etwas inhaltslos daherkommt, weil sie sich zu sehr auf die magische Ausstrahlung der Schneckenbeobachtung verlässt. Die besagte Magie ist dennoch vorhanden, sodass man als Zuschauer, wie auch die Frau, die Zeit vergisst. Dadurch kommt ihr der Weg zur Genesung schneller vor. Das angehäufte, nicht immer interessante Wissen über Schnecken gibt sie im Film lang und dokumentarisch wieder, wodurch man merkt, dass sie wirklich ein Schnecken-Superfan geworden ist. Die Handlung beschränkt sich insgesamt nur auf ihr monotones Leben im Bett, sodass man ihren drögen Alltag nachvollziehen kann.

Der Film „The Sound of a Wild Snail Eating“ ist nach einer wahren Begebenheit inspiriert, die von der Regisseurin Elisabeth Tova Bailey selbst durchlebt wurde und zuvor als gleichnamiges Buch veröffentlicht wurde. Allerdings fehlt der Umsetzung die Note der persönlichen Geschichte samt Gefühlsleben und Interaktion mit Nebencharakteren, die das Buch ausmachen sollen. Die niedliche Freundschaft zwischen Frau und Schnecke inspiriert trotzdem. (Lisa-Marie Ramlow)

„Magnetick Pathways“ (PT, 2018)

Regie: Edgar Pêra
Die Story
Der bankrotte ehemalige Film- und Comicautor Raymond (Dominique Pinon) hadert mit der Vermählung seiner Tochter mit dem reichen staatstreuen Damian, zu der er sein Einverständnis gab. Von der im Land herrschenden Diktatur mit alltäglicher Propaganda eingeengt, irrt der angetrunkene Raymond nachts umher und trifft auf der Suche nach einer Lösung die merkwürdigsten Menschen.

Der Film ist ein einziger Fiebertraum voller farbiger Collagen, die stimmig, kunstvoll und surreal sein können. Dabei sind fast alle Übergänge Überblendungen, sodass kaum Schnitte angewandt werden und die Filmmusik eher eine Soundkulisse darstellt, die die Kunstinstallation passend unterstützt. Auch hier mischen sich, wie die vielen transparenten Filmüberlagerungen, mehrere Geräusche zu einer atmosphärischen Erfahrung. In einigen Szenen, wie bei der Hochzeitsparty, werden die Filmbilder beschleunigt und es ergibt sich ein Strudel des Wahnsinns.

Da fragt sich Raymond zurecht, ob er noch bei Sinnen sei. Der Experimentalfilm zeigt sein emotionales Innenleben in Monologen, die er auch manchmal direkt in die Kamera spricht. Jedoch strecken zu viele Wortwiederholungen die Laufzeit auf unnötige Weise. Raymond klagt für sich stundenlang weiter, während er von seiner aufgesetzten überzeichneten Familie fertiggemacht wird. Die Moral der Geschichte bezieht sich auf das Schweigen in Lebenssituatiionen, wo man aufstehen und das Richtige tun sollte; in persönlicher wie gesellschaftlicher Hinsicht.

„Magnetick Pathways“ schlägt starke Pfade des alternativen Kinos ein. Es ähnelt einem Theaterstück, wodurch es nicht für jeden Geschmack geeignet ist. Allerdings werden tolle Bilder gezeigt, die einem sonst nur bei einem LSD-Trip vergönnt wären. (Lisa-Marie Ramlow)

„Wir wären andere Menschen“ (Deutschland / 2019)

Regie: Jan Bonny

Die Redakteurin Judith Fülle und Schauspieler Manfred Zapatka stellten in der Exerzierhalle ihren TV-Film

Die Redakteurin Judith Fülle und Schauspieler Manfred Zapatka stellten in der Exerzierhalle ihren TV-Film „Wir wären andere Menschen“ vor und beantworteten die Fragen aus dem Publikum.
Foto: Volker Schulze

Die Story
Fahrlehrer Rupert Seidler (Rupert Seidler) ist chronisch nervös und neigt zu Gewaltausbrüchen. Als Jugendlicher musste er mitansehen, wie bei ihm zuhause zwei Polizisten seine Eltern und seinen besten Freund erschießen. Die Polizisten werden freigesprochen. Nach 30 Jahren kehrt der von Tagträumen geplagte Ehemann mit Frau Anja (Silke Bodenbender) zurück in das Elternhaus in sein Heimatdorf und stellt sich seinem Kindheitstrauma. Augenscheinlich hat er den Tätern vergeben und sucht Kontakt zu den mittlerweile pensionierten Polizisten, um mit ihnen Freundschaft zu schließen. Als einer der beiden tot im Rhein gefunden wird, ahnt Ehefrau Anja, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmt. Die Tragödie um Trauer, Wut und Verzweiflung nimmt mit Wucht ihren Lauf.

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Für Mehr-Woller

Die TV-Produktion zeigt einen emotionsgeladenen Matthias Brandt, wie er wohl noch nie zu sehen war: zutiefst brutal und gewalttätig. Dem TV-Konsumenten wird mit dieser exzessiven Tragödie viel zugemutet. Die leicht obskure Vorgeschichte dient dabei nur als Vorlage für eine Geschichte von verlorenen Seelen auf dem Land, wo die Vergangenheit mit Alkohol versucht wird zu betäuben. Vergessen ist nicht möglich. Die Filme von Jan Bonny werden zurecht auch als „Poetischer Realismus“ beschrieben. Die persönlichen Schicksale aller Beteiligten, und ihr Versuch mit dem Geschehenen klar zu kommen, stehen im Mittelpunkt. Der Film lebt von einem herausragenden Matthias Brandt und seinen Gefühlsexzessen. Silke Bodenbender ist dabei wieder einmal die treusorgende Ehefrau, mit den in ihren Rollen immer gleichen Handlungsmustern und wie sie dabei versucht, es allen recht zu machen. (vs)

„The Steed“ (Mongolei 2019)

Regie: Erdenebilleg Ganbold

Der mongolesische Regisseur Erdenebilleg Ganbold (Mitte) stellte gemeinsam mit seinem Produktionsteam Alexa Kahn und Trevor Doyle seinen Film

Der mongolesische Regisseur Erdenebilleg Ganbold (Mitte) stellte gemeinsam mit seinem Produktionsteam Alexa Kahn und Trevor Doyle seinen Film „The Steed“ vor.
Foto: Volker Schulze

Story
Dieser Film aus der unendlichen Weite der Mongolei ist die Geschichte eines Jungen und seinem besten und treuesten Freund und Gefährten, seinem Pferd „Rusty“. Die Wirren des ersten Weltkrieges trennen auf schicksalsreiche Weise die beiden innigen Freunde. Erzählt wird die bewegende Abenteuergeschichte dieses Jungen und Pferdes vom Suchen und Finden, gepaart mit beeindruckenden Landschaftsaufnahmen.

Ein mongolisches Gedicht aus dem Jahr 1962 lieferte dem Schauspieler, Regisseur und Produzenten Erdenebilleg Ganbold die erste Grundlage für dieses absolut sehenswerte exotische Märchen und Abenteuer. Mit beeindruckenden Bildern aus der Mongolei erzählt der Regisseur von einer tiefgründigen Freundschaft, die über allem steht. Im Mittelpunkt dieser Helden- und Abenteuergeschichte, ähnlich der Geschichten aus dem alten Orient, steht zugleich die nicht greifbare Verbindung beider zueinander und das einfache, in sich ruhende und absolut zufriedene Leben und Miteinander der Menschen der Mongolei. Hinzu kommen die tiefverwurzelten Traditionen sowie spirituelle Gedanken und Handlungsweisen. In unserer von Zeit, Technik und Geld bestimmten Welt ist „The Steed“ auch ein Plädoyer für Freundschaft, Mut und Menschlichkeit und dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt in einer Zeit der unaufhörlichen Zerstörung.

Zwei Jahre dauerten die Dreharbeiten zu diesem Film, bei dem die Crew die gesamte Ausrüstung auf Pferden transportierte und wie die Bewohner der Mongolei auch in Jurten wohnte. Der damals zehnjährige Junge wurde aus 15 Bewerbern ausgewählt und stand erstmals vor einer Kamera und arbeitet heute als Hirte. Ihm wurde „Rusty“ geschenkt, weil die viermonatige gemeinsame Arbeit der beiden im Vorfeld der Dreharbeiten und die eigentlichen Aufnahmen zu einer innigen Freundschaft führten. (vs)

Deutschlandpremiere: „Patrick“ (Belgien 2019)

Regie: Tim Mielants

Die Story
Der 38-jährige Patrick lebt mit seinen Eltern auf einem FKK Campingplatz. Inmitten der Nackten verliert er erst seinen Hammer, dann seinen schwerkranken Vater und irgendwann auch die Geduld. Er macht sich auf eine obsessive Suche nach diesem Hammer, der als fehlendes Glied in einer Reihe sein Ordnungsempfinden stört, und nach dem Sinn seines Lebens. Er findet für die Zuschauer Gänsehautmomente, eine Möglichkeit, seine Trauer zu verarbeiten, und Nudisten, die jetzt ihr wahres Gesicht zeigen.

Mit „Patrick“ hat der Regisseur Tim Mielants sein Filmdebüt gegeben. Er ist kein Unbekannter und hat unter anderem die dritte Staffel der Serie „Peaky Blinders“ gemacht. Und die Erfahrung merkt man diesem Film an. Er überzeugt mit einer Bildsprache, die an den schwedischen Regisseur Roy Andersson erinnert und große Momente auf die Leinwand bringt: skurril und grotesk. Im Gegensatz zu den Andersson-Filmen ist „Patrick“ aber eine eher ruhige Geschichte, mit Höhepunkten wie einem hitzigen Kampf in einem Wohnwagen mit absurden Bildern – bis die Welt sprichwörtlich auf dem Kopf steht. Mielants hat für diese Arbeit in Karlovy Vary den Preis für die beste Regie erhalten. Seinen Anweisungen ist Patrick (Kevin Janssens) mit Hingabe und Können gefolgt. Er spielt den etwas tumben, wortkargen Mittdreißiger mit Bravour. Um ihn herum viele nackte Hintern, die in der Tragikkomödie für die Lacher sorgen. Die Menschen in dem Nudistencamp sind Freunde und Feinde, sind machtbesessen oder hilfsbereit. Das Oldenburger Publikum im ausverkauften Casablanca Kinosaal war von dem Erstlingswerk auf großer Leinwand von Mielants begeistert, das zeigte der anschließende Applaus. (am)

„Sons of Denmark“ (DK, 2019)

Regie: Ulaa Salim

Die Story
Dänemark im Jahr 2025: Nach einem großen Bombenanschlag in Kopenhagen hat sich das Land radikalisiert und Spannungen sind an der Tagesordnung. Die von der Terrorzelle „Dänemarks Söhne“ unterstützte extreme Rechte besitzt fortan die größte politische Macht. Als dann noch der ultranationalistische Martin Nordahl (Rasmus Bjerg) zur Wahl des Premierministers mit den besten Chancen auf Sieg antritt, wollen viele Menschen mit Migrationshintergrund die sich zuspitzende Situation nicht mehr hinnehmen. So tritt der 19-jährige Zakaria (Mohammed Ismail Mohammed) zusammen mit seinem Verbündeten Ali (Zaki Youssef) einer radikalen Organisation bei … mit weitreichenden Konsequenzen für ihr gesamtes Leben.

Im Film treffen die zwei Extreme des islamischen und des rechten Terrors aufeinander, die wie ein aufkommender Sturm die friedliche familiäre menschliche Ruhe in Zakarias und Alis Leben mit Angst und Brutalität beenden werden. Die Bedrohung des Rassismus, Extremismus, Terrorismus und anderen Feindlichkeiten ist, wie in der Realität, zuerst kaum wahrnehmbar bis sie sich in den Alltag einschleicht, viral verbreitet und Gedanken zu Taten entfacht. Der dramatische Thriller zeigt dies durch schöne Bilder von Familie und Freundschaft, die in einem dokumentarischen Stil sehr realistisch geschrieben und gespielt werden. Die vielen überraschenden Wendungen in der Geschichte sind ein Beispiel dafür, wie schnell Menschen durch schwere Schicksalsschläge einer gefährlichen Ideologie verfallen können oder sich sogar selbst radikalisieren. Verzweiflung, Wut und Rachelust sind ihr Antrieb, doch der Krieg kennt keine Sieger.

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„Sons of Denmark“ ist eine verständnisvolle und doch tiefschwarze Studie der menschlichen Seele unter Angstzuständen; von Opfern wie Tätern. Der Film gibt einen realen Ausblick auf eine dystopische Zukunft des Hasses, die zu Zeiten von Rechtsruck und Terror leider sehr wahrscheinlich werden könnte. (Lisa-Marie Ramlow)

„Depraved“ (USA, 2019)

Regie: Larry Fessenden

Zweites Screening: Sonntag, 21.30 Uhr im theater hof/19

Die Story
Eine Gruppe junger Erwachsener ist in mysteriöse blutige Experimente verwickelt: Henry (David Call) ist einer von ihnen und erschafft ein vom Frankenstein-Klassiker inspiriertes Monster namens Adam (Alex Breaux), das er wie sein Kind aufzieht, indem er mit Übungseinheiten wie das Lösen von Bauklötzchenpuzzles seine Intelligenz trainiert. Doch nach einiger Zeit möchte Adam herausfinden, wer er vor seiner Wiederauferstehung gewesen ist und entdeckt auf seiner Suche schreckliche Wahrheiten.

Der Film beginnt als schaurig-niedliches Drama mit Selbstfindung, das sich allmählich zu einem Horrorfilm wandelt. Bei der Story bleiben dem Zuschauer Motive und Hintergründe einzelner Charaktere bis zur Auflösung ungewiss, wodurch die Neugier geweckt wird, worum es bei der Erschaffung des Monsters wirklich ging. Adam ist eher nur äußerlich ein Monster und möchte die Welt um ihn herum verstehen, steht jedoch unter verschiedenen Einflüssen. Der Titel des Films heißt zu deutsch etwa „Verdorben“ / „Verkommen“ und spielt auf die Verdorbenheit der Menschheit an, die durch ihr egoistisches und oberflächliches Verhalten den eigenen Untergang besiegelt. Dies gilt für damals wie heute, sodass auch die enthüllte Hintergrundgeschichte den Film stimmig abrundet. Ein wenig enttäuscht hat nur das Ende in der gegenwärtigen Handlung, bei dem sich ein paar Klischees und Ungereimtheiten eingeschlichen haben.

Ansonsten ist „Depraved“ eine durch ihre intelligente Story, mehrschichtigen Charaktere und coolen Vintage-Animationseffekte beindruckende Neuerfindung des Frankenstein-Klassikers und gleichzeitig eine wunderbare Hommage an die urtypische Ästhetik alter Horrorfilme. (Lisa-Marie Ramlow)

„Swallow“ (USA, 2019)

Regie: Carlo Mirabella-Davis

Die Story
Der Debütfilm von Carlo Mirabella-Davis ist von dem unglücklichen Ehe-Leben seiner psychisch erkrankten Großmutter inspiriert und handelt folglich von der unterdrückten Hausfrau Hunter (Haley Bennett), die mit einem aufgesetzten Lächeln durch ihren einsamen Alltag geht, während sie innerlich an der Ehe mit ihrem reichen Mann zerfällt. Dieser emotionale Schmerz wird bald körperlich, als sie in ihrer Schwangerschaft anfängt, eine seltene Essstörung zu entwickeln. Sie verschluckt insgeheim scharfe Gegenstände, während sie versucht, sich selbst zu finden.

Das Drama über eine ungewöhnliche Krankheit berührt, auch weil ein sensibles Thema mit Respekt behandelt wird. Der Zuschauer wird auch auf Hunters Vergangenheit neugierig gemacht, die ebenfalls mit ihrem jetzigen Zustand zu tun hat. Der Film hat definitiv seine Momente und ist an einigen Stellen sogar tragikomisch. Dennoch prägen ihn stereotype oder überzeichnete Verhaltensweisen weniger wichtiger Charaktere; darunter findet sich auch der eiskalte Ehemann. Er ist schon vor dem Ausbruch ihrer Krankheit sehr unnahbar, wodurch man ihre Liebe zu ihm nicht recht nachvollziehen kann. Dafür sind die Unverständlichkeiten ihres Mannes und dessen Familie ihr gegenüber auch bei Menschen im wahren Leben vorhanden.

In dieser Hinsicht ist „Swallow“ ein guter Spiegel unserer Gesellschaft, die psychisch Erkrankte entmenschlicht und als nerviges Problem sieht, anstatt ihnen mit helfender Hand zuzuhören. Auch wenn die abgebildete aufgesetzte Welt der Reichen manchmal zu klischeehaft anmutet, brilliert dieser Film durch seine verzweifelte Protagonistin. (Lisa-Marie Ramlow)

„Justice Dot Net“ (LUX, 2018)

Regie: Pol Cruchten

Zweites Screening: Sonntag, 15. September, 19 Uhr im Cine k / Studio

Die Story
Dem Programmierer Jake (Martin McCann) und seinem Team gelingt ein aufsehenerregender Coup: die Entführung von einflussreichen Geschäftsleuten für eine Gerichtsverhandlung im Livestream, um sie für ihre Verbrechen an die Umwelt zur Rechenschaft zu ziehen. Die Zuschauer sind Richter und können nach der weltweiten Offenlegung der Untaten online über die Schuld der Gefangenen abstimmen, während Bestrafungen nur einen Knopfdruck entfernt sind.

Heutige Internet-Leaks sind aufgrund ihrer Transparenz politisch relevant, der Film weist auf weltweite Justizfehler und -lücken hin. Reale mächtige korrupte Menschen machen, was sie wollen, und sind daher der allgemeinen Bevölkerung ein Dorn im Auge. So kann der Zuschauer mit Jake und seinem Team sympathisieren, auch weil sie trotz ihrer eigentlich kriminellen Taten nur normale Menschen sind, die teils auch persönliche Motive für ihr Handeln haben. Jedoch zeigt der Film viele Schwächen, denn er reißt einen nicht mit und wirkt aus mehreren Gründen gekünstelt. Zum einen wirken die wenig überzeugenden Charaktere flach, zum anderen bleibt die gesamte Moral des Films einseitig zu Gunsten von Jake und Co. Denn die Geschäftsleute zeigen sich nur von ihrer schlechtesten Seite, wodurch ihr Wohlbefinden dem Zuschauer egal wird. Diese Entmenschlichung fördert den Eindruck, dass es nichts gibt, was auf dem Spiel steht. Daher ist die Spannung meistens auf dem Nullpunkt, auch weil es kaum Action oder Konflikte innerhalb der jeweiligen Gruppe der Gefangenen wie der Entführer gibt.

Weiterhin ist die umweltfreundliche Botschaft des Films nicht gerade subtil, sodass sich die Ethik mit wahllosen Schockbildern der Umweltverschmutzung zu stark aufdrängt. Folglich hat „Justice Dot Net“ sehr wichtige aktuelle Themen mit einer mittelmäßigen Ausführung, einigen Logikschwächen und dem fehlenden moralischen Tauziehen umgesetzt. Das Resultat ist ein Thriller, der nicht wirklich thrillt, aber zum Nachdenken anregt. (Lisa-Marie Ramlow)

Weltpremiere: „Was wir wussten – Risiko Pille“ (D 2019)

Regie: Isabel Prahl

Zweites Screening: Samstag, 16.30 Uhr, Exerzierhalle
TV-Ausstrahlung: 23. Oktober 2019, 20.15 Uhr, ZDF

Die TV-Produktion

Die TV-Produktion „Was wir wussten – Risiko Pille“ feierte in der JVA Oldenburg Weltpremiere. Die Hauptdarsteller Stephan Kampwirth (links) und Nina Kronjäger stellten gemeinsam mit Redakteur Donald Kraemer ihren Film vor.
Foto: Volker Schulze

Die Story
„Bellacara“ ist der revolutionäre Durchbruch eines großen deutschen Pharmakonzerns. Diese Anti-Baby-Pille der vierten Generation dient nicht nur als Verhütungsmittel, sondern verspricht den jungen Mädchen und Frauen auch schönere Haut und wohlgeformte Brüste. Ein Medikament wird mit Hilfe von Social Media und Influencermarketing zum Lifestyleprodukt. Wären da nur nicht die gravierenden, und im Ernstfall sogar tödlichen, Nebenwirkungen, die von einer Studie belegt und wissentlich von der Konzernleitung verharmlost werden. Entwickler Karsten Gellhaus steht vor einem Dilemma. Kann er dem Druck der Industrie widerstehen? Neben diesem Gewissenskonflikt plagen den Familienvater auch eine komplizierte Affäre mit seiner Vorgesetzten und das daraus resultierende Ehe- und Familiendrama sowie die Pflege seiner todkranken Mutter.

Der Regisseurin Isa Prahl ist mit der TV-Produktion „Was wir wussten – Risiko Pille“ auf beeindruckende Weise ein vielschichtiges und wahres Portrait über die nur auf Umsatz orientierte Pharmaindustrie gelungen. Dabei handelt es sich nicht um eine bedrückende Dokumentation über ein immer noch aktuelles und besonders brisantes Thema, sondern um einen spannenden und intensiv recherchierten Spielfilm mit Gesellschaftssatire und Medienkritik, der nicht nur das persönliche Dilemma des Karsten Gellhaus (Stephan Kampwirth) differenziert porträtiert.

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Als Gegenspielerin agiert seine Vorgesetzte (Nina Kronjäger) als ehrgeizige Karrierefrau, die es der dominierenden Männerwelt im Business endlich mal zeigen will und scheinbar ohne Gewissen ist. Wenn auch viele Themen abgehandelt werden, ist der rote Faden stimmig. Alle Figuren, dazu gehört auch der eiskalte Konzernchef (Thomas Heinze), hat Isa Prahl glaubwürdig und in ihrem Handeln nachvollziehbar agieren lassen.

Wenn am Ende des Films junge Frauen auf einem Kongress des Pharmakonzerns von ihren fast tödlichen Nebenwirkungen der Anti-Baby-Pille der vierten Generation berichten, werden die Kinobesucher mit voller Wucht in die Realität zurückgeholt. Diese Pille ist noch heute das am häufigsten verschriebene Medikament zur Verhütung. Dieser Film wird und muss zur TV-Ausstrahlung für Diskussion sorgen. (vs)

Schauspielerin Amanda Plummer im Sternenhimmel

Schauspielerin Amanda Plummer enthüllte gemeinsam mit OLV-Vorstand Karin Katerbauer und Filmfestchef Torsten Neumann den 13. Stern.

Schauspielerin Amanda Plummer enthüllte gemeinsam mit OLV-Vorstand Karin Katerbauer und Filmfestchef Torsten Neumann den 13. Stern.
Foto: Volker Schulze

Am heutigen Freitag war der traditionelle Sternentag des Internationalen Filmfestes Oldenburg. Der 13. Stern auf dem Walk of Fame der Oldenburgischen Landesbank (OLB) ging an die Schauspielerin und Filmfestfreundin Amanda Plummer. Gemeinsam mit OLB-Vorstand Karin Katerbau und Festivalleiter Torsten Neumann wurde der Stern enthüllt. Neben Nicolas Cage, Joanna Cassidy, Deborah Kara Unger oder Stacy Keach steht sie in einer Reihe mit denkwürdigen Gästen des Festivals und der Stadt. Sichtlich erfreut und zu reichlich Späßen aufgelegt, zelebrierte die charmante und unterhaltsame Schauspielerin ihre Würdigung. Im Anschluss ging es in die Schalterhalle der OLB zur Autogrammstunde.

Mit der für den British Academy Film Award nominierten und durch den American Comedy Award und Fangoria Chainsaw Awards ausgezeichneten Amanda Plummer ehrt das Internationale Filmfest Oldenburg eine Schauspielerin mit vielen Gesichtern und Facetten. Die Tochter des kanadischen Schauspielers und Oscarpreisträgers Christopher Plummer ist jedem in der Rolle der Gangsterbraut Honey Bunny im legendären Quentin Tarantino-Klassiker „Pulp Fiction“ (1994) bekannt. Auch nach dieser ikonischen Rolle ist Plummer in einer Vielzahl von Filmen zu sehen, darunter in „Gottes Heer – Die letzte Schlacht“ (1995) oder „Die Tribute von Panem – Catching Fire“ (2013). Sie wurde mit drei Emmys und einer Golden Globe-Nominierung geehrt. Ihre Bühnenleistung am Broadway hat ihr einen Tony Award, zwei Tony Award-Nominierungen sowie den Outer Critics Circle Award eingebracht.

Amanda Plummer hatte heute sichtlich Spaß am Sternenglanz.

Amanda Plummer hatte heute sichtlich Spaß am Sternenglanz.
Foto: Volker Schulze

Sidney Lumet verglich sie mit einem jungen Marlon Brando und nannte sie eine Quelle „unbegreiflichen Talents“. Die New Yorker Kritikerin Pauline Kael sagte, nachdem sie Amanda Plummer in „Cattle Annie and Little Britches“ gesehen hatte: „Die einzige Darstellerin, von der ich je zuvor ein so aufregendes und schillernd poetisches Filmdebüt gesehen habe, war Katharine Hepburn.“ (am/vs/pm)

Weltpremiere „Her & Him“ (USA 2019)

Regie: Bella Thorne

Die Story
Es ist ein Porno, ein Katz- und Mausspiel um Dominanz mit viel Sex im Kurzfilm. Produziert von Pornhub. Mehr Story braucht es nicht.

Roter Teppich für Bella Thorne. Die 21-jährige Schauspielerin (bekannt durch Disneys „Shake It Up – Tanzen ist alles“) hat für Furore gesorgt – in den Medien. Entsprechend wurde sie – und Burkhard Driest, dessen Film „Querelle“ (1982) anschließend gezeigt wurde – gestern vor der Exerzierhalle begrüßt. Und dann kam, was angekündigt war: ein Porno – nicht hard und nicht soft, wenig Geschichte, viel Gerammel der Darsteller Abella Danger und Small Hands. Und das war gar nichts für das Oldenburger Publikum. Nach dem Screening gab es keine Reaktion, kein einziger Klatscher war zu hören. Dabei hätte man für die Ästhetik durchaus applaudieren können. (am)

Europapremiere „Initials S.G.“ (Argentinien 2019)

Regie: Rania Attieh, Daniel Garcia

Zweites Screening: 15. September, 19 Uhr, theater/hof 19

Die Story
Als erfolgloser Schauspieler mittleren Alters hält sich der Argentinier Sergio Garces (Diego Peretti) mit Sexfilmchen über Wasser. Der tragische Pechvogel sieht sich als Frauenheld, Draufgänger, als Terminator. Und er träumt vom Ruhm. Sein Idol ist Serge Gainsbourg, mit dem er aber nur die Initialen gemeinsam hat und vielleicht noch die ungeheuer krumme Nase. Seine „Heldenreise“ ist für ihn nur noch mit Whiskey und Joints zu ertragen. Als er dann noch mit der Amerikanerin Jane (Julianne Nicholson) eine Beziehung anfängt und ungewollt ein Verbrechen verübt, nimmt der Verlauf der Geschichten Fahrt auf – abwärts – mit überraschendem Ende.

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Abergläubisch, fußballverrückt, dauer-stoned: Diego Peretti spielt die Figur nicht, er ist Sergio Garces. Sein Ritter der traurigen Gestalt zieht das Kinopublikum in seinen Bann, es leidet mit, es freut sich, es ist schockiert. Die Bildsprache, die Musik, die Dialoge: Alles ist stimmig. Aber dann kommt der Sprecher, ein fremder Ton, ein unnötiger Text: Immer wieder wird das Kinovergnügen gestört, der Betrachter herausgerissen. Mit diesem Erzähler haben sich die Macher keinen Gefallen getan. Und gebraucht hätte ihn auch niemand. Aber darüber können die Zuschauer sicher hinwegsehen und sich über eine Komödie freuen, die mit ihren Wendungen verblüfft. (am)

„Angriff auf Wache 08“ (Deutschland 2019)

Regie: Thomas Stuber

Die Story
Nahe einer „Museums-Polizeiwache“ tötet eine Gruppe von Kriminellen einen Eisverkäufer und einen weiteren Mann. Dessen Tochter (Paula Hartmann) kann in die ehemalige Polizeidienststelle flüchten, an der zeitgleich ein Gefangenentransporter mit einer Reifenpanne vorfährt. Plötzlich wird die Wache von allen Seiten beschossen.

Eine ausführliche Kritik und zusätzliche Informationen gibt es hier.

„Jesus Shows You the Way to the Highway“ (ES/EST/ETH/LT/RO/UK, 2019)

Regie: Miguel Llansó

Zweites Screening: Sonntag, 15. September, im Cine k / Studio um 21.30 Uhr

Die Story
Was haben Stalin in Nike-Turnschuhen, ein Superheld mit Fußfetisch und ein Lederjacken-Jesus miteinander zu tun? Eigentlich gar nichts, aber Regisseur Miguel Llansós neuestes Werk sprengt die Grenzen der Realität mit einer Portion Wahnsinn und Humor. Der Film handelt von den CIA-Agenten Palmer (Agustín Mateo) und Gagano (Daniel Tadesse), die in einer virtuellen Realität einem Virus namens „Sowjetunion“ hinterher jagen, um seinem bösen Treiben ein Ende zu bereiten. Doch als sie ihm auf die Schliche kommen, stellt sich die Mission als Falle heraus, sodass sie es nun mit einer komplexen, immer mächtiger werdenden Bedrohung zu tun haben.

Der experimentelle Langfilm zeigt seine absurden sowie surrealen Seiten mit Schauspielern, die Masken aufhaben und sich in Stop-Motion bewegen, dem übermäßigen Einsatz diverser Soundeffekte, Männern in Fliegenkostümen, roboterhaften Dialogen und weiterem Irrsinn. Dabei setzt sich die Story wie ein Puzzle aus unzähligen Teilen zusammen.

Während des Films sind unzählige Hommagen an etliche Filmklassiker wie „Matrix“ oder „James Bond“ sowie Anleihen von Retro-Arcadespielen (u.a. „Mortal Kombat“) zu finden. Denn nach seinem Motto „Mehr ist mehr!“ prallen im Minutentakt verschiedene Genres aufeinander: actionreiche Szenen mit Kung-Fu-Kämpfern, die nach Nudelsorten benannt sind, bis hin zu einer Love-Story um Pizza und Kickboxen. Typische Filmkonventionen werden gebrochen oder als Parodie auf die Schippe genommen, was das Publikum bei der Deutschlandpremiere bereits oft zum Lachen brachte. Weiterhin scheut der Film auch nicht vor Trash-Momenten zurück. Dennoch harmonieren die einzelnen Genre-Elemente auf irrwitzige Weise miteinander, sodass der Film nicht zusammenhangslos erscheint, auch wenn man sich in mehreren Realitätsebenen verirren mag.

„Bizarr“ ist daher nur eine der vielen Worte, um „Jesus Shows You the Way to the Highway“ beschreiben zu können. Wer allerdings Filme mag, die sich auf intelligente Weise selbst nicht ernst nehmen, wird definitiv sein Vergnügen haben und darf sich auch von vielen Story-Wendungen überraschen lassen. Denn wie das Gewirr an künstlichen Realitäten, ist nicht immer alles so, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint. (Lisa-Marie Ramlow)

„Cuck“ (USA 2019)

Regie: Rob Lambert

Zweites Screening: Freitag, 13. September, im theater hof/19 um 16.30 Uhr

Cuck

Die Story
Für den armseligen Ronnie (Zachary Ray Sherman) geht im Leben einfach alles schief: der frustrierte Arbeitslose muss seine nervige kranke Mutter pflegen und bei ihr leben, er hat kein Geld, keine Zukunft. Sein Traum ist die Army. Weil er aber als sexistischer, homophober Rassist täglich über die Zustände in seinem großartigen Amerika lautstark ausrastet, scheinen alle seine Bemühungen umsonst … bis er anfängt, als rechtsextremer Blogger Videos im Netz zu posten, immer mehr Zuspruch findet und sein Leben sich auf unumkehrbare Weise drastisch verändern wird.

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Regisseur Rob Lambert zeigt den brutalen Abstieg eines stereotypen und doch vielfältigen Charakters in den Extremismus, indem er seine Menschlichkeit durch seine gewaltbereite Frustration hinter sich lässt. Gezeigt werden die hässlichen Abgründe und Schattenseiten Amerikas, die heutzutage unter der Regierung Trumps immer mehr ans Tageslicht kommen scheinen. Das brisante Thema des Films entfachte in den USA bereits hitzige Diskussionen aus allen politischen Lagern.

Außerdem ist „Cuck“ definitiv nichts für Zartbeseitete: rassistische Beleidigungen, ständige Masturbation und lange Porno-Szenen prägen den Film, der sich durch letzteres doch sehr verlieren mag. Dennoch zieht er einen mit seiner düsteren spannenden Atmosphäre in den Bann, was neben der Story auch an der allgemein außergewöhnlichen Cinematographie in Sepiatönen mit treibendem Soundtrack liegt. Insbesondere kann Zachary Ray Sherman zurecht für seine intensive schauspielerische Leistung gelobt werden, wodurch der Film immer noch Geschmackssache bleibt, aber unter die Haut geht. (Lisa-Marie Ramlow)

„Bruder Schwester Herz“ (Deutschland 2019)

Regie: Tom Sommerlatte

Regisseur Tom Sommerlatte (rechts) stellte im Casablanca Kino mit Willi Böhm (Kamera), Iris Sommerlatte (Produktion) und Sebastian Fräsdorf (Hauptdarsteller) auf sehr unterhaltsamer Art seinen Film

Regisseur Tom Sommerlatte (rechts) stellte im Casablanca Kino mit Willi Böhm (Kamera), Iris Sommerlatte (Produktion) und Sebastian Fräsdorf (Hauptdarsteller) auf sehr unterhaltsamer Art seinen Film „Bruder Schwester Herz“ vor.
Foto: Volker Schulze

Die Story
Leicht, erfrischend und spannend erleben die Kinobesucher die Geschichte des Geschwisterpaars Lilly (Karin Hanczewki) und Franz (Sebastian Fräsdorf), die im Western-Style die mehr schlecht als recht laufende Rinderfarm ihres Vaters betreiben, der nach einem Unfall von seiner Frau und ihrer Mutter verlassen wurde. Leben auf dem Lande, Liebeleien mit den Dorfgirls, Nächte im Pub bei Whisky und Billard prägen das Leben von Franz. Seine Schwester nimmt auch an diesem Leben daran teil, will in ihrem persönlichen Ehrgeiz aber mehr und verspürt einen Freiheitsdrang, der ihre innige Beziehung auf eine harte Probe stellt. Erst ein Zerwürfnis zwischen ihnen beweist, dass ihr fast inzestiöses Verhältnis mehr ist als nur eine Familienbande.

„Bruder Schwester Herz“ ist der zweite Spielfilm von Regisseur und Filmfest-Freund Tom Sommerlatte mit dem er auf dem Filmfest Oldenburg Gast ist. 2015 gewann der junge Regisseur in Oldenburg mit seinem Debüt „Im Sommer wohnt er unten“ den German Independence Award „Bester Film“. Auch sein Zweitwerk, nach seinen Worte eine Ballade, hat durchaus große Chancen auf diesen Preis.

In schönen Bildern und Kameraeinstellungen (Willi Böhm) und mit hörenswerter Songauswahl unterlegt, zeigt Tom Sommerlatte diese amüsante, aber auch ernste Familiengeschichte um unterdrückte Gefühle, verletzte Eitelkeiten, Freundschaft und Liebe. Dass in diesem sehenswerten Film auch ein Stück eigene Lebensgeschichte steckt, zeigt sich durch die Tatsache, dass Tom Sommerlatte mit zehn Geschwistern aufwuchs. Kinostart: 10. Oktober auch in Oldenburg. (vs)

Europapremiere „The Gasoline Thieves“ (Mex/Es/USA/UK 2019)

Die Story
Der Mexikaner Lalo ist zu jung, um seine Kindheit hinter sich zu lassen. Aber er muss erwachsen werden. Seine angebeteten Schulfreundin will er ein Smart Phone schenken und dafür braucht er Geld. Sein Job: Er fährt nachts zu den Ölfeldern und zapft das schwarze Gold ab.

Im Spielfilmdebüt des Regisseurs Edgar Nito „The Gasoline Thieves“ ahnt man bereits früh, dass die Geschichte um den, von seiner Mutter wohlbehüteten jungen Schüler Lalo kein gutes Ende nimmt. Das tragische Ende schwebt permanent über dieses bildgewaltige und brutale Drama. Um als Einzelgänger aus ärmlichen Verhältnissen einem Mädchen aus seiner Klasse zu beeindrucken und um sie als Freundin zu gewinnen, will Lalo ihr ein Mobiltelefon schenken. Doch dafür braucht er Geld, viel Geld. Er gerät dafür in die falschen Kreise zu den sogenannten „Huachicoleros“, die nachts auf den Ölfeldern die Gasleitungen anzapfen, um das „flüssige Gold“ zu hohen Preisen auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Das Ganze geschieht mit der geschmierten Zustimmung des örtlichen Polizeichefs.

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Mit zunehmender Spannung und Dramatik zeigt Edgar Nito das viel zu frühe Erwachsenwerden eines Jungen, der eigentlich nur seine erste Liebe beeindrucken will. Das Drama nimmt mit viel Gewalt seinen Lauf. Ein beeindruckendes Debüt, das nicht für schwache Nerven gemacht ist. (vs)

Eröffnungsfilm: „Lara“ (Deutschland 2019)

Regie: Jan-Ole Gerster

Die Story
Lara hat in jungen Jahren ihre Zukunft als Pianistin abgebrochen, wurde Beamtin und übertrug ihren Ehrgeiz auf ihren Sohn, was ihn anscheinend sein Leben lang verfolgte. Amüsante und auch böse Aktionen wechseln in diesem Psychogramm und machen den Film nicht zu schwer. Reichlich zwischenmenschliche Probleme werden angerissen. Darunter als Hauptthema das Verhältnis gebrochene Verhältnis zu ihrem Sohn, der kein Kontakt zu ihr will, ihrem Ex-Mann, der den Sohn von ihr abschirmt und ihr die Schuld an dem Familien-Dilemma gibt sowie die schwierige Beziehung zur Mutter und letztendlich auch der einseitige Kontakt zu einem Nachbarn, der Lara unaufhörlich seine Aufwartung macht. Die beschriebenen Themen werden aber nicht weiter erklärt, intensiver verfolgt und zu Ende erzählt. Fragezeichen bleiben. Man schwankt bei Lara zwischen Liebe und Hass.

Der Eröffnungsfilm „Lara“ von Jan-Ole Gerster lebt von und mit seiner Hauptdarstellerin Corinna Harfouch und den unzähligen Großaufnahmen ihrer ernsten, melancholischen oder leeren Blicke. Das Kinopublikum muss sich in den ersten Minuten auf lange Kameraeinstellungen und ruhige Bilder einlassen. Erst nach und nach nimmt der Film Fahrt auf. Langsam beginnt die Erzählung der schwierigen Beziehungs-Geschichte von Lara, die ihren 60. Geburtstag feiert, und ihrem Sohn (Tom Schilling), der als Pianist an diesem Tag sein Debüt-Konzert mit eigener Komposition gibt.

Lara ist mit Corinna Harfouch perfekt besetzt, die weiteren Protagonisten verkommen fast zu Statisten. Ob „Lara“ an den Erfolg von „Oh Boy“, dem Langfilm-Debüt von Jan-Ole Gerster, anknüpfen kann, muss das Kinopublikum entscheiden. Das Filmfest-Publikum spendete reichlich Applaus für Jan-Ole Gerster und Corinna Harfouch. Kinostart ist am 7. November. (vs)

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4 Kommentare

  1. Jens
    16. September 2019 um 22.26 — Antworten

    Die geäußerte Kritik am Filmfest-Programm kann ich nur teilen. „Adamstown“ in der Gala zu zeigen war eine sehr seltsame Entscheidung. Und dann diese Fokussierung auf den belanglosen, ja fast peinlichen Thorne-Film. Dazu wieder ein halbes dutzend deutscher TV-Filme, die in ein paar Wochen / Monaten eh im Free-TV laufen und die ich darüber hinaus bereits über die GEZ mitfinanzieren musste. Für diese Filme bin ich nicht bereit, 8,50 € zu zahlen.
    Für das nächste Filmfest wünsche ich mir, dass wieder mehr Augenmerk auf Qualität gelegt wird und weniger auf Kontroverse, Publicity und Premieren. Ansonsten ist man nämlich bald nicht mehr „the European Sundance“ (war man das überhaupt jemals?), sondern einfach nur noch ein Trashfest.

    • W. Lorenzen-Pranger
      16. September 2019 um 23.09 — Antworten

      „…sondern einfach nur noch ein Trashfest.“

      War es das nicht immer schon? Und passt das nicht ganz gut zu Oldenburg, so wie der längst vermurkste „Kultursommer“, das „Stadtfest“ und die „Zeitung“ – und überhaupt viel zu vieles…?
      Strg – Alt – Entf und einen Neuanfang bitte!

  2. Wessel
    17. September 2019 um 22.07 — Antworten

    Ganz, ganz zwiespältig die Sache mit dem Filmfest.

    Ich fand es immer geil, dass es das überhaupt gibt in unserer Stadt. Wir haben aber inzwischen Veranstaltungen, die ihm in Punkto Innovation längst den Rang abgelaufen haben, z.B. die World Press Photo Ausstellung mit dem Begleitprogramm. Außerdem ist mir das Filmfest heute viel zu sehr Selbstdarstellung von dem Torsten Neumann und seiner Clique um Unger, Kahl etc., die hier einmal im Jahr einfliegt und den dicken Max markiert. Daneben gibt es ein sehr zweifelhaftes Gebaren mit den Mitarbeitern. Fragt mal nach, unter welchen Bedingungen und zu welchem Lohn sie arbeiten.

    Zuletzt: Wer glaubt denn die Jahr für Jahr genannte Zahl von 15.500 Besuchern? Oft sind die Kinosäle halbleer, das passt nicht. Aber alle plappern nach, was Neumann vorgibt.

    • W. Lorenzen-Pranger
      17. September 2019 um 23.44 — Antworten

      Zum Nachplappern reicht es, sich bei der NWZ Liebkind zu machen. (Ich gehörte früher mal zu diesen Lieblingen dazu, bis es wirklich nicht mehr ging. Lobhudeleien mit x-fachen üblen Schreibfehlern, also eher schädlich und nicht für Promo verwendbar und das Auslassen tatsächlicher Leistungen waren einfach indiskutabel. War noch unter dem alten Chefredakteur) Die jubeln alles hoch, damals wie heute, was für sie pflegeleicht ist. Ich mache heute das Gegenteil und ich kann noch so fachlich kompetente Leserbeiträge schreiben, sie werden ganz sicher nicht veröffentlicht. Ich machs trotzdem – und niemand soll nachher sagen, er hätte dies oder jenes nicht gewußt.(Grad heute mal wieder über Gülle für Leute, die Chemie total geschwänzt haben.)
      Na ja, so lange bestimmte Mitarbeiter da jetzt den Chefredakteur offenbar gut unter Kontrolle haben, macht sich in dem Laden eben ein unguter Geist breit, der mit unabhängiger Information oder gar seriöser Pressearbeit ganz sicher weniger zu tun hat. Man siehts ja auch an den Privatkommentaren im Internet, welch seltsame Klientel sich dort sehr wohlfühlt und versammelt. https://ze.tt/warum-die-berichterstattung-ueber-ostdeutschland-pauschalisierend-und-peinlich-ist/ Öffnen sie mal das Video dort…
      Manchmal frage ich mich, was der Verleger davon hat – jammert nicht der ganze Laden oft schon öffentlich über Verluste bei der Print-Auflage? Doch, tut er! Wie kommt sowas nur? Smily

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